Tina Lechner: Posthumanismus und Vintagecharme

5. Dezember 2016, 10:52
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Die Galerie Hubert Winter zeigt analoge Schwarz-Weiß-Fotografien der österreichischen Künstlerin

Grobkörnig war gestern. Heute ist "high definition" angesagt: digitale Bilder, auf denen man Details, etwa von Gesichtern, mitunter deutlicher sieht als im wirklichen Leben.

Tina Lechner (geb. 1981 in St. Pölten) hält der damit einhergehenden Distanzlosigkeit und Glattheit zweierlei entgegen. Zum einen setzt die Künstlerin, die bei Matthias Herrmann und Martin Guttmann an der Akademie der bildenden Künste Wien "Kunst und Fotografie" studierte, auf die Tiefe und Haptik analoger Schwarz-Weiß-Fotografie. Zum anderen baut sie für ihre Modelle objekthafte, an die Panzer von Schalentieren erinnernde "Körper", die diese vor allzu viel Nähe schützen.

In Lechners erster Einzelausstellung in der Galerie Hubert Winter sind Fotografien zu sehen, die zwischen (Kunst-)Geschichte und Gegenwart, zwischen Abstraktion und Figuration, aber auch zwischen Subjekt und Objekt changieren. Pro Bild ist eine Figur abgelichtet, die Lechner mit selbstgebastelten Applikationen aus Pappkarton ins Roboterhafte verschoben, in den Proportionen manipuliert oder skulptural erweitert hat.

Dass es der Frauenkörper ist, der Lechner immer wieder als Ausgangspunkt dient, lassen teils unbedeckte Körperstellen erahnen. Teils sind es aber auch nur die Bildtitel – Lucy, Viviane oder Gina -, die in Anbetracht der vordringlichen Cyborghaftigkeit noch auf die Weiblichkeit verweisen.

Mit ihren skulpturalen Überlagerungen oder Ergänzungen hat Lechner gerade die geschlechtsspezifischen Merkmale stark minimiert. Die charakteristische Körpersilhouette ist bei ihr etwa um kleine, glänzende Speerspitzen erweitert, die an Armen und Schultern in die Höhe ragen. Manchmal umgibt den Körper auch eine Art Panzer in Form ausladender Skulpturen, die per Spiralen an Schneckenhäuser denken lassen.

Lechners formale Anleihen bei dem Bauhaus-Künstler Oskar Schlemmer und dessen Triadischem Ballett (ab 1912) sind dabei ebenso unübersehbar wie das Faible, das die Künstlerin offenbar für die Erweiterung des Körpers mit Mitteln der Mode hat. Durch badehaubenartige Kopfbedeckungen fühlt man sich denn auch etwa an die avantgardistischen Entwürfe eines Rudi Gernreich erinnert.

Zwischen Stoff und Körper

Dem japanischen Label Comme des Garçons widmete Lechner sogar eine eigene Arbeit. Dessen Credo, wonach opulente Materialien die menschliche Gestalt einhüllen und voluminöse Räume zwischen Stoff und Körper aufmachen sollten, griff sie in einem Entwurf von 2011 auf. Auf dem Kopf der Figur sitzt hier eine Art Kugel, während der Rest des Körpers einem abstrahierten, üppigen Blumenstrauß gleicht.

In der Bearbeitung von Bildern wie Garçons 2011/2016 oder dem Frauenporträt Eugeni (beide 2016) bediente sich die Künstlerin der sogenannten Negativsolarisation, eines analogen Verfremdungsverfahrens, das den Vintagecharme dieser Bilder entscheidend prägt. Der Eindruck des Posthumanen, Roboterhaften dringt dagegen stärker bei Lechners im Silbergelatineabzugverfahren entwickelten Aufnahmen durch. Bei FW 09 (2015) beispielsweise, oder auch in einer Serie, in der die Künstlerin die im Verfahren angelegte Möglichkeit der Modellierung von Licht und Schatten nutzt, um die potenzielle Bewegtheit des Dargestellten zu verstärken. Am deutlichsten zeigt sich das an dem Bild Rei aus dem Jahr 2015, von dem man sich auch am stärksten an frühe Bewegungsstudien von Eadweard Muybridge oder Marcel Duchamp erinnert fühlt. (Christa Benzer, Album, 5.12.2016)

Galerie Hubert Winter, Breite Gasse 17, 1070 Wien, bis 23.12.

  • Ein Körper zwischen den Zeiten: Tina Lechners "Rei" (2015).
    foto: galerie hubert winter

    Ein Körper zwischen den Zeiten: Tina Lechners "Rei" (2015).


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