Österreich funktioniert. Noch

Kolumne2. Dezember 2016, 15:58
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Es kracht im Gebälk, und es wird sich etwas ändern müssen

Wenn eine sehr alte Dame zu Hause zusammenklappt, ist – in Wien – binnen 15 Minuten die Rettung da, der Notarzt untersucht, meint, man könne einen Schlaganfall nicht ausschließen. Die Maschinerie läuft an, Einlieferung ins Spital, Routinediagnostik, dann gibt es Entwarnung. Am nächsten Tag wieder zu Hause. Die Dame bekommt übrigens Pflegegeld und einen Zuschuss für die Kosten der 24-Stunden-Betreuung durch Helferinnen aus Osteuropa.

Eine solche schnelle, umfassende medizinische Betreuung muss man anderswo suchen. Italien? Belgien? Großbritannien? Kein Vergleich mit dem hohen Standard Österreichs.

Andererseits: Das Gesundheitswesen ist teuer und teilweise ineffizient. Die Ambulanzen sind überfüllt, auf dem Land ist die Versorgung schon dünner. Zwischen den Ärzten und den Spitalserhaltern gibt es erbitterte Auseinandersetzungen. Es kracht im Gebälk, und es wird sich etwas ändern müssen.

Das gilt für sehr viel Bereiche, praktisch für das ganze Land. Österreich funktioniert gut. Die Einkommenssituation ist immer noch gut, die viertbeste in der EU. Die "Markteinkommen" stagnieren zwar oder gehen leicht zurück, dafür gibt es aber massive Umverteilung durch Sozialtransfers. Die Ungleichheit bei Vermögen ist wesentlich höher, aber das liegt auch an den hohen Sozialleistungen, die Vorsorgesparen weniger wichtig machen.

Dennoch ist die Unzufriedenheit groß, weil z. B. die Preise für Wohnungen und Mieten stark angestiegen sind und auch für gut verdienende jüngere Leute immer weniger leistbar sind. Relativ hoch, mit etwa neun Prozent, ist die Arbeitslosigkeit, da wieder die Jugendarbeitslosigkeit und die unter Migranten. Es gibt keine Schlangen vor Suppenküchen wie in der Weltwirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts, aber junge Leute finden immer schwerer einen Job. Und die Situation wird sich mit dem vollen Einsetzen der digitalen Revolution wirklich verschlechtern.

Österreich steht immer noch sehr gut da, aber die Risse im Mauerwerk sind sichtbar. Es sind mehr Befürchtungen vor einer Verschlechterung in der Zukunft als eine reale, wirklich spürbare Abwärtsbewegung bei den wichtigsten Parametern des täglichen Lebens.

Das gilt wahrscheinlich auch für die beiden großen Themen, aus denen der Rechtspopulismus seine Kraft bezieht: das "Ausländerproblem" und die Globalisierung. Ob Zuwanderer in der dritten Generation oder vor einem Jahr angekommener Flüchtling – die realen Auswirkungen sind nicht so, dass man von einer echten Bedrohung des gewohnten, "bodenständigen" Lebensstils sprechen könnte. Aber es gibt eine kulturelle Verunsicherung, das Gefühl, nicht mehr im eigenen, gewohnten Umfeld leben zu können, und die Furcht vor der Zukunft, auch was die Arbeitswelt betrifft: Globalisierungsfurcht befördert den Rechtspopulismus, analysierte jetzt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung.

So stehen wir am Vorabend großer Umwälzungen, in Österreich und Europa. Wird Hofer Präsident, fällt die Regierung bald auseinander, nach Neuwahlen ist die FPÖ wohl Kanzlerpartei. Geschieht Ähnliches in Frankreich und Italien, ist die EU bedroht. Und die liberale Demokratie selbst.

Österreich funktioniert – noch. Mit zunehmend gravierenden Mängeln. Gegen die tut aber fast niemand vom "Establishment" etwas. Die Rechtspopulisten auch nicht, die benennen nur Sündenböcke. Aber sie können trotzdem an die Macht gelangen, und dann werden sie sie so schnell nicht wieder loslassen. (Hans Rauscher, 2.12.2016)

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