Rundschau: Leben und Töten in Fantasticland

    Ansichtssache17. Dezember 2016, 10:00
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    Letzte vorweihnachtliche Science-Fiction-Buchtipps: Von Ariel Winter über Terry Pratchett und Uwe Post bis zu Andreas Brandhorst

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    foto: knaur

    Ariel S. Winter: "Mr. Sapien träumt vom Menschsein"

    Klappenbroschur, 234 Seiten, € 15,50, Knaur 2016 (Original: "Barren Cove", 2016)

    Mein Blick ging zurück zur tosenden See. Sehr leicht ließe sich herausfinden, wie wasserdicht ich noch war. Wäre es nicht genau das, was von mir erwartet wurde? Ein Roboter, der Selbstmordgedanken hegt: Das wird erst einmal viele an Marvin aus "Per Anhalter durch die Galaxis" erinnern – und vermutlich kaum jemanden an Walter Tevis' "Mockingbird" ("Die Letzten der Menschheit") von 1980. Mit Douglas Adams' Brachialhumor hat Ariel Winters Erzählung "Mr. Sapien träumt vom Menschsein" freilich rein gar nichts zu tun. Umso mehr dafür mit dem unvergleichlich melancholischen Buch von Tevis, das nebenbei bemerkt nach all der langen Zeit immer noch mein Lieblings-SF-Roman überhaupt ist.

    Ich-Erzähler Mr. Sapien ist ein Androide und ein Auslaufmodell – er wurde noch von Menschen gebaut, und von denen gibt es inzwischen kaum noch welche. (Es wird an einer Stelle kurz eine Pandemie angedeutet, das bleibt aber wie vieles andere im Roman bewusst vage gehalten.) Die Zivilisation indes besteht weiter und Roboter sind ihre Bürger. Die Angehörigen neuerer Generationen sehen Mr. Sapien scheel an, weil er sich, seit einem Unfall beschädigt, nicht schon längst deaktivieren hat lassen. Aber irgendetwas fehlt ihm noch, um abschließen zu können. Und so begibt er sich auf eine Art Sommerfrische in den kleinen Küstenort Barren Cove.

    Gestrandet

    Damit entspinnt sich ein Plot, wie er in der Mainstreamliteratur häufig aufgegriffen wird, in der Science Fiction aber eher selten vorkommt: Ein Gast quartiert sich bei einer Familie ein, die ihn mit allerlei Seltsamkeiten in ihren Bann zieht und ihn dazu bewegt, dem Beziehungsgeflecht und den Vorgeschichten der einzelnen Personen nachzugehen. In diesem Fall besteht die robotische Gastfamilie aus der freundlich-beflissenen Mary, dem schrulligen Kent und dem bedrohlich wirkenden Sohn des Hauses, Clarke. Und irgendwo in dem Anwesen, zu dem Mr. Sapiens Strandhütte gehört, soll sich mit Mr. Beachstone auch noch ein echter Mensch befinden.

    Als Sapien alte Files der hauseigenen Künstlichen Intelligenz durchgeht, erschließt sich ihm nach und nach der Hintergrund der eigentümlichen Verhältnisse in Barren Cove – und uns ein kleines bisschen auch, wie es in der Welt insgesamt aussieht. Rein formal wäre zu sagen, dass durch das Umschwenken auf lange Flashbacks und eine Erzählung in der dritten Person die Titelfigur über weite Strecken aus dem Roman verschwindet. Insofern mag der englische Originaltitel "Barren Cove" passender sein – aber he: Der deutsche ist einfach wunderschön!

    Die neuen "Menschen"

    US-Autor Ariel Winter ist mit einer Trilogie von Krimi-Pastiches bekannt geworden ist ("The Twenty-Year Death"). Hier beschert er uns einen nicht zu unterschätzenden Verfremdungseffekt, indem er Roboter sich wie Menschen verhalten lässt: Sie tragen Kleidung, gründen Familien, fahren sich über Nacht zum "Träumen" herunter und nehmen sogar ein elektronisches Pendant zu Drogen.

