Michael Niavarani: "Eine Wahl ist ja keine Hochzeit"

Interview3. Dezember 2016, 12:00
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Schauspieler und Kabarettist Michael Niavarani: Wählen als "verdammte Pflicht" und warum ein schlechter Kleber noch keinen Aufreger hergibt

STANDARD: Sie spielen zurzeit in Wien in der Shakespeare-Adaptierung "Romeo und Julia". Wenn die Hofburg-Wahl ein Drama wäre, welches käme dafür infrage?

Michael Niavarani: Es müsste eine Trilogie sein, nicht nur ein Stück. Johann Nestroy hat etwas Interessantes gesagt, nämlich: Dass die zweiten Teil' nie so erfolgreich sind wie die ersten. Da fehlt dann das Interesse.

STANDARD: In einem Wahlaufruf per Video sagen Sie: "Hätte Mr. William Shakespeare gewusst, dass man die Regierenden auch auswählen kann, wäre er sicher zur Wahl gegangen." Was sagen Sie jemandem, der meint, die Wahl gehe ihm schon so auf die Nerven, er gehe gar nicht hin?

Niavarani: Dieser Wahlgang zieht sich ja schon über Monate. Das ist sehr lang und kann nervig werden. Es ist auch eine schwierige Situation: Einerseits ist es eine Richtungswahl, andererseits wählen wir jemanden, der nicht regiert, sondern repräsentiert. Bildlich gesprochen, wählen wir die Kühlerfigur und nicht den Motor. Es sind wahnsinnig viele Menschen auf dem Weg zur Demokratie gestorben. Ich finde, eigentlich sollte es eine Pflicht sein: Wir haben nicht nur die Möglichkeit zur Wahl, es ist unsere verdammte Pflicht.

STANDARD: Es gab in Österreich schon die Wahlpflicht, soll diese wieder eingeführt werden?

Niavarani: Schwierig. Man darf nirgends mehr rauchen. Das darf man nicht und jenes auch nicht. Und jetzt soll es eine Strafe geben, wenn man nicht wählt? Vielleicht sollte man zumindest darüber reden und eine Diskussion über die Wichtigkeit des Wählens führen.

STANDARD: Sie haben gerade in London einen neuen Film an die Nichtwähler online gestellt. Diese würden "auf jeden Fall enttäuscht" werden, weil ja einer der beiden Kandidaten so oder so gewinnen wird. Und Sie meinen, man solle das "kleinere Übel" wählen. Warum eigentlich?

Niavarani: Ich habe von wahnsinnig vielen Leuten gehört, dass sie das Gefühl haben, sie müssen sich zwischen einem großen Übel und einem kleinen Übel entscheiden. Und bevor sie das machen, gehen sie nicht wählen. Das Problem ist nur, dass sie dann auf jeden Fall enttäuscht sind – einer wird gewinnen. Die positive Formulierung lautet: den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Wo kann ich gerade noch sagen: Na gut, dann ist es halt der! Wenn ich jetzt den Alexander Van der Bellen wähle, muss ich ja nicht mit ihm wohnen oder leben. Eine Wahl ist ja keine Hochzeit. Es geht, wie gesagt, um die richtige Kühlerfigur.

STANDARD: Muss man es auch ein bisschen entspannter sehen?

Niavarani: Na ja, er ist ja nicht nur unser Bundespräsident. Die ganze Welt sieht ihn. Wollen wir hier wirklich einen Rechten, ist das die beste Variante? Sollen wir den vorn aufs Auto drauftun und damit durch die ganze Welt fahren? Das ist die Frage.

STANDARD: Viele sehen das so.

Niavarani: Es ist nicht so, dass jetzt plötzlich die Mitte rechts geworden ist, wie viele behaupten. Das glaube ich nicht. Ich glaube, es ist eine Hudelei. Der Mensch ist verängstigt durch gewisse Vorgänge, sei es die Flüchtlingsproblematik, die Globalisierung, die Terroranschläge – oder dadurch, dass man im nächsten Jahr weniger verdienen wird – kurz: Wir haben Angst. In dieser Furcht geraten wir in Europa und in Amerika in Panik, und da schaut man nicht genau hin.

STANDARD: Diese Hudelei ...

