Halbe-halbe ohne Disput

Reportage3. Dezember 2016, 09:00
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In zwei kleinen Dörfern an den Rändern der Republik im Südburgenland und in Vorarlberg wurde zuletzt noch ausgeglichener gewählt als ohnehin im Land

Güttenbach im südlichen Burgenland: Wer Ruhe sucht – Ruhe auch in der finalen Wahlkampfhektik -, ist hier genau richtig. Durch St. Michael Richtung Großpetersdorf, dann links nach Neuberg / Nova Gora und gleich darauf rechts. Wald, Äcker, Wiesen. Gegend.

Am Ortsanfang steht ein Norbert-Hofer-Plakat. Das aber war es dann schon. Mehr Wahlkampf ist nicht. Die Grünen haben es bis hierher nicht geschafft. Die beiden Kandidaten auch nicht, obwohl beide hier, bei den 740 Wahlberechtigten, gewissermaßen ein Heimspiel hätten. Den Hofer kennen sie da als den von Pinkafeld. Und Alexander Van der Bellen zweitwohnsaß längere Zeit in Wörterberg, gleich hinter Stinjaki/Stinatz.

Bei der vergangenen Stichwahl wollte man sich nicht wirklich entscheiden zwischen dem Pinkafelder und dem Wörterberger. Die Güttenbacher wählten gegen den Burgenland-Trend. Das rot-blau regierte Land lukrierte Hofer ja mit 63 Prozent klar für sich. In Güttenbach bekam der Blaue 222 Stimmen. 221 wählten Van der Bellen. 50,1:49,9. Arschknapp, wie der Wörterberger sagen würde.

Dass darum heftiger – oder überhaupt – politisiert wurde und wird, kann der Wirt, Johann Sztubics, nicht erzählen. Die Güttenbacher seien eher als ausgeglichen, nicht heißblütig bekannt.

Konsensorientiert

Ähnliches gilt für die Dünserberger. Obwohl ursprünglich Walser, ein mit dem Klischee der Starrsinnigkeit und Furchtlosigkeit behaftetes Gebirgsvölkchen aus dem Schweizer Wallis, sind die Menschen im kleinsten Vorarlberger Dorf konsensorientiert. Sie lassen andere Meinungen gelten, sagt Melanie Plank, die Wirtin vom Café Luag ahe ("Schau hinunter"). In der Gaststube werde debattiert, "aber nicht gestritten".

Fifty-fifty haben die Dünserbergerinnen und -berger im Mai abgestimmt, 27 für Hofer, 27 für Van der Bellen. Zwei Lager? "Nein, das gibt's bei uns nicht", sagen Wirtin, Köchin, Kellnerin und Pfarrer einstimmig. Auch des Pfarrers Haushälterin will nichts von Polarisierung wissen. Aber als Ausländerin, geboren in der Schweiz und wohnhaft unten in Schnifis, halte sie sich ohnehin raus.

Noch etwas verbindet die Dünserberger mit den Güttenbachern: Sie können auf Wahlwerbung verzichten. 1:1 steht es bei den Plakaten. Mehr brauche man nicht, sagt Bürgermeister Walter Rauch. Die beiden Präsidentschaftskandidaten seien mittlerweile hinlänglich bekannt, aus dem Fernsehen. Denn bis nach Dünserberg hat es noch keiner geschafft.

Dabei wär's eine schöne Fahrt. Fast neun Kilometer schlängelt sich die Straße aus dem Walgau den Steilhang hinauf. Die Streusiedlung erstreckt sich von 900 auf 1300 Meter Seehöhe. Eben ist nur die Terrasse vom Luag ahe. Dorthin gelangt der Bürgermeister trockenen Fußes, ist das Café doch Teil des Gemeindezentrums.

Nicht ganz so nahe hat es der burgenländische Gemeindechef ins Gasthaus Sztubics gegenüber. Im Gemeindeamt regiert seit 1992 Leo Radakovits. Ein G'standener. Gestählt in mancherlei schwarzer Innerparteilichkeit, geformt in zehn Jahren Landtagsarbeit für seine ÖVP, ist der 58-Jährige eine jener politischen Erscheinungen im Land, die schwer nur zu übergehen wären. Immer noch, obwohl er im Vorjahr aus dem Landtag ausgeschieden ist.

Gemeindeamt statt Landhaus

Für den Gemeindebund hält er noch Kontakt ins Landhaus, wo Rot-Blau die Schwarzen nicht bloß aus den Regierungsbüros, sondern auch aus den sie umgebenden Beiräten gescheucht hat. "Ich bin der einzige verbliebene Schwarze, sitze für den Gemeindebund im Raumplanungsbeirat."

In Güttenbach ist die rot-blaue Zeit noch nicht ganz angekommen. Die zehn schwarzen und fünf roten Gemeinderäte haben sich arrangiert. "In den Neunzigerjahren hat es zweimal einen Versuch gegeben, eine blaue Ortsgruppe ins Leben zu rufen." Beide Male sei nichts geworden daraus.

Zwei Wirtshäuser gibt es. Dass eines das rote, das andere das schwarze wäre – wie überall sonst im Burgenland auch -, bestreitet Leo Radakovits sehr nachdrücklich. Nicht in Güttenbach. Die Güttenbacher neigten eher zu Harmonie. Auch volksgruppenbedingt. In einer erst magyarischen, dann deutschen Mehrheitsumgebung hieß es zusammenrücken.

Nur im nahen Stinatz – Vorder-Wörterberg gewissermaßen – war das anders. "Die Stinatzer waren immer Händler, haben sich durchsetzen müssen. Wir waren die Bauern, obrigkeitshörig. Ich hab die Stinatzer immer bewundert." Die Bewunderung hat abgefärbt. Radakovits erinnert sich, wie baff einige waren, "dass ich in Eisenstadt nicht um was gebeten habe, sondern gesagt hab: Ich erwarte mir."

