Blut: In liquiden Netzwerken fischen

10. Dezember 2016, 12:00
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Leukämie, Myelom und Lymphome: Erkrankungen der Blutzellen stellen Forscher vor viele Herausforderungen. Auf der größten Hämatologenkonferenz ASH wurden die Potenziale und Grenzen neuer Therapien diskutiert

San Diego – Der menschliche Organismus ist eine unglaubliche Maschine. Manchmal braucht es Zahlen, um es sich ins Bewusstsein zu rufen. Einer der produktivsten Orte im menschlichen Körper ist das Knochenmark. Täglich werden dort über 600 Milliarden Blutzellen hergestellt, "das sind mehr Zellen als es Sterne in einer Galaxie gibt", beginnt David Scadden, Leiter des größten Stammzelllabors in Harvard, seinen Vortrag über das Knochenmark. Er spricht im riesigen Plenarsaal vor tausenden Zuhörern auf der wichtigsten Hämatologie-Konferenz ASH, die vergangenes Wochenende in San Diego über die Bühne ging.

28.000 Teilnehmende, ein Mix aus Grundlagenforschern, Wissenschaftlern und Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen und Vertretern der pharmazeutischen Industrie sind nach San Diego gekommen, um sich sechs Tage lang über die neuesten Erkenntnisse zu Erkrankungen der Blutbildung auszutauschen: Konkret geht es um Gerinnungsstörungen und die Krebserkrankungen, die von den unterschiedlichen Blutzellen ausgehen können.

Soviel vorneweg: Blutbildung ist ein hochdifferenzierter Prozess, verläuft in Stadien und verändert sich im Laufe eines Lebens. Die These des Grundlagenforschers Scadden: Die blutbildenden Stammzellen sind keine getrennten Entitäten, sondern Zellverbände, die in Nischen leben und extrem anpassungsfähig sind. Es sind die Zell-Konstellationen, die Erkrankungen verursachen können. Blut, Knochen, Nerven – alles hängt viel unmittelbarer zusammen als bisher vermutet.

Viele Variablen

Dabei hat die Genomforschung alles noch wesentlich komplizierter gemacht. "Wir überblicken nur einen kleinen Teil des Genoms, ganz wenige Stellen, von denen wir ausgehen, dass sie Hotspots für hämatologische Erkrankungen sind, weil dort viele Mutationen auftreten, sagte Marc Rubin, Onkologe und Pathologe am Weill Cornell Medical College in New York. Im Bauplan des Menschen gibt es viele Variablen, das Genom ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, erlaubt eine Vielzahl von Mutationen, "wir sind dabei herausfinden, welche Mutationen tatsächlich auch zu einer Erkrankung führen. "Nicht jede Mutation hat Bedeutung", sagt er. Die entscheidende Frage: Kann man Therapien entwickeln.

Und da gab es Erfolgsmeldungen. So gehen die Forscher davon aus, dass die Sichelzellenanämie und bestimmte Formen von Hämophilie (Bluterkrankheit) mit Gentherapien in den Griff zu bekommen sein werden. Aufsehen erregte die neue Immuntherapie mit CAR-T-Zellen, gentechnologisch aufgerüstete Abwehrzellen zur Krebsbekämpfung. Eine Studie an Patienten mit Non-Hodgkin-Lymphomen zeigte eindeutige Wirksamkeit.

In Anbetracht dessen, dass Erkrankungen wahrscheinlich von unterschiedlichen Mutationen ausgehen, müssten sich aber auch die Studiendesigns verändern, sagt Ross Levine vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center. Genau das passiert für die Akute Myeloische Leukämie (AML). Unter dem Überbegriff AML verbergen sich, so der Forscher, wahrscheinlich 15 bis 20 unterschiedliche Varianten. In der BEAT-AML-Studie werden abhängig von dem genetischen Profil eines Patienten (eine Genomsequenzierung erfolgt in sieben Tagen!) zwischen sieben und zehn Wirkstoffe parallel getestet. Je nach Wirkung können Studienarme kurzfristig geschlossen oder geöffnet werden. Das Ziel: "Die richtige Therapie in einer möglichst kurzen Zeit für Patienten zu finden", fasst Levine die Herausforderung zusammen, Denn das bisherige Studiendesign sei in Anbetracht der komplexen Ausgangssituation zu schwerfällig.

Minutiöse Arbeit

Große Fortschritte gibt es seit einem Jahr bei der Behandlung des Multiplen Myeloms, für das im letzten Jahr eine Reihe neuer Medikamente zugelassen wurden. Sie werden in zirka 200 unterschiedlichen Studien gerade miteinander verglichen. "Ein Kriterium in den USA ist es, Krankenhausaufenthalte zu vermeiden oder so kurz wie möglich zu gestalten, dementsprechend werden auch Medikamente entwickelt, die ambulant einsetzbar sind", sagt der österreichische Onkologe Heinz Ludwig, Leiter des Wilhelminenkrebsforschungsinstituts.

Medizinischer Erkenntnisgewinn ist minutiöse Arbeit: Davon kann man sich in der Postersession auf der ASH überzeugen. In einem Raum größer als ein Fußballfeld präsentieren Wissenschaftler ihre Studienergebnisse. Tausende Plakate hängen hier nebeneinander, fein säuberlich in Krankheitsbilder geordnet. Auch österreichische Forscher sind da. Wolfgang Sperr von der MedUni Wien präsentierte seine Ergebnisse zur Intensivchemotherapie bei älteren AML-Patienten, Klaus Geissler vom Krankenhaus Hietzing seine Biodatenbank für Chronischer Myelozytischer Leukämie (CMML).

In der ASH- Abschlussveranstaltung bringt Ross Levine aber noch eine ganz andere Dynamik bei den neuen Krebstherapien zur Sprache: "Wenn neue therapeutische Ansätze gefunden werden, müssen wir uns auch immer die Frage stellen, ob sie bestehende nicht obsolet machen, und ob wir Patienten umsonst Medikamente verabreichen", warnt er. Und er findet, dass die molekulare Wirkung von Chemotherapie noch viel zu wenig erforscht ist. Es ist eine alt bewährte Therapie, die sich trotz der vielen Optionen gehalten hat. "Komplex" war übrigens das am meisten benutzte Wort dieser ASH. Zur Erinnerung: Das Knochenmark produziert 600 Milliarden Zellen täglich. (Karin Pollack, 10.12.2016)

  • Forscher diskutierten am Hämatologie-Kongress ASH in San Diego die Grenzen und Potenziale neuer Therapien.
    foto: apa/helmut fohringer

    Forscher diskutierten am Hämatologie-Kongress ASH in San Diego die Grenzen und Potenziale neuer Therapien.

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