Bedarf steigt: Mehr mobile, kurzfristige Pflege in Wien geplant

6. Dezember 2016, 16:00
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Stadt will bis 2030 größere Zahl und flexiblere Maßnahmen für Betreuung in den eigenen vier Wänden

Wien – Etwa ein Viertel der Menschen, die heutzutage in Wien in ein Pflegeheim kommen, werden wieder nach Hause oder in eine Einrichtung mit weniger enger Betreuung entlassen. Das sei vor 15 Jahren noch anders gewesen, als ein Heimaufenthalt noch mehr als dauerhafte Lösung verstanden worden sei. Diese Entwicklung skizzierte die Wiener Sozialstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) am Dienstag bei einem Pressegespräch – und diese Tendenz dürfte sich verstärken, wenn die Stadt ihr Pflegekonzept 2030, das Wehsely am Dienstag vorstellte, konsequent umsetzt.

Darin sind als vorherrschende Ziele die Remobilisierung Pflegebedürftiger sowie die stärkere Unterstützung pflegender Angehöriger vorgesehen. Es soll mehr mobile Angebote geben, die flexibler wählbar und untereinander sowie mit dem Gesundheitssystem besser vernetzt sein sollen.

Unterstützung pflegender Angehöriger

Einige Maßnahmen sind schon im Laufen. So ist derzeit laut Wehsely ein für die Entlastung pflegender Angehöriger geplanter 24-Stunden-Notrufdienst in Arbeit. Die Konzeption mit Organisationen dafür laufe. Ebenfalls zur Entlastung betreuender Angehöriger ist eine Ausweitung der Öffnungszeiten von Tageszentren auf Abende und Samstage angedacht. In Favoriten ist dazu seit Jänner ein Pilotversuch im Gang. Den daraus gewonnenen Erkenntnissen entsprechend sei ein "flexibles Ausrollen" für 2017 avisiert – je nach Bedarf, "nicht mit dem Gießkannenprinzip überall", sagte Wehsely.

Seit Juli können zudem bei jedem Beratungszentrum des Fonds Soziales Wien (FSW) Pflegeangebote beantragt werden, wie Wehsely sagte. Beim FSW soll zusätzlich auch eine zentrale Anlaufstelle für pflegende Angehörige eingerichtet werden.

Mehr mobiles Personal

Für den Ausbau mobiler Angebote, auch für Rehabilitationsmaßnahmen in den eigenen vier Wänden, wird es entsprechend Personal brauchen. Stand 2013 waren knapp 5.500 Personen in mobilen Diensten tätig und mehr als doppelt so viele im stationären Bereich. Wehsely stellte da die Frage in den Raum, ob Pflegekräfte, die im stationären Bereich arbeiten, nicht zeitgleich auch im mobilen Bereich tätig sein könnten.

Wehsely sieht sich mit steigenden Kosten für die Pflege konfrontiert, zugleich soll durch verstärkte Mobilisierung und Rehabilitation aber die – besonders kostenintensive – stationäre Pflege eingedämmt werden. Die Stadt gab 2013 rund 870 Millionen Euro für Betreuung aus, wobei noch rund 450 Millionen an Ausgaben aus Bundesmitteln und Selbstbehalten dazukamen. Derzeit beziehen rund 85.000 Wiener Pflegegeld, von diesen nehmen etwa 60.000 Menschen Pflegeleistungen des FSW in Anspruch.

Während das Pflegekonzept 2030 ausgearbeitet wurde, hat Wien 36 Pflege- und Pensionistenwohnhäuser um 919 Millionen Euro renoviert oder neu errichtet. Bis zu 18.000 Plätze in 90 Einrichtungen gibt es im stationären Bereich.

Demografische Herausforderung

Dass Handlungsbedarf im Pflegebereich besteht, macht schon ein Blick auf die demografische Entwicklung der nächsten Jahre offensichtlich. In Wien wird allein in den nächsten zehn Jahren die Zahl der über 75-Jährigen um mehr als ein Drittel steigen.

Zugleich wächst zwar der Anteil der Lebensjahre ohne chronische Erkrankung, allerdings steigt die Lebenserwartung (alle zehn Jahre um rund ein Jahr). Das geht aus Zahlen der Magistratsabteilung 23 und der Statistik Austria hervor, die sich, von der MA 24 (Sozialplanung) bearbeitet, im Konzept für die Pflege 2030 finden.

Starker Anstieg kommt 2025

Die nächsten acht bis neun Jahre werde es "noch relativ ruhig" sein, ein starker Anstieg Pflegebedürftiger sei dann im Jahr 2025 zu erwarten, sagte Peter Stanzl, Leiter der Sozialplanung der MA 24. Die demografische Entwicklung gehe zudem einher mit einer Zunahme der Zahl der Einpersonenhaushalte, einer zunehmenden Individualität, einer steigenden Zahl älterer Migranten sowie Veränderungen bei Arbeitslosigkeit und Einkommen.

Birgit Meinhard-Schiebel von der IG pflegender Angehöriger, zugleich Grünen-Pflegesprecherin, sagte dem STANDARD zum Pflegekonzept 2030, dass sie Maßnahmen wie die verlängerten Öffnungszeiten von Tageszentren als "wichtige Entlastung für pflegende Angehörige" sehe. Wichtig wäre ihr zufolge auch, dass die Menschen "sich nicht erst mit Themen der Pflegebedürftigkeit auseinandersetzen, wenn der Hut brennt".

Zugeknöpft zu KAV

Gerüchte einer Ablöse Udo Janßens als Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbunds noch vor Weihnachten wollte Wehsely am Dienstag nicht kommentieren. Die seit einem Streiktag im September laufenden Gespräche über ein Arbeitszeitmodell und Nachtdiensträder der Ärzte seien jedenfalls konstruktiv. (spri, 6.12.2016)

  • Für rund 18.000 pflegebedürftige Menschen ist in Wien Platz in einer stationären Betreuungseinrichtung.
    foto: newald

    Für rund 18.000 pflegebedürftige Menschen ist in Wien Platz in einer stationären Betreuungseinrichtung.

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