Eine Gruppe zum Abbusseln

5. Dezember 2016, 21:50
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In Gruppe B rittern am Dienstag Napoli, Benfica und Besiktas in einem wahren Finale um zwei Achtelfinal-Tickets. Abgesehen davon herrscht gepflegte Langeweile vor, viele Entscheidungen sind bereits gefallen

Lissabon/München – Wie es Bewerbe mit Gruppenformat so an sich haben, nimmt gegen Ende einer solchen Phase die Dichte an Ereignissen im Zeichen der Goldenen Ananas tendenziell zu. So auch in der Champions League, wo die dienstägliche Begegnung zwischen Bayern München und Atlético Madrid, im Prinzip im Range eines absoluten Schlagers einzuordnen, an Überflüssigkeit kaum zu überbieten ist. Was für eine Verschwendung!

Der Grund: in Gruppe D ist im Rennen um die begehrten Plätze eins und zwei alles gelaufen, zwei Niederlagen (gegen Madrid und das russische Team aus Rostow) nehmen dem deutschen Meister im finalen Heimspiel des Herbstes alle Chancen. Somit geht es für die Bayern bestenfalls noch darum, vor eigenem Publikum wenn möglich das 0:1 aus dem Hinspiel zu übertünchen. Viel eher als mit den rot-weißen Matratzenmachern aus Madrid, scheint man sich in München bereits mit den rot-weißen Hausrindern aus Leipzig zu beschäftigen, dem neuen liebsten Außenfeind. Am 21. Dezember wird man Rasenball zum mutmaßlichen Entscheidungsmatch um die Herbstmeisterschaft empfangen, das Hochjazzen der Partie hat bereits eingesetzt.

Die offenen Fragen für Dienstag könnten sein: Wird Carlo Ancelotti wie beim 3:1 in der Bundesliga gegen Mainz erneut auf das alte Erfolgssystem 4-2-3-1 zurückgreifen? Wird man eines aufgeräumten Diego Simeone ansichtig werden, der das Geschehen ruhig an sich vorüberziehen lässt? Wird die unbedingte Aufgeladenheit im verschworenen Fähnlein des schwarzen Ritters angesichts der Bedeutungslosigkeit der Aufgabe einer gewissen Entspanntheit weichen? All das klingt bemüht – und ist es auch. Ziemlich sicher dürfte das große Rotieren zu erwarten sein. Immerhin gab Atlético-Stürmer Antoine Griezmann zu Protokoll: "Wir werden alles dafür tun, einen Punkt zu holen oder sogar zu gewinnen. Ein schönes Unentschieden würde ich nehmen, sagen wir 1:1."

Sportlich relevanter ist das zweite Spiel der Gruppe, in dem die PSV Eindhoven Rostow empfängt. Hier steht immerhin ein europäisches Überwintern auf dem Spiel, das drittplatzierte Team wird ja bekanntlich mit dem Weiterwerkeln in der Europa League belohnt. Sollten die Niederländer dies anstreben, ist ein erster Sieg Pflicht. Trotz ansprechender Leistungen (0:1 gegen Atlético, 1:2 gegen Bayern) hält die Elf von Trainer Phillip Cocu bei erst einem Punkt. Den Russen (4) reicht dagegen bereits ein Remis. Das Interesse an einer Reise in die brabantische Metropole hält sich unter den Rostow-Anhängern trotzdem in Grenzen, nur etwa 300 werden im Philips-Stadion erwartet. Das gibt PSV die Gelegenheit, gut 800 eigene Fans zusätzlich unterzubringen.

Alles, bis fast alles klar

Noch trostloser erweist sich die Ausgangslage in Gruppe C, wo alle Fragen bereits vor dem letzten Spieltag einer Beantwortung zugeführt worden sind. Pool-Sieger Barcelona empfängt Mönchengladbach, die in eine veritable Krise geschlitterte Borussia darf trotzdem durchatmen: Platz drei kann in keinem Fall mehr verlustig gehen. Celtic Glasgow könnte zwar mit einem (so gut wie auszuschließenden) Sieg beim Gruppenzweiten Manchester City nach Punkten zwar noch gleichziehen, das in diesem Fall ausschlaggebende direkte Duell (0:2 heim, 1:1 auswärts) mit "The German Team" jedoch verloren. Gladbach-Sportdirektor Max Eberl räumte ein, dass die kommende Bundesliga-Partie gegen Mainz "deutlich wichtiger" sei, als der Auftritt im Camp Nou. Daran kann auch die von der Uefa ausgeschüttete Siegesprämie von 1,5 Millionen Euro nichts ändern.

Als eklatanteste Zweiklassen-Gesellschaft erweist sich die Gruppe A. Arsenal und Paris SG (beide elf Punkte) rittern in einem Fernduell um die Glorie des ersten Platzes, der FC Basel und Ludogorez Rasgrad (je zwei) zockeln abgeschlagen hinterdrein. Auch für diese beiden Underdogs geht es um ein EL-Ticket, die Ausgangsposition der Bulgaren ist dabei um einen Hauch günstiger. Das direkte Duell mit dem Schweizer Champion um Marc Janko (1:1 auswärts, 0:0 zu Hause) ist zu Gunsten der Orlite (Adler) entschieden, Basel muss also im Heimspiel gegen Arsenal auf jeden Fall Punkten, will man Razgrad noch überflügeln.

