Großer Bahnhof für wenige Container

6. Dezember 2016, 06:00
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Der neue Güterterminal Wien-Inzersdorf soll die Verlagerung von Gütern auf die Schiene fördern. Allein, es fehlt an Containern

Wien – Zweifel, dass der neue ÖBB-Güterterminal in Wien-Inzersdorf der große Renner wird, hat offensichtlich auch Verkehrsminister Jörg Leichtfried (SPÖ). Er räumte im Fernsehen ein, dass angesichts des niedrigen Dieselpreises eher nicht die große Zeit sei für die angestrebte Frachtverlagerung von der Straße auf die Schiene.

Unter Kapazitätsengpässen dürfte der am späten Montagnachmittag offiziell eröffnete Güter-Hauptbahnhof in Wien-Inzersdorf tatsächlich so bald nicht leiden. Dabei wurde die Anlage mit einem Investitionsvolumen von rund 246 Millionen Euro bereits während der Bauzeit redimensioniert. Von ursprünglich zwei Kranbahnen wurde nur eine realisiert, und pro Tag würde in den nächsten Wochen nur eine Handvoll Züge ent- und beladen, sagen mit dem schwierigen Bahngüterverkehrsgeschäft vertraute Personen aus der ÖBB. Als wichtigster Zug, quasi der Anker von Inzersdorf, gilt in der ÖBB-Gütersparte RCA der sogenannte Orange-Zug, ein von der Spedition Gebrüder Weiss mit Waren der Supermarktkette Rewe befüllter Zug, der täglich von Wien nach Westösterreich fährt.

Warenumschlag der Bahn

Verlagert wird vorderhand vor allem Bahngüterverkehr. Denn der Güterbahnhof Wien-Nordwest wird geschlossen und der Warenumschlag in Inzersdorf durchgeführt. Mehr Züge und Warenumschlag würden händeringend gesucht, sagen RCA-Auskenner.

ÖBB-Sprecherin Juliane Pamme gibt die aktuelle Auslastung in der Anlaufphase des neuen Terminals Inzersdorf mit 45 Zügen pro Woche an. Das sind pro Werktag acht Züge. 2017 soll sie auf 50 Züge pro Woche erhöht werden, was im Gesamtjahr rund 120.000 Einheiten, also Containern, Sattelaufliegern etc. entspreche. 2018 kalkuliert man mit 152.000 Einheiten. Für Volumina in dieser Größenordung brauche man tatsächlich keine zweite Kranbahn, räumt Pamme ein. Selbst dann nicht, wenn der Terminal Wien-Nordwest mit derzeit 80.000 Einheiten pro Jahr geschlossen und Güter und Züge nach Inzersdorf umgeleitet werden. Die Kapazitätsgrenze für die eine Kranbahn (mit zwei Kränen) liege bei 210.000 Einheiten. Bei Bedarf könne die zweite Kranbahn relativ kurzfristig installiert und in Betrieb genommen werden.

220.000 Lkw-Fahrten

Inzersdorf trage bereits 2017 dazu bei, rund 60.000 Lkw-Fahrten auf die Schiene zu verlagern, gab sich Minister Leichtfried unverdrossen optimistisch. Später im Vollausbau würden es bereits 220.000 Lkw-Fahrten sein. Schließlich liege Inzersdorf an der Schnittstelle dreier europäischer Kernnetzkorridore und bestätige den Ruf Österreichs als Vorzeigeland beim Schienennetzausbau.

Konsequent ausgeblendet wird freilich, dass Österreich insbesondere im Nord-Süd-Schienengüterverkehr großflächig über Tschechien, die Slowakei und Ungarn umfahren wird. Den Rest erledigte die ÖBB-Güterbahn RCA, der die Cargo-Kombi-Terminals bis 2013 gehörten, indem sie den nationalen Kombiverkehr aus Kostengründen massiv schrumpfte und so den mühsam erhöhten Modal Split wieder deutlich senkte.

Schwarze Null

Der RCA-Motor stottert trotzdem. Heuer werde gerade noch eine schwarze Null eingefahren, wie aus Kapitalvertreterkreisen nach der ÖBB-Holding-Aufsichtsratssitzung vorige Woche durchsickerte. An den Zahlen des RCA-Konzerns lässt sich das kaum ablesen. Die Gruppe wies in der Neunmonatsbilanz Ende September ein Betriebsergebnis (Ebit) von knapp 27 Millionen Euro aus. Ein Blick auf die Details bringt Ernüchterung: 17 Millionen Euro Ebit brachte allein die ÖBB-Werkstättentochter Technische Services (TS) auf die Waage. Sie gehört nur zur Hälfte der RCA, wird aber vollkonsolidiert. Das Kerngeschäft RCA-Carrier hingegen war bis Ende September mit 21,8 Millionen Euro unter Wasser. (ung, 6.12.2016)

  • Eine Kranbahn wurde auf dem Terminal Inzersdorf mangels Güteraufkommen in der Bauphase eingespart. Jetzt gibt es zwei statt vier Kräne.
    foto: öbb / robert deopito

    Eine Kranbahn wurde auf dem Terminal Inzersdorf mangels Güteraufkommen in der Bauphase eingespart. Jetzt gibt es zwei statt vier Kräne.

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