Kapitalflucht aus Italien bringt Eurozone erneut unter Druck

3. Dezember 2016, 09:00
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Allein heuer sind 110 Milliarden Euro abgeflossen, das Referendum am Sonntag erhöht die Spannung im Euroraum

Wien – Die Finanzmärkte scheinen derzeit nicht allzu große Angst vor einem Comeback der Eurokrise in Zusammenhang mit dem italienischen Referendum in Italien zu haben. Mailänder Aktienmärkte und die Kurse der Staatsanleihen des Landes waren in den letzten Tagen trotz der großen Unsicherheit über die Zukunft der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone einigermaßen stabil. Doch im Hintergrund herrscht Nervosität. Wetten gegen Italien und seine Banken sind an den Finanzmärkten ziemlich beliebt.

Ernsthafte Verwerfungen könnten Erinnerungen an 2010 und die Folgejahre wach werden lassen, als erst Griechenland und dann andere Krisenstaaten unter Beschuss genommen wurden und die Europäische Währungsunion am Rande des Abgrunds stand. EZB-Chef Mario Draghi konnte mit seinen drei magischen Worten, alles Notwendige zu tun ("whatever it takes), um den Euro zu retten, Zeit kaufen. Doch fundamental hat sich nicht allzu viel zum Besseren gewendet. Italiens Verschuldung stellt mit 135 Prozent der Wirtschaftsleistung eine massive Bedrohung für die Stabilität dar, das Wachstum lahmt, die Prokopfeinkommen liegen zwölf Prozent unter dem Niveau von 2007 und die Bankenprobleme sind teilweise nicht gelöst.

Höhere Risikoaufschläge

All das blieb Marktteilnehmern nicht verborgen, das Referendum hat die Sorgen und den Druck auf die EU nach der Brexit-Abstimmung deutlich erhöht. Der Risikoaufschlag auf italienische Staatsanleihen gegenüber deutschen Schuldverschreibungen hat sich vergangene Woche auf fast zwei Prozentpunkte ausgeweitet – die höchste Differenz seit zweieinhalb Jahren -, bevor sich die Lage wieder etwas beruhigt hat.

Zudem ist Italien mit einer massiven Kapitalflucht konfrontiert. Das lässt sich an den Zahlungsströmen, die in der Eurozone über das sogenannte Target-2-System erfasst werden, ablesen. Italien weist hier mit 355 Milliarden Euro eine ständig steigende Lücke aus, die mittlerweile größer als am Höhepunkt der Eurokrise ist. Allein gegenüber Ende 2015 flossen 110 Milliarden ab, geht aus den EZB-Daten hervor. Für die bekannte Ökonomin Carmen Reinhart baut sich eine Zahlungsbilanzkrise in Italien seit dem ersten Halbjahr auf. Um eine Umkehr zu erwirken, wie sie beispielsweise Irland gelungen ist, seien angesichts des gespaltenen politischen Umfelds enorme Fortschritte notwendig.

Deutschland mit Rekordüberschuss

Die Europäische Zentralbank versucht zu beruhigen und erklärt das Auseinanderklaffen der Target-Salden – Deutschland weist hier einen Rekordüberschuss von gut 700 Milliarden Euro aus – mit den Anleihenkäufen der Notenbank. Wenn etwa die Banca d'Italia einem ausländischen Institut Staatsanleihen abnimmt, erhöhe sich automatisch das Minus des Landes im Zahlungssystem. Allerdings: Auch andere Notenbanken kaufen Wertpapiere. "Einige Anleger haben Sorge vor einem Break-up, einem partiellen Auseinanderbrechen des Währungsraums", sagte dazu Frank Westermann von der Universität Osnabrück der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Ökonomen wie Joseph Stiglitz und Hans-Werner Sinn zweifeln schon länger am Verbleib Roms in der Eurozone. Der Ausgang des Referendums am Sonntag könnte diese Debatte anheizen. (Andreas Schnauder, 3.12.2016)

  • Ein Sieg der Gegner der Verfassungsreform könnte die Eurozone unter Druck bringen.
    foto: afp

    Ein Sieg der Gegner der Verfassungsreform könnte die Eurozone unter Druck bringen.

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