    1974 nutzte Dean Koontz in der Erzählung "Night of the Storm" ein vergleichbares Szenario für die Pointe, Roboter de facto zu Menschen und die letzten tatsächlichen Menschen zu legendären Bestien à la Bigfoot zu machen. Winter geht darüber hinaus: Seine Roboterzivilisation scheint auf den ersten Blick ebenfalls mit der unseren identisch. Umso verstörender ist es dann, wenn bei Gelegenheit die wahre Natur der neuen Bürger aufblitzt – etwa wenn sich Clarke demonstrativ die Kunsthaut in Fetzen reißt.

    Keine Robotergesetze

    Wirklich schockierend sind die Ausbrüche von Gewalt, die immer wieder wie aus dem Nichts kommen. Einmal prügelt Clarke zusammen mit anderen "Teenagern" grundlos einen Mann zu Tode; die örtlichen Roboterfamilien sehen teilnahmslos zu. Auf die Frage, warum er Menschen tötet, kontert Clarke simpel mit "Warum nicht?" Die Asimov'schen Gesetze scheinen in Winters Welt nie implementiert worden zu sein, und so schweben die letzten Menschen in ständiger Bedrohung. Eben noch philosophiert Kent darüber, wie verletzlich doch Menschen sind – schon setzt er an einem kleinen Jungen das Skalpell an.

    Das Verhältnis zwischen Robotern und Menschen ließe die verschiedensten Interpretationen zu. Am ehesten scheint sie noch der Situation in einem unabhängig gewordenen Land zu entsprechen, in dem die Nachkommen der einstigen Kolonialherren zu Bürgern zweiter Klasse geworden sind. Die neuen Herrscher lassen sie das auch spüren – und sind ihnen dennoch immer noch in widerwilliger Faszination verbunden: Clarkes aggressive Verachtung und Marys ständiger Wunsch nach Anerkennung durch "ihren" Menschen sind zwei Seiten derselben Medaille.

    Und selbst die brave Mary hätte beinahe eine Leiche auf dem Gewissen, wenn auch nicht aus böser Absicht. Sie hatte nur einfach vergessen (oder nie gewusst), wo die körperlichen Limits von Menschen liegen – sehr zum Leidwesen von Mr. Beachstone. Das wiederum erinnert an eine andere posthumane Zivilisation, nämlich die aus Charles Stross' "Die Kinder des Saturn", in der Roboter durch eine kleine Nachlässigkeit die Biosphäre gekocht haben. Die Zivilisation läuft trotzdem weiter.

    Der Sinn des Daseins

    Aber tut sie das auch hier? Die Imitation des Lebens, die Winters Roboter führen, und ihre Hassliebe zu den Menschen wirken ebenso rückbezüglich wie das Unmaß an Erinnerungsstücken aus der Vergangenheit, die überall angesammelt werden: In der Stadt gibt es eine fast endlose Anzahl an Schrotthändlern, Pfandleihern, Antiquitätenläden; kleine staubige Geschäfte, in denen jede noch so kleine Fläche mit den Überbleibseln vergangener Jahrhunderte bedeckt ist.

    Es scheint, als hätten die Roboter mit den einstigen Herren ihre innere Mitte verloren – auch wenn sie es selbst vielleicht noch gar nicht bemerkt haben. Nur Mr. Sapien, der auffällig oft im Roman die Frage "Wieso?" stellt, scheint die tiefgehende Sinnlosigkeit des Daseins zu erahnen, die unter der Oberfläche allgegenwärtig ist. – So mancher SF-Fan mag über die vielen offenen Fragen, mit denen ihn Ariel Winters Roman zurücklassen wird, frustriert sein. Nichtdestotrotz ist "Mr. Sapien träumt vom Menschsein" ein ebenso poetisches wie verstörendes und schlichtweg beeindruckendes Werk. Und so schnell man den schmalen Band auch gelesen hat, wird er doch lange nachwirken.

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