Lebensmittel-Unverträglichkeit: Nutzlose Selbsttests

Blog9. Dezember 2016, 07:00
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Das Geschäft mit nutzlosen Unverträglichkeitstests scheint zu florieren. Der Schaden für Kunden ist nicht nur ein finanzieller

Rund um das Thema Lebensmittelallergien und -Unverträglichkeiten herrscht eine regelrechte Hysterie. Viele Menschen sind überzeugt davon, dass ihr Körper Weizen, Gluten, Milchprodukte oder andere Lebensmittel nicht verträgt – auch wenn sie das nie ärztlich haben überprüfen lassen. Dementsprechend gut verkaufen sich Speziallebensmittel, die etwa frei von Gluten oder dem Milchzucker Laktose sind.

Diesen Trend befeuern im Internet erhältliche Selbsttests, mit denen sich angeblich Unverträglichkeiten auf eine große Anzahl unterschiedlicher Nahrungsmittel gleichzeitig entdecken lassen. Die Tests weisen sogenannte IgG-Antikörper im Blut nach (York-Test), die den Herstellern zufolge angeblich "verzögerte Allergien" auslösen und zahlreiche unspezifische Beschwerden im Zusammenhang mit Nahrungsmitteln verursachen. Die Symptome sollen von Müdigkeit und Erschöpfung über Kopfschmerzen und Bauchbeschwerden bis hin zu Übergewicht reichen.

Haltlose Behauptung

Wissenschaftlich ist diese Behauptung unseriös und nicht zu halten, der diagnostische Nutzen solcher Tests geht gegen null. Es gibt keine wissenschaftlichen Hinweise auf derartige "verzögerte" Allergien.

Der Grund für Lebensmittelallergien ist eine überschießende Reaktion des Immunsystems. Dabei bildet dieses zwar tatsächlich Antikörper, die sich gegen Nahrungsbestandteile richten und die typischen Allergiesymptome verursachen – es handelt sich aber um Antikörper vom Typ IgE. Für IgG-Antikörper, die von den Selbsttests gemessen werden, ist kein Zusammenhang mit Lebensmittelallergien bekannt.

Im Gegensatz zu Lebensmittelallergien haben Lebensmittel-Unverträglichkeiten nichts mit Antikörpern zu tun, sie beruhen häufig auf einem Enzymmangel. Bei einer Milchzuckerunverträglichkeit (Laktoseintoleranz) zum Beispiel fehlt dem Dünndarm das Enzym Laktase. Der Milchzucker wandert somit unverdaut in den Dickdarm, wo er Wasser anzieht und von Bakterien vergoren wird. Die Folge sind Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfall.

Problematische Panikmache

Die Forschung deutet darauf hin, dass der Körper die angeblich unheilbringenden IgG-Antikörper nur als natürliche Reaktion auf den Kontakt mit Lebensmitteln bildet. Sie würden damit keine Krankheit anzeigen, sondern wären schlicht ein Hinweis darauf, dass wir diese Lebensmittel öfter essen. So finden sich erhöhte IgG-Spiegel auch bei Menschen ohne gesundheitliche Beschwerden. Es ist also wahrscheinlich, dass auch vollkommen gesunde Menschen scheinbar auffällige Testergebnisse erhalten.

Solche Testresultate verunsichern jedoch viele Menschen. Aus Angst vor krankmachender Nahrung streichen sie oft zahlreiche Lebensmittel von ihrem Speiseplan, nur weil sie für diese hohe IgG-Werte erhalten haben. Dass ihr Körper oft gar keine Probleme mit diesen Speisebestandteilen hat, ist ihnen nicht bewusst. Die irreführenden Selbsttests verursachen nicht nur grundlos Panik, in einzelnen Fällen sind sie möglicherweise sogar der Beginn unnötiger, krankmachender Diäten.

Teures Spiel mit der Angst

Das scheint die zahlreichen Hersteller solcher Tests nicht davon abzuhalten, ihre Selbsttests weiter im großen Stil zu bewerben. Dabei sind sie alles andere als günstig: Um die 100 Euro verlangen Hersteller wie Vimedics, Vimeda und das Tiroler Unternehmen Kiweno, das trotz seines fragwürdigen Testangebots über eine TV-Show unlängst Millionen an Investorengeldern lukrieren konnte. Einen Test der Firma Imupro, der angeblich Unverträglichkeiten auf bis zu 300 verschiedene Nahrungsmittel entdecken kann, bietet ein Webshop gar um stolze 455 Euro an.

Je mehr unterschiedliche Unverträglichkeiten man jedoch untersuchen lässt, desto größer ist auch das Risiko für scheinbar auffällige Testergebnisse.

Ärztlich abklären

Wer vermutet, ein oder mehrere Nahrungsmittel nicht zu vertragen, sollte das beim Arzt oder der Ärztin seines Vertrauens sorgfältig abklären lassen. Eine echte Gluten-Unverträglichkeit (Zöliakie) beispielsweise ist eine schwerwiegende Krankheit. Nur davon Betroffene können ihre Gesundheit nachgewiesenermaßen durch eine glutenfreie Ernährung verbessern. An Zöliakie leiden etwa ein halbes bis ein Prozent der Bevölkerung. Dennoch glaubt einer Umfrage aus dem Jahr 2014 zufolge beinahe jede zehnte Person, Gluten nicht zu vertragen. Ähnliches gilt für viele andere Unverträglichkeiten und Lebensmittelallergien. (Gerald Gartlehner, 9.12.2016)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vize-Direktor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

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  • An einer echte Gluten-Unverträglichkeit, auch Zöliakie genannt,  leidet etwa ein halbes bis ein Prozent der Bevölkerung. In Deutschland glauben einer Umfrage aus dem Jahr 2014 zufolge aber fast zehn Prozent der Menschen, dass sie Gluten nicht vertragen.
    foto: apa/dpa/paul knecht

    An einer echte Gluten-Unverträglichkeit, auch Zöliakie genannt, leidet etwa ein halbes bis ein Prozent der Bevölkerung. In Deutschland glauben einer Umfrage aus dem Jahr 2014 zufolge aber fast zehn Prozent der Menschen, dass sie Gluten nicht vertragen.

  • EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.
    foto: georg h. jeitler/donau-uni krems

    EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

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