Ein Preis für das Leben nach dem schweren Verkehrsunfall

    6. Dezember 2016, 17:52
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    Renate Rabl hatte einen schweren Autounfall, kämpfte sich zurück ins Leben und erhielt am Montag den Back to Life Award

    Wien – Sekundenschlaf. Ihr Auto überschlug sich dreimal. Wirbel sechs und sieben brachen. Renate Rabl war bei vollem Bewusstsein. "Jetzt ist es vorbei", dachte sie. Es war der Abend des 24. Dezember 1984. Renate Rabl, 23 Jahre jung, lenkte ihren Volkswagen über verwaiste Straßen aus dem Waldviertel kommend, wo sie mit ihren Eltern Weihnachten gefeiert hatte, Richtung Klosterneuburg. Die Diplomkrankenschwester wollte in ihrer Dienstwohnung übernachten, um am nächsten Tag pünktlich in der Arbeit sein. Sie war noch müde vom letzten Nachtdienst – und wachte in einem anderen Leben auf.

    Für dieses Leben erhielt Rabl am Montag einen Preis. Seit 19 Jahren vergibt die Landesstelle Wien der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) Anerkennungen an pflegende Angehörige, heuer wird erstmals der Back to Life Award an Menschen verliehen, die sich nach einem Arbeitsunfall ins Leben zurückgekämpft haben. Renate Rabl hat ihre Geschichte schon oft erzählt – Heimhilfen, Freunden, Therapeutinnen. Auch ihrem Rehabilitations- und Sozialberater bei der AUVA, Harald Platteter. Ein Satz von Rabl blieb diesem besonders in Erinnerung. "Ich feiere 30 Jahre Rollstuhl." Die Worte hätten ihm imponiert, weshalb er die 55-Jährige für den Preis nominierte – und überhaupt wegen ihrer so positiven Lebenseinstellung.

    "Da hatten wir Spaß"

    "Ein Mann hat mich gefunden und die Rettung verständigt", schildert Renate Rabl weiter. Sie sitzt im Rollstuhl in der Küche ihrer Gemeindewohnung in Wien-Favoriten. Fünf Wochen lag sie auf der Intensivstation. Danach war sie auf Reha im steirischen Tobelbad nahe Graz im Sechsbettzimmer. "Das war lustig, da hatten wir immer Spaß", sagt Rabl. Eine Tasse Tee dampft vor ihr auf dem karierten Tischtuch. Wenn sie erzählt, legt sie den linken Arm über den Bauch und stützt den anderen darauf, um damit zu gestikulieren. Auf ihrer Nase sitzt eine gescheckte, fuchsrote Lesebrille. Rötlich ist auch ihr kurzes Haar.

    Ihre Beine sind seit dem Unfall gelähmt, und sie ist – wie rund 40.000 Menschen in Österreich – auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Arme konnte sie erst nach Monaten des Trainings wieder bewegen, die Finger sind bis heute kraftlos. Man spricht von "hoher Tetraplägie", wenn alle vier Gliedmaßen von der Lähmung betroffen sind.

    Pläne geschmiedet

    Die AUVA stufte Rabls Erwerbsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt als zu hundert Prozent gemindert ein. Sie hat Anspruch auf Invaliditätspension und Versehrtenrente. Doch Rabl wälzte schon auf der Intensivstation Pläne, was sie später arbeiten könnte.

    Menschen mit Behinderung finden in Österreich sehr schwer einen Job auf dem Regelarbeitsmarkt. Seit Jahren geht der Trend weiter abwärts: Von 2014 auf 2015 ist laut Daten des Arbeitsmarktservices die Erwerbslosigkeit von Personen mit gesundheitlichen Vermittlungseinschränkungen um 15,7 Prozent gestiegen, die von Personen ohne Einschränkungen im Vergleich um "nur" um 9,9 Prozent, wie die Behindertenanwaltschaft heuer berichtete.

    Viel Training nach der Reha

    Nach der Reha trainierte Renate Rabl im Haus ihrer Eltern unermüdlich für ein selbstständiges Leben. Sich allein Hosen anzuziehen zum Beispiel. Jogginghosen. Dann Jeans. Dann die widerspenstige Schnürlsamthose. Ihre Mutter habe sie oft gefragt, warum sie sich nicht helfen lasse.

    Rabl kann sich selbst vom Rollstuhl ins Bett manövrieren und umgekehrt. "Die Kira Grünberg lernt das gerade", sagt sie. Die Entwicklung der ehemaligen Stabhochspringerin Grünberg, die seit einem Trainingsunfall querschnittsgelähmt ist, verfolgt Rabl mit besonderem Interesse. Norbert Hofers Leben nach der Querschnittslähmung interessiert sie weniger. Grünberg hatte den Unfall etwa im gleichen Alter wie Rabl. Da fühle sie besonders mit.

    Mehr Hilfe als früher

    Renate Rabl kann auch kochen und sich selbst versorgen. "Ich hab auch Wäsche aufgehängt und den Geschirrspüler ein- und ausgeräumt", sagt Rabl. Seit sie vor ein paar Jahren plötzlich Ausfälle im rechten Arm hatte, steckt sie etwas zurück und lässt sich öfter als früher von einer Heimhilfe helfen.

    Im Jahr 1988 absolvierte Rabl einen Lehrgang als Vortragende in der Krankenpflegeschule. Da sie nicht an der Tafel schreiben konnte, habe sie ihrer zukünftigen Vorgesetzten erklärt, wie toll "diese neue Technik namens Overheadprojektor" doch sei. 22 Jahre lang arbeitete sie als Lehrende für angehende Schwesternschülerinnen. An ihren zwei Arbeitstagen in der Woche stand sie immer um vier Uhr auf, "weil ich für alles so lange brauche". Dann holte sie der Fahrtendienst ab, der sie abends wieder nach Hause brachte. Diesen zahlte die AUVA – die Kosten hätten das gesamte Gehalt ihres 20-Stunden-Jobs verschlungen.

    "Will das Leben genießen"

    Vor einigen Jahren entschied sich Renate Rabl, in Pension zu gehen. "Querschnittsgelähmte leben nicht ewig", sagt sie. "Ich will das Leben jetzt genießen." Sie reiste gern in die Türkei, aus der ihr Lebensgefährte stammt – bei der aktuellen politischen Lage lässt sie es aber lieber bleiben. Wenn eine ihrer Freundinnen anruft und sie fragt, was sie macht, sagt sie jetzt öfter: "TZZ – Tee, Zeitung und Zigarette."

    Mit ihrer ehemaligen Kollegin Christine Fichtinger verfasste sie auch zwei Bücher über Hauskrankenpflege. Sie schrieb ihren Teil mit Faserstift, Fichtinger tippte alles ab. Und bis heute gibt sie Kindern mit Deutschschwäche Nachhilfe. "Wenn man im zehnten Bezirk wohnt, hat man automatisch Freunde mit Migrationshintergrund", meint Rabl.

    Mit ihrem Schicksalsschlag gehadert habe sie nie. "Ich habe die Querschnittslähmung akzeptiert", sagt sie. Was wäre wenn, frage sie sich nicht. "Ich lebe im Jetzt und denke immer in kleinen Schritten." (Gudrun Springer, 6.12.2016)

    • Renate Rabl (55) im Arbeits- und Wohnzimmer ihrer Gemeindewohnung in Wien-Favoriten.
      foto: auva landesstelle wien

      Renate Rabl (55) im Arbeits- und Wohnzimmer ihrer Gemeindewohnung in Wien-Favoriten.

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