Neuguinea: Wo ein Schwein noch etwas wert ist

27. Dezember 2016, 08:05
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Im indonesischen Baliem-Tal auf der Insel Neuguinea gilt jede Sau als wertvoll. Die Tiere werden nur zu besonderen Anlässen geschlachtet. Dabei geht es archaisch, aber respektvoll zu

In Osilimo liegt Vorfreude in der Luft. Ein Schweinefest steht bevor in Papua, dem indonesischen Teil der Insel Neuguinea. Alle Bewohner des Dorfes und der Nachbardörfer kommen aus diesem Anlass zusammen. Schweine sind im Balien-Tal die wertvollsten Haustiere und gelten als Statussymbol sowie Zahlungsmittel. Sozusagen Sportwagen und Kreditkarte in einem.

Man zeigt auch Wildfremden als Erstes, wie viele Tiere man besitzt, und begleicht die Mitgift für eine Braut in Borstentieren. Sie werden liebevoll umsorgt, mit Fläschchen aufgezogen oder manchmal von den Frauen im Dorf gestillt. Sie sind Teil der Familie – bis zu dem Zeitpunkt, wenn ein traditionelles Schweinefest ansteht. Bei Hochzeiten, Begräbnissen oder Initiationsriten für junge Männer ist ganz plötzlich Schluss mit dem Familiensinn gegenüber Schweinen, dann geht es den Tieren an den Speck.

Welt aus Bast

Hinter den hohen Bastzäunen von Osilimo verbirgt sich eine eigene Welt. In den einfachen Hütten stimmen sich die Bewohner des Dorfs schwungvoll und lautstark auf das große Ereignis ein. Die Frauen tragen Baströcke, bei jedem ihrer Schritte hüpfen die Baststrippen – zwischendrin auch einmal eine aus Plastik –, und die Federn des Kopfschmuckes tanzen mit ihren Trägerinnen um die Wette.

Die Herren bedecken ihre Männlichkeit lediglich mit Köchern aus Kalebassen. Die Kürbisse dafür wachsen im Tal und werden schon während des Wachstums mit Gewichten für ihre spätere Aufgabe geformt. Ältere Männer tragen den sogenannten Holim noch täglich, spazieren damit etwa am Straßenrand in die einige Kilometer entfernte Stadt Wamena. Die Jüngeren legen den Penisköcher nur noch zu festlichen Anlässen an.

Gezielter Schuss

Jedes Schweinefest beginnt mit einer rasanten Jagd. Zwei Frauen sprinten gerade einer Sau hinterher und versuchen, sie auf dem Dorfplatz zu fangen. Doch das Tier spürt, dass etwas anders ist als an anderen Tagen. Sonst recht zutraulich, entwischt es den Häschern immer wieder. Auf vier Beinen läuft es sich eben schneller als auf zweien.

Schließlich gelingt es den Frauen aber doch, die Sau an eine Hüttenwand zu drängen. Sie tragen sie, an Ohren und Beinen festgehalten, zum Häuptling. Das bis dahin verwöhnte Schwein protestiert heftig. Doch Milius, der 40-jährige Dorfvorsteher, steht schon mit Pfeil und Bogen bereit, um dessen Leben innerhalb eines Lidschlags mit einem gezielten Schuss in das Herz zu beenden. Eine äußerst respektvolle Methode im Vergleich zur industriellen Schlachtung in der sogenannten zivilisierten Welt.

Heißer Turm

Die Zubereitung des Festmahls hat sich seit Jahrtausenden nicht geändert. Jeder Handgriff sitzt und ist das Ergebnis einer uralten Kulturtechnik: Faustgroße Steine werden im Feuer erhitzt, mit einer Holzzange zum Garbereich getragen und aufgetürmt. Schließlich garen Süßkartoffeln und anderes Gemüse zusammen mit dem Schwein in einem raffinierten Turm aus Gras und Steinen, die der Dorfchef mit Weidenruten festzurrt.

Ein kleines Mädchen, kaum älter als zwei Jahre, trägt ebenfalls stolz einen Stein, den sie konzentriert auf dem Turm ablädt. Denn selbst die Jüngsten wissen bereits, wie man die heißen Steine mit den Holzzangen jongliert. Während ein Teil der Kinder also in der Outdoorküche hilft, schauen die anderen aufmerksam zu, wie das Schwein ausgenommen wird. Das ist Männeraufgabe, die Rollen sind klar verteilt. Auch die besten Stücke – unter anderem die Ohren – landen direkt im Männerhaus.

Fünf Stück für eine Braut

Nach gut zwei Stunden lösen die Köche und Köchinnen gemeinsam die Weidenruten. Der Garküchenturm fällt auseinander, und die Köstlichkeiten purzeln nach allen Seiten. Die Frauen verteilen Gras und Gemüse breitflächig und setzen sich anschließend direkt in die "Gemüsepfanne".

An diesem Tag wurde einem Verstorbenen aus dem Dorf mit dem Schweinefest die Ehre erwiesen. Wäre es eine Hochzeit gewesen, hätte der Bräutigam wohl einige Schweine mehr auftreiben müssen. "Mindestens fünf Stück ist der aktuelle Kurs für eine Frau im Baliem-Tal", sagt Milius. (Julia Lövenich, Rondo, 27.12.2016)

Service

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Anreise & Unterkunft

Anreise: Flug nach Sorong von Wien z. B. mit Etihad via Abu Dhabi und Jakarta; weiter mit dem Buschflieger nach Warang.

Unterkunft: Baliem Valley Resort; organisiert vieles in der Region: www.papua-indonesia.com

Diese Reise erfolgte auf Einladung des Ministeriums für Tourismus der Republik Indonesien und des Baliem Valley Resort.

  • Jedes Schweinefest beginnt im indonesischen Baliem-Tal mit der rituellen Jagd der Tiere.
    foto: picturedesk.com/laif/naftali hilger

    Jedes Schweinefest beginnt im indonesischen Baliem-Tal mit der rituellen Jagd der Tiere.

  • Schweine fungieren in Teilen Papuas noch  als Zahlungsmittel und Statussymbol.
    foto: istock/emilie1980

    Schweine fungieren in Teilen Papuas noch als Zahlungsmittel und Statussymbol.

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