"The Last Guardian" im Test: Ein Traumspiel mit Altlasten

Rezension6. Dezember 2016, 11:03
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Neun Jahre lang wurde wurde es entwickelt – nun ist es da. Ein einzigartiges, emotionales, frustrierendes Erlebnis

Das Konzept ist so fabelhaft, dass man auch als Laie erahnen kann, welch kolossaler Kraftakt es für die Entwickler gewesen sein muss: Neun Jahre lang arbeitete das Team von Branchenikone Fumito Ueda an der Umsetzung ihres Traumspiels "The Last Guardian". Neun Jahre lang hielten die Genies hinter Kultwerken wie "Ico" oder "Shadow of the Colossus" an ihrer Idee fest: Spieler schlüpfen in die Rolle eines kleinen, verlorengegangenen Jungen, der zusammen mit einem gigantischen Fabelwesen namens Trico einer rätselhaften und rätselreichen Ruinenwelt entfliehen will. Herausgekommen ist dabei ein Erlebnis, das definitiv seinesgleichen sucht, doch letztendlich seiner turbulenten Entstehungsgeschichte nicht entkommen konnte.

Geheimnisvolle Zeichen

Der Weg nach Hause ist hürdenreich und überaus mysteriös. Als Kind erwacht man in einem Verlies, das für Bestien erschaffen wurde, und man weiß nicht mehr, was vorher war. Die eigene Haut ist übersät mit geheimnisvollen Zeichen, und ein gigantisches Fabelwesen liegt niedergeschlagen vor einem. Wie kaum ein anderer Entwickler schafft es Ueda, schon in diesen ersten Minuten praktisch wortlos in die bevorstehende Aufgabe einzuführen und eine Bindung zwischen dem ungleichen Paar herzustellen.

Man schleicht vorsichtig um den schnaufenden Riesen – teils Katze, teils Vogel, teils Hund – und entdeckt Speere in dessen Federkleid. In einem Akt des Mitleids erklimmt man furchtlos das arme Tier und zieht unter Schmerzensschreien die Spitzen heraus. Man erkundet die Umgebung und findet blau leuchtende Fässer, die dem leidenden Gefährten zur Stärkung dienen. Mit Respekt vor der übermenschlichen Gewalt, die in den Pranken Tricos schlummert, nähert man sich und streichelt sanft die Schnauze. Selten wurden in einem Videospiel Gefühle zwischen Mensch und Tier so selbstverständlich und einfühlsam übermittelt. Es ist fast, als hätte man einen Welpen aus dem Zwinger gerettet.

Meisterliches Konstrukt

Dieses Bündnis ist die Grundlage für den darauffolgenden, meisterlich konstruierten Hindernislauf durch ein in sich verschachteltes und aufeinander gesetztes Ruinen-Labyrinth. Auf Trico reitend überwindet man mit einem Satz Schluchten. Um Trico durch einen Kerker zu geleiten, kriecht man durch Felsspalten, springt über wackelige Gerüste und klettert zu unverschämt angelegten Schaltern für unverbiegbare Stahltore hoch.

Man lernt, seinem animalischen Freund Befehle zu geben, zerstört für Trico Furcht einflößende Symbole, und die handzahme Bestie revanchiert sich, in dem sie von Geisterhand gesteuerte Wachen zertrümmert. Oder, indem sie mit gezielten Blitzen aus ihrem Schweif Barrikaden zerbirst. Und mit jedem abgewendeten Sturz in die Tiefe kristallisiert sich mehr heraus, dass einer ohne den anderen nicht kann.

Kitschlose Liebesgeschichte

Es ist eine herzzerschmelzende Symbiose, die auf ein absehbar mitreißendes Finale zusteuert, das hier aber gewiss nicht weiter erörtert werden soll. Es reicht ein Blick auf die künstlerischen Wurzeln dieser weitgehend kitschlosen Liebesgeschichte, die in den verspielten Animationen des klassischen japanischen Zeichentricks münden. Gepaart mit einer künstlichen Intelligenz, die Trico die Eigenwilligkeit einer Hundekatze einimpft, findet man hier so viel subtile Schönheit, wie sie weder Spiele noch Filme oft zu vermitteln wissen. Bei allen Wagnissen, Herzschlagmomenten und clever ineinander verzahnten Rädchen dieser malerischen Rätselmaschine, ist das Bewusstsein über die Ehrlichkeit dieser unmöglichen Freundschaft das, was diese Welt so authentisch macht.

Rostendes Grundgerüst

Doch es ist leider auch ein Traum, der vielfach zu schön ist, um immer wahr zu sein. Denn zwischen allen aufs Wesentliche kondensierten Emotionen und großartigen spielerischen Ideen stolpert man im Minutentakt über die technischen Altlasten eines neun Jahre alten Grundgerüsts. Die holprig gesteuerte Kamera hat Schwierigkeiten, Trico und seinen kleinen Kameraden einzufangen, der wiederum gerne im Federkleid untergeht und bei jedem zweiten Stein hängen bleibt. Sprünge und Landungen gehen oft nur deshalb schief, weil man von der für heutige Verhältnisse ungeschliffenen Kollisionsabfrage aufs Kreuz gelegt wird. Ausgebremst wird der Hürdenlauf überdies von einer allfälligen Überforderung der PS4-Hardware. Ein spezifisches Performancemanko, das auf der PS4 Pro nicht zum Tragen kommt. Es wäre hart, aber nicht unfair, eine große Vision an den vielen kleinen Fehlern ihrer Umsetzung zu messen. Denn letzten Endes sollte Technologie ein Treibsatz und kein Hemmschuh für den Spielspaß sein.

Wo technisch selbst nach all den Jahren noch nachgefeilt werden kann, muss man sich über einen potenziellen und wohl unveränderbaren Frustfaktor im Vorfeld im Klaren sein: Uedas Team hat es geschafft, das Verhalten eines gewiss überdimensionierten, menschenfreundlichen Tieres so gut zu imitieren, dass man im Zusammenspiel viel Geduld mit sich bringen sollte. Trico ist eine ungemein charakterstarke KI, die sich manche Dinge gerne dreimal sagen lässt, bevor sie sich in Bewegung setzt.

wirspielen
Hat sich die Wartezeit gelohnt? Wir spielen die erste Stunde von "The Last Guardian".

Fazit

Wie sehr und ob man die mit purer Willenskraft erkämpfte spielerische Errungenschaft hinter "The Last Guardian" wertschätzen wird, hängt zu großen Teilen davon ab, wie gut man über die Ecken und Kanten dieses Rohdiamanten hinwegsehen kann. Dieses unbestreitbar genial erdachte Abenteuer eines kleinen Jungen und dessen bestialisch-fabelhaften Freundes wirkte so lange wie ein unerreichbarer Traum. Nun ist er in der imperfekten Realität wahr geworden. (Zsolt Wilhelm, 6.12.2016)

"The Last Guardian" erscheint am 7. Dezember für PlayStation 4. Ab 12 Jahren.

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