Naturschneepisten als Auslaufmodell

7. Dezember 2016, 18:00
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Die Tourismusindustrie will Pisten, die selbst bei Plusgraden nicht davonschmelzen. Nur einige kleine Skigebiete verzichten auf künstliche Beschneiung

Innsbruck – Wer Naturschnee schätzt, sollte sich beeilen. Angesichts aperer Berge geht den letzten Naturschneegebieten Österreichs, wie etwa der steirischen Planneralm oder dem Glungezer in Tirol, langsam die Luft aus. Die heurige Saison wird wohl die letzte gewesen sein, in der die beiden auf Naturschnee setzen.

Die meisten Winterurlauber kennen das Gefühl, auf einer Naturschneepiste zu fahren, heute nicht mehr. Denn selbst bei ausreichender Schneelage wird in großen Skigebieten mit Kunstschnee gearbeitet – weil dieser kompakter und somit stabiler ist. Naturschnee würde die Massen an Skifahrern, die in den Hochburgen des Wintertourismus die Hänge hinunterbrettern, nicht aushalten. Man wirbt mittlerweile sogar mit Schneekanonen. Sie suggerieren in Zeiten des Klimawandels Schneesicherheit.

"Das geht sich auf Dauer nicht aus"

Und doch gibt es eine Handvoll kleiner Skigebiete, die sich gegen diesen Trend stemmen. Bisher. Denn sie sehen sich heuer abermals mit grünen Weihnachten konfrontiert. "Das geht sich auf Dauer leider wirtschaftlich nicht aus", sagt Gerhard Lackner, Geschäftsführer der Planneralm in der Obersteiermark. Die Planner, auf 1600 Meter Seehöhe gelegen, gilt seit jeher als Schneeloch, doch der Klimawandel sorgt für den dritten aperen Dezember in Folge. "Früher kam so was einmal in fünf Jahren vor."

Auch im Tiroler Tulfes, auf dem Glungezer, neigt sich die Naturschneeära dem Ende zu. "Wir konnten letzte Saison erst Mitte Jänner aufsperren", sagt Nina Wielander vom Tourismusverband Hall-Wattens. Der Glungezer punktete bisher mit Retro-Charme: ein alter Sessellift, breite Naturschneepisten. Nur an der Mittelstation, wo die Sonneneinstrahlung im Frühjahr sehr stark ist, wird im Bereich des Lifteinstiegs mit Kunstschnee nachgeholfen. Doch im kommenden Jahr ist der Bau einer neuen Bahn geplant: "Mit ihr werden wir uns auch eine Beschneiungsanlage kaufen."

Zielgruppe wäre vorhanden

Dabei gäbe es durchaus eine Zielgruppe im Wintertourismus, die Naturschnee schätzt. Tourismusforscher Robert Steiger von der Universität Innsbruck hat für seine aktuelle Studie 3700 Skifahrer in 55 österreichischen Skigebieten nach ihren Präferenzen bei der Wahl des Ortes für den Winterurlaub befragt. "Der Markt dafür ist da, 23 Prozent der Befragten legen Wert auf Naturschnee", sagt Steiger.

Allerdings liegt Schneesicherheit als Motiv unangefochten an der Spitze. Zumindest ortet Steiger eine Chance in der Positionierung: "Wir haben ein Überangebot an Skigebieten. Naturschnee ist ein Alleinstellungsmerkmal, um sich vom Rest abzusetzen."

Naturschnee ist griffiger

Auch auf der Planneralm und der Glungezer schätzen die Gäste das naturbelassene Pistenangebot. "Gerade Kinder, Anfänger und ältere Skifahrer kommen damit besser zurecht, weil der Schnee griffiger ist", sagt Lackner. Zudem sind Naturschneepisten in der Regel weicher, weil sie nicht so schnell vereisen. Und Naturschneegebiete offerieren ein anderes Urlaubserlebnis, erklärt Lackner: "Weil bei uns auch abseits der Piste Schnee liegt, die Bäume sind weiß, und man urlaubt in einer echten Winterlandschaft."

Auf der Planneralm und dem Glungezer steht heuer trotzdem die letzte Naturschneesaison ins Haus. Die Steirer geben zumindest die Hoffnung nicht auf. Man werde auch künftig nur dann beschneien, wenn es nicht anders möglich ist: "Denn je weniger Naturschneegebiete es gibt, umso mehr schätzen uns die Leute." (Steffen Arora, 7.12.2016)

  • Naturschneepisten genießen, solange es sie noch gibt. Auf der Planneralm wird man heuer wohl zum letzten Mal durch echten Schnee carven können.
    foto: tom lamm / planneralm

    Naturschneepisten genießen, solange es sie noch gibt. Auf der Planneralm wird man heuer wohl zum letzten Mal durch echten Schnee carven können.

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