Nachgefragt: "Was wollen Sie noch lernen?"

    1. Jänner 2017, 10:00
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    DER STANDARD hat vier Persönlichkeiten gefragt, was sie in ihrer Laufbahn bereits gelernt haben – und noch lernen möchten

    Lebenslanges Lernen ist Pflicht – und klingt auch bedrohlich. Aber eigentlich nur, wenn dabei an Programme wie zu Schulzeiten inklusive Benotung gedacht wird. Viel lustvoller wird die Sache, wenn gehegte Wünsche, neu entdeckte Interessen oder einfach Freude am Tun die Treiber sind. Jedenfalls: Mit irgendwelchen Karriereenden oder Funktionsperioden hat das nichts zu tun.

    - Heinz Fischer: "Mich interessieren Fragen zur Entwicklung unserer Gesellschaft"

    Der Grundsatz des "lebenslangen Lernens" ist für mich eine ganz wichtige Maxime. Da ich am 9. Oktober meinen 78. Geburtstag gefeiert habe, möchte ich zunächst einmal betonen, dass ich über alles froh bin, was ich im Laufe meines Lebens gelernt habe. Das reicht von einem guten Unterricht in Altgriechisch über die Kenntnis des Morse-Alphabets (durch die Ausbildung zum Funker beim Bundesheer) über Gletscher- und Kletterkurse in der Hochgebirgsschule der Naturfreunde bis zu Stenografie, Maschineschreiben und Buchhaltung im Abiturientenkurs der Handelsakademie und umfasst natürlich auch die gesamte Schul- und Universitätsausbildung.

    In der Politik habe ich durch Persönlichkeiten wie Bruno Kreisky, Anton Benya, Karl Waldbrunner, Stephan Koren oder Willy Brandt sehr viel gelernt. Das hat mir bei meiner zwölfjährigen Tätigkeit als Präsident des Nationalrates und bei meiner zwölfjährigen Tätigkeit als Bundespräsident sehr geholfen. Die Bekanntschaft und Freundschaft mit zahlreichen in- und ausländischen Historikern hat meine Geschichtskenntnisse stark verbessert.

    foto: robert newald
    Heinz Fischer war von Juli 2004 bis Juli 2016 Bundespräsident. 1971 wurde er für die SPÖ in den Nationalrat gewählt, er war später Wissenschaftsminister und Nationalratspräsident. Ab 1956 absolvierte er das Studium der Rechtswissenschaften. Fischer, selbst Bergsteiger, war unter anderem Präsident der Naturfreunde und der Volkshochschulen sowie Gründungsmitglied von Amnesty International Österreich.

    Ich muss aber auch einbekennen, dass ich zwei- oder dreimal einen ernsthaften Anlauf genommen habe, Französisch zu lernen, und dass ich aus den unterschiedlichsten Gründen dabei immer steckengeblieben bin.

    Was da noch kommt? Besonders freue ich mich, an der Universität Innsbruck, und zwar an der Schnittstelle zwischen der rechtswissenschaftlichen, der politikwissenschaftlichen und der zeitgeschichtlichen Fakultät, zu unterrichten und Vorlesungen zu halten. Das erfordert natürlich entsprechende Vorbereitungen.

    Ich beschäftige mich auch mit den Vorbereitungen zum 100. Geburtstag der Republik Österreich im Jahr 2018 und – im gleichen Jahr – zum 80. Jahrestag des verhängnisvollen Anschlusses Österreichs an Hitler-Deutschland. Ich möchte auch die Bemühungen zur Errichtung eines Hauses der Geschichte unterstützen.

    Ganz besonders interessieren mich auch Fragen im Zusammenhang mit der weiteren Entwicklung unserer Gesellschaft. Wie wird sich die Demokratie in Europa weiterentwickeln? Wie könnte der Prozess der Europäischen Integration neue Impulse erhalten? Ich möchte auch – nicht zu vergessen – ein Buch über Politik im weitesten Sinn des Wortes in Angriff nehmen. Und ich muss mich auch entscheiden, welche der Einladungen zu Vorträgen im Ausland ich annehme und welche nicht.