Niavarani: ... ist das Problem. Viele Leute werfen mir vor, dass ich die FPÖ-Wähler heruntermache und beleidige und nicht ernst nehme. Ich nehme sie sehr ernst und beleidige sie deshalb, weil ich sie auch mag. Rechtswählen ist ein bisschen, wie wenn man hudelt, nicht aufpasst und in ein Hundstrümmerl steigt. Dann setzt man sich ins Auto, glaubt, die Sache ist vorbei, aber irgendwann stinkt es halt gewaltig. Ich glaube nicht, dass man absichtlich da reinsteigt. Das passiert, weil die Leute nicht genau hinschauen. Denn dann würden sie nämlich sehen, dass die angebotenen Lösungen keine Zukunft haben. Ich mache die Grenzen dicht – und fertig! Manchmal habe ich den Eindruck, die Rechten glauben, sobald die Grenzen dicht und alle Ausländer draußen sind, dann kriegt auch niemand mehr Schnupfen.

STANDARD: Ihr Hundstrümmerlvergleich wird manche verärgern.

Niavarani: Der Vergleich ist ja nicht böse gemeint, das ist eine kabarettistische Überhöhung. Ich könnte auch raten: Haben Sie Angst vor Asylwerbern? Dann meiden Sie die Facebookseite von Heinz-Christian Strache. Wenn ich von hundert Vorfällen zehn habe, die negativ sind, und diese immer wieder wiederhole, dann glaube ich, dass alle hundert so sind. Aber das entspricht ja nicht der Wahrheit. Dieser Rechtsdrall entsteht eben durchs nicht genaue Hinschauen.

STANDARD: Der Rassismus nimmt in Österreich zu. Gleichzeitig lieben die Leute jemanden wie Sie, der ein Kind eines "Zuagrasten" ist. Wie erklären Sie sich das?

Niavarani: Das ist ein bisserl schizophren. Die Leute, die mich kennen, die in die Vorstellungen kommen, die haben offensichtlich kein Problem damit, dass mein Vater Perser war. Unter jenen, die mich nicht kennen und gar nicht wissen, was ich mache, sind dann diejenigen, die mir auf Facebook ausrichten: "Fahr nach Hause, du Kameltreiber!" Es gibt einige, die der Meinung sind, ein Kabarettist sollte sich nicht politisch äußern. So etwas Blödes hört man selten! Wenn sich jemand politisch äußern sollte, dann ein Kabarettist.

STANDARD: Wie gehen Sie mit Hasspostings um?

Niavarani: Strafrechtlich Relevantes zeigen wir an. Aber sonst lasse ich die negativen Sachen eher stehen. Manche Personen sperre ich aber auch, weil sie mir wahnsinnig auf die Nerven gehen.

STANDARD: Sie haben für jeden negativen Kommentar auf Ihrer Facebookseite ein paar Euro an Hilfsorganisationen überwiesen.

Niavarani: Wir haben damals dann einfach alle Postings genommen, die negativen waren zu wenig. Ab diesem Moment hat die rassistische Beschimpfung begonnen. "Wir werden dich an die Wand stellen!", "Du bist ja auch so einer!", "Kein Wunder, das ist ja ein halber Perser!", waren noch die harmloseren. Oder mir wurde vorgeworfen, dass ich vom ORF so viel Geld bekomme. Wenn jemand weiß, dass noch Geld für mich im ORF liegt: Bitte melden!

STANDARD: Sind die Menschen gehässiger geworden, oder sieht man dank Social Media jetzt nur, was gedacht wird?

Niavarani: Der Mensch ist nun mal gehässig und zynisch in vielen Dingen. Heute sieht man deutlich, was früher unter vorgehaltener Hand gesagt worden ist. Beim Posten auf Facebook haben ja noch immer viele das Gefühl, dass sie intim unter sich sind – was nicht stimmt. Es ist sogar gut, dass dieses Phänomen jetzt offenliegt, weil wir damit auch die Möglichkeit bekommen, damit umgehen zu können. Das Gesetz hat ja Zugriff auf das Internet und überlegt sich, wie auf die Vielzahl von extremen Hasspostings und rassistischen Aufrufen reagiert wird.

STANDARD: Hat der lange Wahlkampf diesen Hass befeuert?

Niavarani: Derzeit wird viel davon geredet, dass ein Riss durch das Land geht. Ich empfinde das nicht so. Internetforen und Facebook bilden einen bestimmten Ausschnitt unserer Gesellschaft ab – mehr nicht. Die ganze Wirklichkeit findet sich nur in unserem wirklichen Leben. Das habe ich anfangs auch nicht so gesehen. Da hatte ich zwei- bis dreitausend "Friends". Ich habe aber nicht tausende Freunde, ich habe vielleicht zwei. Facebook-Kontakte sind keine zwischenmenschlichen Kontakte. Sitze ich im Autobus neben einem Typen, der zu laut rotzt, und ärgere mich über ihn, ist das mehr zwischenmenschlicher Kontakt als wenn ich über Facebook kommuniziere.

STANDARD: Das ist jetzt aber fast eine Werbung für Facebook.

