Feldkirchen an der Donau: Schule macht Schule

3. Dezember 2016, 12:00
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Das Schul- und Kulturzentrum in Feldkirchen an der Donau wurde kürzlich mit dem Österreichischen Bauherrenpreis ausgezeichnet

"Lasst euch die Kindheit nicht austreiben! Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr."

Diese "Ansprache zum Schulbeginn" stammt aus dem Jahre 1968. Erich Kästners Worte haben bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Kaum hat man das Schulhaus betreten, entdeckt man in der Aula Textfragmente daraus in Form von silberfarben applizierten Buchstaben auf der Empore im ersten und zweiten Stock. Die Kunst-am-Bau-Arbeit stammt vom Wiener Künstler Hermann Staudinger.

"Der Lehrer ist kein Schulwebel und kein lieber Gott. Er weiß nicht alles, und er kann nicht alles wissen." – "Aber wir haben viel gelernt", sagt Brigitte Rechberger, Direktorin des neuen Schul- und Kulturzentrum im oberösterreichischen Feldkirchen. "Die Bauphase und das Gebäude, in dem wir nun arbeiten, haben uns so geprägt, das ich mit Stolz sagen kann: Unsere Lehrer sind keine Einzelkämpfer wie in vielen anderen Schulen, sondern Teamplayer. Hier arbeitet jeder mit jedem. Das liegt nicht nur, aber auch an der außergewöhnlichen Architektur."

Misstraut euren Schulbüchern!

Für genau diesen einzigartigen Ansatz wurde die Marktgemeinde Feldkirchen an der Donau, nur ein paar Steinwürfe von Linz entfernt, kürzlich mit dem Österreichischen Bauherrenpreis 2016 ausgezeichnet. Der Preis, der jährlich von der Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs (ZV) vergeben wird, möchte genau jene Menschen vor den Vorhang holen, die die hohe Kunst guter Architektur überhaupt erst ermöglichen – die Auftraggeberinnen und Auftraggeber.

"Misstraut gelegentlich euren Schulbüchern. Sie sind nicht auf dem Berge Sinai entstanden." Hinter dem Lernlabor für rund 400 Schülerinnen und Schüler verbirgt sich ein Hybrid aus Neubau und Sanierung aus der Feder des Wiener Architekturbüros fasch & fuchs. Während die alte Volksschule abgerissen und neu aufgebaut wurde, handelt es sich bei der Neuen Mittelschule um eine sehr schöne, gut funktionierende Hallenschule aus den Siebzigerjahren, die thermisch saniert und in den Neubau integriert wurde. Der angrenzende Turnsaal wurde generalsaniert und erweitert. Ein ganz neues Element ist die Musikschule mit angrenzendem Kulturzentrum.

"Der österreichische Schul- und Bildungsbau hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt", sagt Hemma Fasch. "Es sind viele innovative Projekte entstanden. Oft ist es aber so, dass die architektonischen und pädagogischen Konzepte nicht ganz zusammenpassen, weil das eine dem anderen irgendwie hinterherhinkt, weil Architekt und Nutzerin nicht miteinander kommunizieren. Bei diesem Projekt jedoch war es anders. Wir haben miteinander gearbeitet, wir haben alle an einem Strang gezogen, und das sieht man dem Haus auch an."

Seid nicht zu fleißig!

"Seid nicht zu fleißig! Bei diesem Ratschlag müssen die Faulen weghören. Er gilt nur für die Fleißigen, aber für sie ist er sehr wichtig." – "Das Schöne ist, dass wir uns gemeinsam mit der Schulleitung und den Lehrenden austoben konnten. Von Anfang an war ein Haus gefordert, das räumlich in der Lage ist, auf die Erfordernisse neuer pädagogischer Konzepte zu reagieren", ergänzt Jakob Fuchs. "Damit werden alle Klischees von Schule hintangestellt."

Wie eine rote Zunge klappt vom ersten Stock eine breite Treppe herab, die mit ihren gebeizten Sitzbohlen als Tribüne für Schulaufführungen und diverse Veranstaltungen genutzt werden kann. Die boomerangförmigen Lampen, die wie leuchtende Ufos im Raum zu schweben scheinen, lösen im Betrachter den kindlichen Reflex des Hingreifenwollens aus. Und die nackten Betonwände mit ihren rot und violett gepolsterten Lümmellandschaften erwecken den Eindruck, als sei man in einem Wissens- und Spaßlabor à la MIT und Apple-Campus – und nicht in einer öffentlichen Schule irgendwo in Oberösterreich.

"Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch." Statt klassischer Schulklassen gibt es unterschiedliche, kombinierbare und auch voneinander abtrennbare Lernzonen, die sich um einen sogenannten Marktplatz gruppieren. Während die Lernbereiche mit mobilen, rollbaren Einzeltischen ausgestattet sind, bricht die Gestaltung des Marktplatzes mit allen schulischen Konventionen: Round Tables, Bullaugen im Boden, Computer-Terminals zum Stehen, Teeküchen mit ausklappbaren Tischchen, fahrbare Schrankmöbel mit abschließbaren Privatfächern und rundum Zugänge auf Terrasse und Balkon.

"Manche von euch rutschen unruhig hin und her, als säßen sie auf Herdplatten. Andere hocken wie angeleimt auf ihren Plätzen. Einige kichern blöde, und der Rotkopf in der dritten Reihe starrt, Gänsehaut im Blick, auf die schwarze Wandtafel, als sähe er in eine sehr düstere Zukunft." Allein schon die Tatsache, dass sich hinter den schicken, weißen Designer-Hockern nichts anderes als auf den Kopf gestellte Kunststoffmistkübel vom Ikea verbergen, gibt einen Einblick in die unorthodoxe Genese dieses Projekts.

Lösung aus der Notlösung

Ungewöhnlich war auch die Bauphase. Ursprünglich wollte die Gemeinde für die Zeit der Sanierung Container ankaufen und den Schulbetrieb auslagern. Schließlich jedoch hatte man die glorreiche – und auch weitaus billigere – Idee, die Klassenzimmer auf den gesamten Immobilienleerstand im Ort zu verteilen. Fündig wurde man in diversen leer stehenden Geschäftslokalen, im Sitzungssaal der Gemeinde, in der Samariter-Rettungsdienststelle sowie im Pfarrhaus, direkt unter der Bedienstetenwohnung des Gemeindepfarrers.

"Haltet das Katheder weder für einen Thron, noch für eine Kanzel." – "Es war eine lustige Zeit, in der wir viel improvisieren mussten", erinnert sich Schuldirektorin Brigitte Rechberger. Die Zeit im Ausnahmezustand habe Lehrerinnen und Kinder zusammengeschweißt. "Im Rückblick kann ich sagen, dass aus der Notlösung die beste Lösung aller Zeiten geworden ist. Und sie beweist, dass Lehren und Lernen überall stattfinden kann."

"Eure Stunde X hat geschlagen." Der Unterricht in Elektrogeschäften und Pfarrsälen während der Bauphase zeigt bis heute Wirkung. Der Anteil klassischen Frontalunterrichts im Schul- und Kulturzentrum Feldkirchen beträgt nach Auskunft der Lehrerinnen und Lehrer aktuell nur noch zehn Prozent. Erst kürzlich wurde in der Volksschule und Neuen Mittelschule Feldkirchen die Pausenglocke abgeschafft.

"Die einfachen Dinge sind schwer begreiflich zu machen." Sehr gut. (Wojciech Czaja, 3.12.2016)

Vorschau: Am 13. Dezember wird im Wiener Ringturm die Ausstellung "Ausgezeichnete Lebensräume. Bauherrenpreis 2016" eröffnet. Bis 27. Jänner 2017.

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  • Neue Konzepte: Wie eine rote Zunge klappt vom ersten Stock eine Treppe herab, die mit ihren Sitzbohlen als Tribüne für Schulaufführungen genutzt werden kann.
    foto: hertha hurnaus

    Neue Konzepte: Wie eine rote Zunge klappt vom ersten Stock eine Treppe herab, die mit ihren Sitzbohlen als Tribüne für Schulaufführungen genutzt werden kann.

  • Die boomerangförmigen Lampen lösen im Betrachter den kindlichen Reflex des Hingreifenwollens aus.
    foto: hertha hurnaus

    Die boomerangförmigen Lampen lösen im Betrachter den kindlichen Reflex des Hingreifenwollens aus.

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