    Meinen Sie nicht auch, dass das für jemanden, der sich gerade aus der Funktion des Bundespräsidenten in die Pension verabschiedet hat, ein umfangreiches Programm ist?

    - Brigitte Ederer: "Der rasante technologische Wandel ist für mich eine Herausforderung"

    Nach verschiedensten Funktionen in der österreichischen Innenpolitik und diversen operativen Managementpositionen in einem großen internationalen Konzern war es für mich sehr interessant, die Perspektiven als Aufsichtsrat in unterschiedlichen Unternehmen kennenzulernen. Dabei musste ich mich mit völlig neuen strategischen Rahmensetzungen und Portfolio-Mixes auseinandersetzen. Gleichzeitig konnte ich meine langjährigen Erfahrungen einbringen und quasi den "Blick von außen" dagegenstellen. Das sind immer wieder dynamische Lernprozesse, die viel intellektuellen Einsatz und Neugierde erfordern, aber auch viele spannende neue Erkenntnisse bringen.

    Da ich aus der Generation komme, die noch ein Vierteltelefon, den Schwarzweißfernseher und das Briefeschreiben gekannt hat, ist vor allem auch der rasante technologische Wandel im Kommunikationssektor für mich eine ständige persönliche Herausforderung.

    Die umfassenden Möglichkeiten, die die Digitalisierung für Industrie und Gesellschaft bieten, sind eine aufregende Projektionsfläche für Zukunftsszenarien. Industrie 4.0 ist zwar in aller Munde, aber – bis auf einige plakative Horrorszenarien (Stichwort: Jobkiller) – können sich die wenigsten etwas Konkretes vorstellen. Ebenso das "Internet der Dinge", in dem Maschinen miteinander kommunizieren, ist noch nicht in der vollen realen Bedeutung klar geworden. All diese Themen, die faszinierend, aber in manchen Facetten auch ein wenig bedrohlich wirken, verlangen jemandem meiner Generation viel Einsatz und Engagement ab. Aber das macht eben auch Spaß und treibt an. Man will in der gesellschaftlichen und technologischen Entwicklung nicht abgehängt werden.

    foto: andy urban
    Brigitte Ederer ist Vorsitzende des Aufsichtsrats der ÖBB, zuvor war sie Mitglied des Vorstands von Siemens. Bevor sie 2000 in die Privatwirtschaft wechselte, war sie erfolgreiche Politikerin: 1983 zog sie als jüngste Abgeordnete für die SPÖ in den Nationalrat, 1992 warb sie in ihrer Funktion als Europa-Staatssekretärin für den EU-Beitritt. Als Studierende (Volkswirtschaft) engagierte sie sich bereits für den Verband Sozialistischer Studenten.

    Dazu gehört auch, die komplexen Verschiebungen der Weltpolitik verstehen zu können. Das verlangt, viel Information zu verarbeiten, viele Perspektiven und unterschiedliche Meinungen abzuwägen und auch die innere Courage, ausgetretene Denkpfade zu verlassen und neue Ansätze zu überdenken. Allein das Tempo dieser Veränderungen verlangt höchste Aufmerksamkeit, um die massiven tektonischen Verschiebungen halbwegs mitvollziehen zu können. Vor einem Jahr war Angela Merkel noch der gefeierte Star der Weltpolitik für ihre aufrechte Humanität und ihren unbeugsamen Willen, sich dem menschenverachtenden Populismus diverser Konvenienz entgegenzustellen. Heute bekommt man den Eindruck, sie sei isoliert, und die rechten Opportunisten haben den Mainstream besetzt.

