"Sühnhaus": Von Geistern der Geschichte

6. Dezember 2016, 06:00
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In ihrem essayistischen Dokumentarfilm folgt Maya McKechneay den Spuren des Ringtheaterbrands von 1881 – und findet dabei nicht nur die Geister der Toten von damals, sondern auch ein Stück Wiener Geistesgeschichte

Wien – Eingezwängt zwischen zwei Hotels liegt an der Adresse Schottenring 7–9, ein paar Schritte von der Universität entfernt, die Landespolizeidirektion von Wien. Ein Zweckbau, dem man nicht viel ansieht, abgesehen von den Architekturidealen, auf die man nach dem Zweiten Weltkrieg die Vorstellungen von Moderne häufig reduziert hat.

foto: freibeuter film
Der Wiener Schottenring als geschichtsträchtiger Ort: "Sühnhaus" von Maya McKechneay.

Mit der Adresse hat es aber eine besondere Bewandtnis. Hier brannte 1881 das Ringtheater, ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte der Stadt. Hier entstand in der Folge ein neues Gebäude, das einen bedeutsamen Namen bekam: Sühnhaus. Ein Prachtbau mit einer unmöglichen Aufgabe – Schuld zu begleichen.

Die vormalige Filmkritikerin Maya McKechneay hat sich von diesem Namen zu einem Film inspirieren lassen, der viele Register dieses vergeblichen Kompensationsversuchs zum Schwingen bringt. Sind nicht alle Häuser in gewisser Weise Sühnhäuser, die eigentlich Buße tun sollten für die Verluste der Geschichte? Und ist das am Schottenring gelungen?

Assoziative Recherche

Nach dem Film "Sühnhaus" würde man vermutlich sagen: Ganz im Gegenteil! Denn Maya McKechneay beschwört einen negativen Genius Loci. "Sühnhaus" ist ein Geisterfilm, der eine Brücke schlägt zwischen der Gründerzeit im späten 19. Jahrhundert und dem wohlhabenden, gut verwalteten Wien des frühen 21. Jahrhunderts. Man muss sich dabei auf den Blick der Filmemacherin einlassen, um sich nicht von der Funktionalitätsanmutung der Polizeidirektion einlullen zu lassen. Wenn man das Gebäude mit McKechneay begeht, dann tauchen überall Geister auf: im Keller, auf dem Dach. Es sind die Geister nicht nur der Toten von 1881. Eine Patientin von Sigmund Freud stürzte sich im Sühnhaus in den Tod. Der spätere Begründer der Psychoanalyse fand hier eine Wohnung.

Auf die Psychoanalyse könnte McKechneay sich auch mit dem Organisationsprinzip ihres Films berufen: Sie gestaltet ihre Recherche nämlich assoziativ, alles Mögliche kann von Interesse werden, wo die Übergänge manchmal ein wenig zu gewollt wirken, da moderiert sie das überzeugend mit ihrer eingesprochenen Erzählung.

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Die entscheidende Stelle des Films ist zugleich die beste und auch die, in der das Konzept an seine Grenzen stößt: Sie markiert einen Übergang von "Geistern zu Geisteshaltungen". Da werden die Aufnahmen von einem heutigen Brandschutzexperiment, brillant kombiniert mit der Erzählung von dem von höchster (habsburgischer) Stelle veranlassten Versagen der Einsatzkräfte, zu einem Menetekel der Arroganz der Macht, mit dem der Film aber insgesamt ein bisschen überlastet wird.

Denn die subjektive Perspektive einer "Aufladung" von Geschichte verträgt sich eben nicht so gut mit einer mentalitätshistorischen Spurensuche – das wäre dann ja auch ein deutlich konventionellerer Dokumentarfilm. So überzeugt "Sühnhaus" vor allem dort, wo McKechneay es nicht mehr schafft, alle Elemente ihres Films perfekt zusammenzufügen, manchmal müssen Animationen (von Michaela Mandel) weiterhelfen. Paradoxerweise entsteht ein Gefühl von Geschichtlichkeit aber eher in manchen fast leeren Momenten, dann, wenn Gesprächspartner auch einmal nichts Sensationelles zu berichten haben oder wenn die Polizisten rätseln, ob es mit ihrem Arbeitsplatz wirklich eine so besondere Bewandtnis hat. Hat es. Sie müssten nur ins Kino gehen. (Bert Rebhandl, 6.12.2016)

Ab 8.12. im Kino

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