Forscher: Vogelgrippe hat sich mittlerweile zur Pandemie entwickelt

11. Dezember 2016, 14:08
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Vorerst kein Ende der Ausbreitung unter Wildvögeln in Sicht – Ursachen für Vogelgrippe-Wellen noch weitgehend unklar

Greifswald/Wien/Paris – Die aktuell kursierende Vogelgrippe hat sich nach Einschätzung von Wissenschaftern mittlerweile zur Pandemie unter Wildvögeln ausgeweitet. Seit dem ersten Nachweis im russisch-mongolischen Grenzgebiet im vergangenen Sommer habe sich der H5N8-Erreger zunehmend ausgebreitet, hieß es vom deutschen Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems. Mit Europa, Asien und Afrika seien nun drei Kontinente betroffen.

"Die Ausbreitungsgeschwindigkeit ist beachtlich", sagte FLI-Präsident Thomas Mettenleiter. "Wir sehen im Moment keine Tendenzen zu einer Abschwächung, weder was die Zahl der gefundenen Vögel noch was die geografische Ausbreitung angeht." In Österreich wurde die gefährliche Variante der Vogelgrippe am 9. November bei toten Wildvögeln im Bodensee-Gebiet entdeckt. In Deutschland war der Erreger erstmals vor einem Monat, am 8. November, bei einer toten Wildente am Bodensee und verendeten Wasservögeln in Schleswig-Holstein nachgewiesen worden.

In Österreich ist das Virus am 11. November weiters in einem Putenzuchtbetrieb in Vorarlberg festgestellt worden. Nach dem bestätigten Vogelgrippe-Fall wurden insgesamt 1.100 Tiere gekeult und anschließend seuchensicher entsorgt. Am Institut für veterinärmedizinische Untersuchungen der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) in Mödling wurden bisher 630 Proben von Wildvögeln und Hausgeflügel auf das AI-Virus (Aviäre Influenza) H5N8 untersucht: Bei 20 Wildvögeln aus dem Bodenseegebiet und bei einer Tafelente vom Salzburger Grabensee wurde das Virus nachgewiesen.

Nie zuvor gekannte Ausbreitung in Deutschland

In Deutschland wurden 16 Ausbrüche in Geflügelhaltungen, davon vier in Zoos registriert. "Mittlerweile haben in Deutschland die Fälle bei Wildvögeln und Ausbrüche bei Geflügel und in zoologischen Einrichtungen ein nie zuvor gekanntes Ausmaß angenommen", heißt es in der aktuellen Risikobewertung des FLI.

Den Grund für die aktuell vermehrte Eintragung des H5N8-Erregers in Geflügelhaltungen sieht das FLI im offenbar höheren Infektionsdruck aus der Wildvogelpopulation. So sei der Anteil infizierter Vögel unter den Totfunden deutlich höher als 2006/2007. In Europa ist der Erreger demnach inzwischen in zwölf Staaten nachgewiesen worden. Darüber hinaus meldeten Indien, Iran, Israel, Tunesien und Ägypten H5N8-Fälle.

In Frankreich waren bis zum Wochenbeginn sieben Betriebe im Südwesten des Landes betroffen. Die Region hatte bereits im Vorjahr schwer unter einer anderen Vogelgrippe-Variante gelitten, damals hatten die Behörden den Export von lebenden Vögeln und Hühnern verboten – eine solche Situation will Frankreich diesmal unbedingt verhindern. Gerade wurde die Risikostufe im ganzen Land von moderat auf hoch angehoben. Bisher galt diese Stufe nur für einige Regionen. Damit müssen Zuchtbetriebe zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen ergreifen.

Die neuen Fälle kurz vor der Weihnachtszeit sind ein Dämpfer für die französische Geflügelbranche: Eigentlich hätte das Land Anfang des Monats seinen Status "frei von Vogelgrippe" wiedererlangen können – doch damit wird es nun erstmal nichts. Damit dürften Exportmärkte in Asien, vor allem China und Japan, für französische Produkte vorerst weiter tabu bleiben.

Kein Ende in Sicht

Ein Abklingen der Vogelgrippe-Welle ist nach Einschätzung der FLI-Fachleute noch nicht zu erkennen. Im Gegenteil: Der für Geflügel hochgefährliche Erreger, der bisher konzentriert bei Wildvögeln an den Küsten und am Bodensee gefunden wurde, werde inzwischen zunehmend bei Wasservögel-Kadavern an Binnengewässern nachgewiesen.

Das Institut empfiehlt den deutschen Bundesländern inzwischen, auch tote Säugetiere, die in Gebieten mit hoher Wildvogeldichte gefunden werden, zu untersuchen. Es gebe bisher zwar keine Indizien dafür, dass es zu einem Sprung des Erregers von Vögeln zu Säugetieren komme, sagte Mettenleiter. Auch Versuche des Instituts, bei denen Mäuse und Frettchen infiziert wurden, hätten zu keiner anderen Einschätzung geführt. Falls es aber doch zu einer Infektion von Säugetieren kommen sollte, solle das frühzeitig bemerkt werden.

Unklare Ursachen

Welche Ursachen zu Vogelgrippe-Wellen führten, sei noch weitgehend unklar, sagte Mettenleiter. Auch ein Vergleich zur H5N1-Pandemie von 2006/2007 führe nicht weiter. Damals wurde der Erreger im Februar bei tiefen Frosttemperaturen nachgewiesen. Im Jahr 2007 tauchte H5N1 im Sommer wieder auf. H5N8 wurde 2014 und 2016 im November in Deutschland bei milden Herbsttemperaturen nachgewiesen. Obwohl die Vogelgrippe seit Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder auftrat, ist eine der aktuellen Situation ähnliche Pandemie im Wildvogelbereich nach Angaben des FLI bisher nur 2006/2007 beobachtet worden.

Dies hänge nicht nur mit den heute zur Verfügung stehenden besseren Diagnosemöglichkeiten zusammen. "Der Infektionsdruck gegenüber den Wildvögeln hat sich im Vergleich zu früheren Jahrzehnten deutlich erhöht", sagte Mettenleiter. Die Zahl an gehaltenem Nutzgeflügel sei weltweit gestiegen. "Damit stehen mehr potenzielle Wirte für den Erreger zur Verfügung." Zudem gebe es in Asien eine enge Vergesellschaftung zwischen Nutzgeflügel und Wildvögeln, mit der Folge, dass die Wahrscheinlichkeit von Ansteckungen steige. (APA, red, 11.12.2016)

  • Probenentnahme aus einem toten Schwan im AGES-Institut in Mödling. Experten zufolge hat sich der Ausbruch der Vogelgrippe inzwischen zur Pandemie unter Wildvögeln ausgeweitet.
    foto: apa/helmut fohringer

    Probenentnahme aus einem toten Schwan im AGES-Institut in Mödling. Experten zufolge hat sich der Ausbruch der Vogelgrippe inzwischen zur Pandemie unter Wildvögeln ausgeweitet.

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