Der Kleinstadtklub (etwa 33.000 Einwohner leben in Razgrad) hat als erster bulgarischer Verein zweimal hintereinander die Qualifikation für die Gruppenphase geschafft, der seinen Namen von einer historischen Landschaft im Nordosten des Landes herleitet: Ludogorie, der "verrückte Wald". Nach jahrzehntelanger Existenz in der Obskurität katapultierte sich der Verein nach der Übernahme durch den Geschäftsmann Kiril Domuschiev im Jahr 2010 an die Spitze des skandalgebeutelten bulgarischen Klubfußballs. Der fünffache Meister holte alle seine Titel in einer ununterbrochenen Serie seit der Saison 2011/12. Am Dienstag begibt sich der mit acht Brasilianern durchsetzte Kader von Coach Georgi Dermendschiew nach Paris, wo trotzdem nicht viel zu holen sein dürfte. Razgrad wird auf Londoner Ernsthaftigkeit hoffen müssen.

Napoli? Benfica? Besiktas?

Und dann gibt es noch Gruppe B, die herrliche Gruppe B. Man muss sie geradezu abbusseln, ob der vergleichsweise geradezu ungeheuerlichen Spannungsgeladenheit. Dreiviertel des Feldes sind dort noch in den Kampf um die Achtelfinal-Tickets verwickelt: Napoli, Benfica Lissabon und Besiktas Istanbul. Die Italiener, die am Wochenende mit einem glänzenden 3:0 gegen Inter gute Form unter Beweis stellten, stehen punktegleich vor den Portugiesen an der Spitze. Einen Zähler dahinter folgt der als einziger Staffel-Vertreter noch ungeschlagene Klub des rekonvaleszenten Veli Kavlak. Allein Dinamo Kiew ist bereits hoffnungslos abgeschlagen.

Das ergibt eine ganze Reihe möglicher Konstellationen. Napoli, das in Lissabon gastiert, genügt bereits ein Remis zum Aufstieg, während Benfica zur sicheren Qualifikation jedenfalls einen Sieg benötigt. Sollte dieser Realität werden, würde Besiktas in Kiew ebenfalls bereits ein Zähler zum Einzug unter die letzten 16 reichen. Bei einem Sieg sind die Türken in jedem Fall weiter.

Sollte Portugals Champion scheitern, dürfte am Rio Tejo das große Hinternbeißen einsetzen. Denn Benfica hätte längst alles klar machen können. Bereits im Heimspiel gegen Besiktas hatte man den scheinbar sicheren Sieg mit einem Ausgleichstreffer in der 93. Minute noch verspielt. Noch ärgerlicher der Spielverlauf in der letzten Runde, als man in der Türkei bereits 3:0 in Führung lag und am Ende mit einem 3:3 vorlieb nehmen musste. Der zutreffende Schluss von Trainer Rui Vitoria: "Die Zeit der Ausreden ist vorbei." Allerdings: Am Freitagabend kassierte seine Mannschaft auf Madeira mit dem 1:2 gegen Maritimo Funchal die erste Saison-Niederlage in der Primeira Liga.

Auch Napoli hatte nach den Auftaktsiegen in Kiew und zu Hause gegen Benfica bereits in Spiel drei Matchball, verlor dieses aber vor eigenem Publikum gegen Besiktas 2:3. In Istanbul reichte es dann nur zum einem 1:1, und zuletzt im Heimspiel gegen Dynamo Kiew gab es ein enttäuschendes 0:0. Es sei, wem auch immer, dafür gedankt. Und für ein Finale, das diesen Namen verdient. (Michael Robausch, 5.12. 2016)

CL, sechste Runde am Dienstag (alle Matches ab 20:45):

  • Gruppe A

Basel FC Basel – Arsenal
Paris St. Germain – Ludogorez Rasgrad

  • Gruppe B

Kiew Dynamo Kiew – Besiktas Istanbu
Benfica Lissabon – SSC Napoli

  • Gruppe C

Barcelona FC Barcelona – Borussia Mönchengladbach
Manchester City – Celtic Glasgow

  • Gruppe D

PSV Eindhoven – FK Rostow
Bayern München – Atletico Madrid

  • Am 28. September konnten Neapels Anhänger ein 4:2 über Benfica bejubeln. Am Dienstag sieht man sich im Estadio da Luz zu Lissabon wieder.
    foto: apa/afp/hermann

    Am 28. September konnten Neapels Anhänger ein 4:2 über Benfica bejubeln. Am Dienstag sieht man sich im Estadio da Luz zu Lissabon wieder.

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    Strategisch gefordert: Rui Vitoria (Benfica, hinten) und Maurizio Sarri (Napoli).

  • derstandard.at

    Nur Zweiter in der Gruppe: Bayern will Revanche gegen Atlético.


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