Vom Ende journalistischer Aufklärung

Kommentar der anderen5. Dezember 2016, 16:47
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Donald Trump wurde gewählt, Norbert Hofer beinahe. Was tun gegen Populismus, Fake-News und den Vertrauensverlust der Menschen? Ein paar Überlegungen zum Zustand der Öffentlichkeit und der Medien

Was Donald Trump, aber auch Norbert Hofer, Beppe Grillo und Co anlangt, hat die neue Internationale des Populismus in den letzten Wochen gewiss ein Übersoll an Medienaufmerksamkeit erzielt. Journalisten, Medienforscher, ja: wir alle sollten zwar sorgfältig weiter beobachten, was geschieht, uns aber auch eine Verschnaufpause gönnen, statt weiter über den bevorstehenden Weltuntergang zu spekulieren.

Ein Problem der Medien ist und bleibt, dass sie zu sehr personalisieren. Das gilt nicht nur für die Kronen Zeitung, für Heute und Österreich, sondern leider oftmals auch für den seriöseren Journalismus. Dagegen wäre zwei anderen Aspekten, die den Aufstieg der Populisten auf Schritt und Tritt begleiten, weiterhin sehr viel mehr Aufmerksamkeit zu wünschen: Erstens hat der Journalismus mit massivem Vertrauensverlust zu kämpfen, und zweitens werden wir mit Lawinen von Fake-News zugeschüttet – vor allem, aber keineswegs ausschließlich in den sozialen Netzwerken.

Parallelwelten

Beides hängt natürlich eng miteinander zusammen. Das Bombardement mit Falschmeldungen zielt letztendlich darauf, den Journalismus zu diskreditieren, Hass zu säen, Parallelwelten entstehen zu lassen und so auch den öffentlichen Diskurs und die Demokratie unter der Desinformationslawine zu begraben.

Was den Vertrauensverlust anlangt, haben Medienverantwortliche das Problem lange Zeit ignoriert: Medienforscher konstatieren seit Jahrzehnten den schleichenden Verfall journalistischer Glaubwürdigkeit. Als ARD und ZDF in den 1960er-Jahren damit begannen, in Mehrjahresabständen messen zu lassen, wie es um das Vertrauen in Medienberichterstattung bestellt ist, hätten die Alarmglocken bereits schrillen müssen. Die ermittelten Werte in der Langzeitstudie Massenkommunikation zeigten bereits damals nahezu regelmäßig nach unten.

Auch das berufliche Ansehen von Journalisten war und blieb in entsprechenden Umfragen im Keller. Im Rückblick ist das merkwürdig: Während Medien sonst von Empörungskommunikation leben und Mücken gerne zu Elefanten aufblasen, haben sie vor diesem Jahrhundertthema, das ihre eigene Existenz und unser demokratisches Gemeinwesen gefährdet, lange Zeit kollektiv die Augen verschlossen. Schwindet das Vertrauen in den Journalismus, verringert sich beim Publikum mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Zahlungsbe- reitschaft für Medienprodukte. Obendrein wandern die Werbeer- löse, aus denen vormals Redaktionen finanziert werden konnten, immer mehr in die Kassen von Google und Facebook.

Viele Redaktionen sind in den letzten Jahren drastisch geschrumpft, in den USA haben sie sich zum Teil mehr als halbiert. Unter heutigen Bedingungen fehlt es so den allermeisten Redaktionen schlichtweg an Arbeitskapazität, um der Flut an Nachrichten, PR- und Propagandabotschaften Herr zu werden, die auf sie tag- täglich hereinprasseln. Es geht nicht zuletzt um Machtverschiebungen zwischen Journalismus, PR und Propaganda.

In der "Aufmerksamkeitsökonomie", die der Wiener Sozialforscher Georg Franck kurz vor der Jahrtausendwende klug analysiert hat, konkurrierte eine Vielzahl von Public-Relations-Leuten darum, Journalisten mit News zu versorgen. Bevor Internet und Digitalisierung den Medienbetrieb mit aller Wucht durcheinanderwirbelten, griffen Redaktionen Pressemitteilungen auf und verbreiteten sie im öffentlichen Raum, wenn sie "Nachrichtenwert" hatten.

Die Öffentlichkeitsarbeiter mögen nur die halbe Wahrheit geliefert haben, aber solange Redaktionen gut ausgestattet waren, mussten sie damit rechnen, dass Journalisten die andere Hälfte der Wahrheit herausfinden und ergänzen würden, oftmals mithilfe konkurrierender Public-Relations-Experten.

Die Aufmerksamkeitsökonomie droht jetzt in eine Desinformationsökonomie zu kippen. Die Journalisten haben ihre Schleusenwärterrolle eingebüßt, sie kon-trollieren nur noch bedingt, was im öffentlichen Raum zirkuliert. Oftmals entfällt die redaktionelle Kontrolle ganz oder wird irrelevant, weil Akteure im Internet, insbesondere in sozialen Netzwerken, ungehindert von Redaktionen "Bullshit" verbreiten können – seien das nun Falschmeldungen, Viertelwahrheiten, plumpe Werbebotschaften oder Konspirationstheorien. Zirkulieren diese erst einmal – wie zum Beispiel Trumps Tweets – im Netz, sehen sich auch seriöse Redaktionen gezwungen, diese Meldungen aufzugreifen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, und so wird dann zusätzlich Medienresonanz erzeugt.

Social Bots

Inzwischen geht es aber auch darum, wie rasant sich in den Echokammern der sozialen Netzwerke Unfug ausbreitet, wie Algorithmen sowie Roboter, sogenannte "Social Bots", vieltausendfach den Bullshit breittreten und damit die Stänkerei verstärken. Besonders alarmierend ist in diesem Kontext eine aktuelle Studie der Stanford University, die soeben gezeigt hat, wie wenig gerade junge Leute, die mit dem Internet aufgewachsen sind, in der Lage sind, quellenkritisch Journalismus von Fake-News, PR und Propaganda zu unterscheiden.

Es gibt in naher Zukunft also viel zu tun für die Medienforschung, aber auch für die Journalisten, die endlich in eigener Sache aufklären sollten, statt die Dinge weiter treiben zu lassen. In die Pflicht nehmen sollten wir dabei vor allem die Handvoll weltumspannender Internetkonzerne. Die Zürcher Medienforscherin Natascha Just nennt sie die "Giant Teenagers" – wohl auch, weil sie sich, ihrem Organisationsalter entsprechend, im Blick auf ihre gesellschaftliche Verantwortung bislang pubertär benehmen. Facebook und Google, Amazon und Apple sind die mächtigsten Medienunternehmen der Welt. Sie können sich nicht länger aus der redaktionellen Verantwortung für das davonstehlen, was sie auf ihren Plattformen verbreiten. Bis vor kurzem war es fünf vor zwölf, seit Trumps Wahl und Hofers Beinahe-Wahl ist es fünf nach zwölf. (Stephan Russ-Mohl, 5.12.2016)

Stephan Russ-Mohl (Jg. 1950) ist Professor für Journalistik und Medienmanagement sowie Leiter des European Journalism Observatory an der Università della Svizzera italiana in Lugano.

  • Stephan Russ-Mohl.
    foto: privat

    Stephan Russ-Mohl.

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