Keine Zukunftsängste

Walter Rauch, Jahrgang 1961, war auch im Landtag. Zwei Jahre lang, als Nachrücker für die ÖVP. Das habe gereicht, sagt er. Seine Leidenschaft ist die Gemeindepolitik. Mit 24 hat er das Bürgermeisteramt übernommen, vom Vater. "Gerissen hat sich damals keiner darum, tut sich auch heute niemand." Er habe einen guten Job als Werkzeugmacher aufgegeben, sagt Rauch. Bereut hat er den Schritt nie. Erreichbar ist er rund um die Uhr. "Das gehört dazu." Die Gemeindearbeit teilt er sich mit der Sekretärin, im Bauhof helfen Teilzeitkräfte. Nebenbei ist Rauch noch Bauer mit zehn bis 15 Milchkühen.

Drei Vollerwerbsbauern gibt es in Dünserberg noch, 13 Bauern haben einen Neben- oder Zuwerb. Im Dorf sind Arbeitsplätze rar. Die fünf Wirtschaften (Gasthäuser) bieten maximal 15 Arbeitsplätze, "Teilzeitjobs, über die vor allem Frauen froh sind", sagt der Bürgermeister. Man pendelt hinunter ins Tal. Die ganz Jungen in den Kindi und die Schule im Nachbardorf, quasi ein Stockwerk tiefer, die Erwachsenen in die Industrie- und Gewerbebetriebe im Walgau und Rheintal.

Zukunftsängste müsse keiner haben, sagt Rauch. Dennoch würden Botschaften über Facebook und Medien wahrgenommen, die Angststimmung verbreiten. "Dann werden auch hier heroben plötzlich die Türen abgesperrt." Flüchtlinge sei so ein Schlagwort für diffuse Ängste. Was aber nichts mit den fünf Menschen aus Aleppo zu tun habe, die in der alten Schule leben. "Wenn alle so wären wie unsere Syrer, könnten noch mehr kommen", sagt Wirtin Melanie.

Parteien gibt es in Dünserberg nicht. "Unterschiedliche Gesinnungen schon. Das ist gut, so entwickelt sich positive Dynamik", sagt Rauch. Die neunköpfige Gemeindevertretung wird über eine Einheitsliste gewählt. "Wir schaffen dadurch eine Plattform, wo alle Anschauungen und Meinungen gleichwertig vertreten sind." In der Gemeindevertretung wird diskutiert, bis man auf einen gemeinsamen Nenner kommt. "Mehrheitsbeschlüsse sind selten. Meistens finden wir einen Kompromiss."

Knapp bis arschknapp

Der kommende Sonntag ist der vierte, der von der Bundespräsidentenwahl blockiert sei, sagt Radakovits. "Wir haben uns ja auch auf den geplanten Wahltermin im Oktober einstellen müssen." Wahlkarten werde es diesmal deutlich mehr geben. Waren es im ersten Wahlgang 50, bei der Stichwahl 87, könnten es jetzt "mehr als 100" sein. Auch deshalb, weil am 4. Dezember eine schon lange geplante Reise nach Kroatien anstehe. Die Pfarrgemeinde besucht die alte Heimat des neuen Pfarrers.

Die Dünserberger sind am 4. Dezember daheim. Im Mai gingen nur 54 der 114 Wahlberechtigten zur Wahl. "Weil ausgerechnet am Wahlsonntag Feuerwehrausflug war, da haben allein 20 gefehlt", liefert Rauch die Erklärung. Der Bürgermeister wird Van der Bellen wählen. Die Frauen im Café sind noch unentschlossen. Wie es ausgehen wird? Knapp. Für wen, da wagt man keine Prognose.

Dass es knapp wird, arschknapp, glaubt man auch im Burgenland. Der Bürgermeister rechnet freilich nicht in 50:50. "Zuletzt war's ja schon gedrittelt. Ein Drittel waren nämlich Nicht- oder Weißwähler." Leo Radakovits, Vorsitzender des kroatischen Volksgruppenbeirats im Bundeskanzleramt, nimmt's, wie's kommt. Einen Wunsch, nein, eine Erwartung, hat er aber schon an den Neuen: nicht nur ein Lippenbekenntnis zu den Volksgruppen. (Jutta Berger, Wolfgang Weisgram, 3.12.2016)

  • In der zweisprachigen südburgenländischen Gemeinde stimmten 222 Wähler für den Pinkafelder Norbert Hofer, 221 für den Wörterberger Alexander Van der Bellen.
    foto: wolfgang weisgram

    In der zweisprachigen südburgenländischen Gemeinde stimmten 222 Wähler für den Pinkafelder Norbert Hofer, 221 für den Wörterberger Alexander Van der Bellen.

  • Leo Radakovits meint, die Güttenbacher neigten eher zu Harmonie.
    foto: wolfgang weisgram

    Leo Radakovits meint, die Güttenbacher neigten eher zu Harmonie.

  • In Vorarlbergs kleinster Gemeinde, hoch über dem Walgau, endete die aufgehobene Stichwahl im Mai unentschieden. 27:27. Lagerbildung gab und gibt es dennoch nicht.
    foto: dietmar stiplovsek

    In Vorarlbergs kleinster Gemeinde, hoch über dem Walgau, endete die aufgehobene Stichwahl im Mai unentschieden. 27:27. Lagerbildung gab und gibt es dennoch nicht.

  • Zukunftsängste müsse keiner haben, sagt der Dünserberger Bürgermeister Walter Rauch.
    foto: dietmar stiplovsek

    Zukunftsängste müsse keiner haben, sagt der Dünserberger Bürgermeister Walter Rauch.

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