Ein "Ärztetest" entzaubert Glaube als Faktenersatz

Kolumne4. Dezember 2016, 16:30
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Für Weiterentwicklung braucht es Aufklärung statt Glauben

Glaube als Wahlkampf-Argument ist seit den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der österreichischen Politik nicht mehr vorgekommen. Nur das "Christliche" blieb als Beschreibung einer weltanschaulichen Richtung erhalten. Der Satz "So wahr mir Gott helfe" auf den Wahlplakaten von Norbert Hofer war eine Rückkehr der Religion in die politische Wirklichkeit.

In den USA sind Glaube und öffentliches Bekenntnis zentrale Elemente der Politik – so stark ausgeprägt, dass der Sender Fox News erst kürzlich wieder verbreitete, dass "tief empfundene Werte" für die politische Urteilsfindung genauso wichtig seien wie Sachkenntnisse oder wissenschaftliche Argumente.

Bob Woodward, der Aufdecker des Watergate-Skandals (der zum Rücktritt des Präsidenten Richard Nixon führte), hat 2004 in seinem deutsch betitelten Buch Der Angriff: Plan of Attack nachgewiesen, dass der als Reaktion auf den 9/11-Terror von 2001 begonnene Irakkrieg die Fakten ignoriert hat und stattdessen den Glaubensüberzeugungen von George W. Bush folgte. Viele Aussagen in der Umgebung des neuen Präsidenten Donald Trump lassen befürchten, dass erneute Fehlentscheidungen aus Glaubensgründen zu befürchten sind.

In seinem Buch Zivilisierte Verachtung (Suhrkamp 2015) hat der schweizerisch-israelische Politologe und Terrorismus-Forscher Carlo Strenger eine Widerlegung der Entscheidungskraft von Glaubenssätzen zugunsten rationaler Argumente vorgelegt.

Um zu bestimmen, wann welche Argumente zählen sollen, schlägt Strenger den "Ärztetest" vor: "Stellen Sie sich vor, ein Familienmitglied ist schwer krank – was erwarten Sie vom behandelnden Arzt? Was würden Sie sagen, wenn sie oder er die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Darmkrebstherapie mit seinem Glauben begründet und einschlägige klinische Studien ignoriert?" Bush wurde wegen seiner Glaubensentscheidung anfangs als ein starker Präsident eingeschätzt, Barack Obama wegen seiner abwägenden Politik bis heute als ein Schwächling.

Aber es muss nicht der Nahe Osten sein, nicht der Krieg gegen den radikalen Islam. Es genügt das Problem des Klimawandels. Obwohl extrem viele Experten sich darüber einig sind, leugnen Trump und seine Umgebung die Klimaänderungen und wollen den Pariser Vertrag von 2016 nicht einhalten. Auch in der FPÖ gibt es solche Kräfte.

Selbst Ideologien sind oft stark wie ein Glaube. Der Nationalismus ist eine solche Haltung. Wer dagegen ist, wird von den Rechtspopulisten bekämpft, oft als "Angehörige(r) der linken akademischen Elite". Auch das entlarvt Sprenger mit einem guten Argument.

Sprenger, warum das so ist: "Der Bezugsrahmen der Forschung ist in der Regel global, weshalb Wissenschafter meistens universalistisch orientiert sind. Ihre Ergebnisse und Erkenntnisse beanspruchen weltweite Gültigkeit."

Auch unter solchen Intellektuellen gibt es oft genug schwere Konflikte, aber es ist nicht der Glaube, der die Entwicklung der (zivilisierten) Menschheit weiterbringt. Es ist immer noch die Aufklärung. (Gerfried Sperl, 4.12.2016)

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