    Was ist da geschehen und warum sind die festen europäischen Werte von Freiheit, Demokratie und Menschenwürde so leicht einzureißen und zu beschädigen? Wie sind internationale Krisen mit all ihren Wendungen und erstaunlich bis abstoßend wechselnden Bündnissen und Gegnerschaften wie in Syrien zu verstehen und zu deuten? Diese Prozesse einigermaßen zu verstehen und zu deuten, das ist etwas, das ich täglich lernen und erfahren möchte.

    - Christian Konrad: "Ich will lernen, der Lust an der schnellen Pointe zu widerstehen"

    Vor mittlerweile vier Jahren habe ich fast alle meine Funktionen im Raiffeisenverbund zurückgelegt und die Aufgaben in den entscheidenden Gremien übergeben. Es war ein langes und sehr ausgefülltes Leben in der Raiffeisen-Familie, das mir sehr viel Freude bereitet hat. Den Schritt in die Pension habe ich sehr bewusst gesetzt. Ich weiß, dass es nicht selbstverständlich ist, diesen Übergang so gestalten zu können.

    Das vergangene Jahr hat mir mit der Aufgabe des Flüchtlingskoordinators eine sehr intensive Zeit mit vielen neuen Erfahrungen gebracht. Ich habe viele großartige Menschen kennengelernt, deren Engagement mich tief beeindruckt. Ich habe auch die Grenzen und Fallstricke zwischen Politik und Verwaltung erlebt. Dieses Ringen um Lösungen im Umgang mit schutzsuchenden Menschen ist mir persönlich sehr nahegegangen.

    Nach diesen Lernerfahrungen zwischen Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung habe ich mir nun zwei Lernziele vorgenommen: Ich will Kroatisch lernen, und ich will lernen, milder zu werden. Vor einiger Zeit konnte ich für meine Familie ein Grundstück mit alten Olivenbäumen auf einer kleinen kroatischen Insel erwerben. Mittlerweile steht dort ein Haus. Die Arbeit im Olivengarten ist für mich eine gute Zeit. Das Öl, das wir pressen, wird in Österreich gegen Beiträge zugunsten der Concordia-Sozialprojekte abgegeben. Projekte für Straßenkinder, etwa in Moldawien, und Bildungsinitiativen für junge Flüchtlinge werden umgesetzt. Mir ist dieses konkrete Tun für Menschen, die es in ihrem Leben schwerhaben, sehr wichtig. Deshalb engagierte ich mich in Wien auch für Gruft.

    foto: reuters/heinz-peter bader
    Christian Konrad war von 1994 bis 2012 Generalanwalt des Raiffeisenverbandes. 1969 begann er im Schalterdienst, im selben Jahr promovierte Konrad in Rechtswissenschaften. Im August 2015 bat ihn die damalige Regierung, als Flüchtlingskoordinator vor allem die Quartierssuche zu managen. Nach einem Jahr beendet er diese Tätigkeit nun. Konrad sitzt noch in mehreren Aufsichtsräten und engagiert sich sozial.

    Ich möchte im kommenden Jahr mehr Zeit auf der kroatischen Insel verbringen. Leben ist für mich Begegnung und Kommunikation. Das war im Berufsleben so – das ist mir auch auf dieser Insel wichtig. Ich will mit den Menschen dort in ihrer Sprache sprechen können.

    Der zweite Vorsatz ist die größere Herausforderung. Ich weiß, dass ich oft sehr schnell mit großer Treffsicherheit Worte gefunden und ausgesprochen habe, die oft humorvoll waren, oft aber auch irritiert und verletzt haben. Gesprochene Worte kann ich nicht mehr zurückholen. Ich will aber lernen, der Lust an der schnellen Pointe immer wieder zu widerstehen. Zumindest will ich mich bemühen, nicht zu schnell etwas zu sagen, das jemand anderen verletzt.

    In meinem Berufsleben war ich gewohnt, in kurzen Gesprächen sehr schnell Entscheidungen zu treffen. Herausforderungen wurden schnell bewertet, Aufgaben wurden binnen Minuten vergeben. Ich hatte die Möglichkeit, die mir übergebene Verantwortung in vielen unterschiedlichen Bereichen parallel wahrzunehmen. Jetzt hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Ich lebe in einem anderen Tempo. Das wird mir hoffentlich helfen, das Lernziel "milder zu werden" zu erreichen.