Niavarani: So gesehen, stimmt das. Also: Wer seine Ruhe haben will, soll auf Facebook posten.

STANDARD: Die angebliche Spaltung in der Gesellschaft ist genau so oft Thema wie die Suche nach Ähnlichkeiten mit dem Wahlkampf von Donald Trump. Gibt es die?

Niavarani: Nein. Überhaupt nicht. Es ist vollkommen falsch, den Herrn Hofer mit Trump zu vergleichen. Trump verstellt sich nicht, der ist wirklich so. Ich empfinde es übrigens auch nicht als Weltuntergang, dass Donald Trump US-Präsident geworden ist. Die Geschichte der Menschheit wird weitergehen – und zwar in eine positive Richtung.

STANDARD: Muss man nach einem halben Jahr ohne Bundespräsident eingestehen: Es geht eigentlich auch ohne?

Niavarani: Ein Auto fährt auch ohne Kühlerfigur, das ist schon richtig. Aber wer sollte stattdessen der oberste Repräsentant des Staates sein? Das Nationalratspräsidium, wie jetzt gerade? Theoretisch kann darüber natürlich nachgedacht werden. Das ist ja nicht völlig abwegig. Ich weiß nur nicht, ob das gut wäre.

STANDARD: Welchen Bundespräsidenten wünschen Sie sich aus kabarettistischer Sicht? Hofer?

Niavarani: Also ich finde auch Van der Bellen wahnsinnig lustig. Und was auch stimmt: Ich würde mich sehr freuen, wenn ich auf der Bühne rauchen könnte.

STANDARD: Sie sind gerade ein paar Tage in London. Haben Sie per Briefwahl gewählt?

Niavarani: Ja, ich habe schon gewählt und deshalb bin ich auch so ungeduldig. Ich verstehe nicht, warum es noch nicht vorbei ist. Ich habe doch schon gewählt. Ich wurde immer noch nicht informiert, wie es ausgegangen ist.

STANDARD: Ihr Vertrauen in die Wahlkarten ist also ungebrochen. Dass eine Wahl wegen eines nichtfunktionstüchtigen Klebers verschoben wird, auf die Idee wäre wohl nicht einmal ein Kabarettist gekommen.

Niavarani: Diese Sache ist mir schon ein bisschen zu hysterisch. Bei zig Millionen Kuverts ist es eigentlich normal, dass es ein paar Kuverts gibt, bei denen der Kleber nicht hält. Es werden ja nicht drei Kuverts von einem Expertenteam in Handarbeit geklebt. Man ist weder lächerlich noch eine Bananenrepublik, so etwas kann einfach passieren. Ich habe sehr viele DVDs produziert und da gab es logischerweise auch schadhafte Exemplare.

STANDARD: Eine DVD tausche ich aus, die Wahlstimme ist verloren.

Niavarani: Natürlich. Deshalb ist es auch richtig, dass die Wahl verschoben wurde. Es ist richtig, zu sagen: Wir sorgen dafür, dass alles funktioniert. Aber ich verstehe einfach nicht, warum man sich über diese Klebergeschichte aufregen soll.

STANDARD: Was machen Sie, wenn Hofer der neue Präsident ist?

Niavarani: Es kommt darauf an, wie groß der Stimmenunterschied ist. Sind es fünf Stimmen, muss man als Hofer-Anhänger sagen: Gott sei Dank! Und der Van der Bellen-Anhänger: Das gibt's ja nicht! Ist der Unterschied markant: etwa 65 Prozent für Hofer. Da würde ich mir Gedanken machen, was los ist.

STANDARD: Und wenn es 65 Prozent für Van der Bellen sind?

Niawarani: Dann würde ich mir auch Gedanken machen, was los ist. Die große Gefahr, wenn es Van der Bellen wird, ist ja: Dann denken sich alle, die eher der Mitte-links-Abteilung anhängen: Gott sei Dank, gut gegangen! Und keiner denkt mehr darüber nach, was man ändern sollte. Das wäre ein schwerer Fehler. (Peter Mayr, 3.12.2016)

Michael Niavarani, geboren 1968 in Wien, ist Autor, Kabarettist und Schauspieler. Gemeinsam mit Georg Hoanzl gründete er 2014 das Theater Globe Wien im dritten Gemeindebezirk.

  • Schauspieler und Kabarettist Michael Niavarani: "Es ist vollkommen falsch, den Herrn Hofer mit Trump zu vergleichen. Trump verstellt sich nicht, der ist wirklich so."
    foto: picturedesk / starpix

    Schauspieler und Kabarettist Michael Niavarani: "Es ist vollkommen falsch, den Herrn Hofer mit Trump zu vergleichen. Trump verstellt sich nicht, der ist wirklich so."

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