Ostsee: Forscher warnen vor Zusammenbruch der Dorschbestände

12. Dezember 2016, 08:43
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Kritik an fischereipolitischen Maßnahmen von EU und Deutschland

Kiel – Um die Fischbestände in der Ostsee steht es nicht zum Besten. Insbesondere der Dorsch leidet sehr unter der Überfischung – und die Situation dürfte sich noch verschlimmern, befürchten Experten.

Wissenschafter vom Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und des Kieler Exzellenzclusters "Ozean der Zukunft" gehen in einem aktuellen Positionspapier mit den kürzlich beschlossenen Maßnahmen der EU und Deutschlands zur Sicherung des Bestands des westlichen Ostseedorsches hart ins Gericht. "Weder die Festlegung der Fangquoten noch die im Oktober im Haushaltsausschuss der Bundesregierung beschlossenen finanziellen Ausgleichzahlungen für kurze selbstgewählte Stilllegung der betroffenen Fischkutter tragen zur nachhaltigen Erholung des Bestands bei", sagt Fischereibiologe Rainer Froese vom Geomar.

Die Forscher befürchten vielmehr einen Zusammenbruch des Bestands im Jahr 2019. Die gesamten Maßnahmen stünden, so das Autorenteam, im Widerspruch zu den Zielen der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP 2013) der Europäischen Union. "Sie fordert eigentlich Fangquoten, die erlauben, dass sich Bestände erholen und dann langfristig hohe Fänge liefern können", betont Froese.

Dorschnachwuchs gefährdet

Die langjährige Überfischung hat dazu geführt, dass sich der Dorschbestand in der westlichen Ostsee seit Jahren außerhalb sicherer biologischer Grenzen befindet. Der Elternbestand ist derzeit so klein, dass eine normale Nachwuchsproduktion gefährdet ist. Bereits seit 2009 besteht eine mehr als 50-prozentige Wahrscheinlichkeit dafür, dass der Nachwuchs beeinträchtigt ist oder sogar ausbleibt. Ökosystemmodelle des Geomar zeigen bereits seit Jahren einen Mangel an Jungdorschen.

Im September hatte der Ministerrat der EU die Fangquoten für den Dorsch in der westlichen Ostsee zwar deutlich gesenkt und erstmals auch Obergrenzen für die Sport- und Freizeitfischerei eingeführt. Doch die Quoten liegen immer noch deutlich über den wissenschaftlichen Empfehlungen des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES). "Der Bestand ist in einem kritischen Zustand, aber die erlaubten Fänge sind etwa doppelt so hoch wie die wissenschaftliche Empfehlung", betont Froese.

Die aus Sicht der Wissenschaft zu hohen Fangquoten für das nächste Jahr werden den schwachen Jahrgang weiter dezimieren. Dorsche können sich erst ab einem Alter von etwa drei Jahren fortpflanzen. Werden aber die wenigen zukünftigen Elternfische schon vorher gefangen, dann droht dem Bestand der Kollaps. Bei anhaltendem Fischereidruck erwarten die Kieler Forscherinnen und Forscher einen Zusammenbruch im Jahr 2019. (red, 12.12.2016)

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