    - Selma Prodanovic: "Ich will lernen, wie wir heute unser Morgen mitgestalten können"

    Eine einfache Frage mit tausend Antworten: Ich will noch so vieles lernen. Aber das größte Gebiet für mich ist unsere Zukunft. Wie wird unser Leben in fünf, zehn oder 30 Jahren ausschauen? Und wie können wir diese neue Welt heute mitgestalten?

    Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, jeden Tag bewusst zu lernen, egal ob aus Büchern, Youtube oder in Gesprächen mit unseren Kindern (die nächste Generation!). Wir haben diese wunderbaren Möglichkeiten, auf Wissen und Erfahrung von anderen jederzeit und einfach zugreifen zu können. Und trotzdem: Es bleiben immer noch so viele Fragen offen.

    Unsere Lebensweise hat sich noch nie so schnell verändert, und damit wurde es noch komplexer, unsere Zukunft in irgendeiner Weise vorauszusehen oder gar zu planen. Nicht nur ist es schwierig, sagen zu können, welche Innovationen tatsächlich erfolgreich sein werden, sondern auch, wie wir damit umgehen können und werden: Wie sicher werde ich mich fühlen, wenn mich ein fahrerloses "Taxi" abholt – oder wie kann ich mich auf die Reise ins Weltall vorbereiten?

    foto: heribert corn
    Selma Prodanovic ist Unternehmerin und Philanthropin, zählt zu den einflussreichsten Business Creators in Europa. Sie gründete die Brainswork Group, ist Mitbegründerin und Vize- Präsidentin der Austrian Angel Investors Association (aaia), Board Member im European Business Angel Network. Ihr nächstes Ziel ist, eine Million Start-ups weltweit zu unterstützen (1millionstartups.com).

    Das Paradox unserer Zeit: Die schnelle Veränderung wird zur sichere Konstante. Aber die Alternativen für uns sind klar: reagieren oder mitgestalten. Wir können entweder stehen bleiben, abwarten und reagieren erst, wenn etwas passiert ist. Oder wir können lernen, unsere Angst vor dem Unbekannten zu überwinden und uns entscheiden, diese Veränderung selbst aktiv mitzugestalten.

    Das gilt in unserem Privatleben genauso wie in unserem Beruf. Wollen Sie wirklich als Unternehmen abwarten, bis ein Start-up eine bessere Lösung entwickelt und zur Konkurrenz wird, oder wollen Sie diesen Prozess führen? Wollen Sie die Entscheidungen in Bezug auf Ihre Karriere dem "Markt" überlassen, oder wollen Sie möglichst selbst strategisch planen und vorbereiten? Es ist Ihre Entscheidung!

    193 Länder der Welt haben sich jetzt auf die UN Sustainable Development Goals bis 2030 geeignet. Wenn diese Ziele erreicht werden, wären wir die erste Generation in der Geschichte der Menschheit, die ohne Armut oder Hunger lebt. Was für eine unglaubliche Vorstellung! Aber das wird nicht von allein passieren. Dafür muss jede und jeder von uns einen Beitrag leisten, einen Schritt tun.

    Ich habe die vergangenen zwölf Jahre damit verbracht, gemeinsam mit vielen anderen eine neue "Welt" mitzugestalten. Von außen betrachtet waren viele Schritte am Anfang unverständlich, aber heute haben wir daraus eine lebendige Start-up- und Business-Angel- Szene.

    Ich kann natürlich nicht sagen, wie unsere Zukunft ausschauen wird, aber ich habe gelernt und will jeden Tag weiterhin lernen, wie wir heute unser Morgen mitgestalten können, und zwar gemeinsam.

    Ah ja, ich will noch Tango lernen. (Karin Bauer, Lara Hagen, 1.1.2017)

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