Warum Ohrfeigen das Vertrauen zerschlagen

Kolumne4. Dezember 2016, 17:00
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Es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt an Kindern – und Kinder tragen niemals die Schuld daran, wenn ihnen Eltern oder Erziehungsberechtigte Gewalt antun

Bevor ich auf die möglichen Ursachen der Gewaltausübung gegenüber Kindern eingehe, möchte ich eines festhalten: Es ist unmöglich, ein Kind zu schlagen, ohne dabei seine Würde und sein Selbstgefühl zu verletzten – egal wohin ein Kind geschlagen wird. Die Würde eines Kindes – und auch eines Erwachsenen – wird sowohl durch körperliche Schläge wie auch durch verbale Gewalt verletzt.

Was wir unseren Kindern durch Schläge mitgeben, ist eine moralische Botschaft: dass es in Ordnung ist, andere Menschen zu verletzten, wenn sie schwächer sind als wir selbst. Und wir vermitteln unseren Kindern damit auch, dass es okay ist, die Unversehrtheit anderer zu verletzen, sobald sie unsere Autorität infrage stellen. Sind das wirklich die Botschaften, die wir unseren Kindern mitgeben wollen? Damit öffnen wir das Tor zur Gewalt. Doch nicht nur körperliche Gewalt verletzt die Würde des Kindes. Die Worte von Erwachsenen sind oft noch viel gefährlicher. Denn sie beschädigen zusätzlich das Selbstwertgefühl der Kinder und ihr Grundvertrauen in die Eltern.

Auch gute Eltern machen Fehler und sind nicht perfekt – das sollte auch nicht der Anspruch sein. Wichtiger ist es, dass sie, sollte einmal "die Hand ausrutschen", zu ihrem Kind sagen: "Es tut mir leid. Es war falsch von mir, dir wehzutun. Ich habe die Kontrolle verloren. Dafür bin ich verantwortlich, und du trägst keine Schuld." Wenn die Entschuldigung der Eltern aufrichtig ist, wird ihnen das Kind verzeihen. Eltern sollten niemals um Vergebung bitten. Wenn ihre Entschuldigung nicht aufrichtig ist, wird das Kind sowohl unter der Verletzung als auch unter der Schuld leiden.

Dem inneren Kind begegnen

Eltern neigen im Allgemeinen dazu, die Integrität ihres Kindes im selben Umfang zu kränken, in dem einst ihre eigene Integrität verletzt oder gekränkt wurde. Eltern, deren Verhalten als provozierend erlebt wird, mögen sich daran erinnern, dass auch sie einmal Kinder waren. Sie haben in ihrer ersten Familie in verschiedenen Formen und Ausmaßen Übergriffe auf ihre eigene Integrität erlebt. Es ist ihnen aber, wie allen anderen Kindern auch, gelungen, eine geniale Überlebensstrategie zu entwickeln. So war es den heutigen Erwachsenen als Kindern möglich, mit ihren Eltern zusammenzuleben und dabei ein Minimum an Integrität zu bewahren.

Diese Überlebensstrategien können sich als Verhaltensmuster, als Persönlichkeitsausprägung oder auch als Neurose zeigen. Zu einem späteren Zeitpunkt im Leben, etwa wenn wir eine eigene Familie gründen, haben sie sich bereits so stark etabliert, dass unser ursprüngliches Verhalten als Kind nun eine Bedrohung für uns darstellt. Insbesondere Liebesbeziehungen stellen diese Empfindungen auf eine harte Probe. Wenn wir als Kind immer damit konfrontiert waren, Protest, Zorn oder Kritik zu unterdrücken, kann es in einer Partnerschaft dazu führen, dass zu viele Kompromisse eingegangen werden und Unterschiede zum Konflikt führen.

Eltern haben also gewissermaßen gute Gründe dafür, ihren Kindern gegenüber unverhältnismäßig oder gar destruktiv aufzutreten. Auch wenn sie versuchen, die Gründe im Verhalten ihrer Kinder zu finden, so ist es dennoch das eigene "innere Kind", dem sie als Eltern begegnen.

Kinder als Lehrmeister

Das soll nun keinesfalls eine sentimentale Entschuldigung für das Verhalten von Eltern darstellen. Aber es soll aufzeigen, wie wichtig und bedeutend es ist, sich als Erwachsener seiner eigenen Integrität bewusst zu werden und sich darin zu üben. So können beide Seiten, Erwachsene und Kinder, ihre Integrität und Würde schützen.

Im Rahmen unserer Möglichkeiten tun wir alle unser Bestes. Doch so sehr wir uns auch bemühen, vermissen wir mitunter das Gefühl, für andere wertvoll zu sein. Das ist der Ursprung von Aggression. So gesehen ist das Gefühl von Aggression also ein gutes und auch nützliches Zeichen, dass wir immer noch etwas zu lernen haben. Kinder sind für ihre Eltern die besten Lehrmeister, die sie sich wünschen können. (Jesper Juul, 4.12.2016)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul regelmäßig Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Seine nächste Kolumne erscheint am 18. Dezember.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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