Am Ende ein brillantes Damenopfer

1. Dezember 2016, 17:14
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Magnus Carlsen ist zum dritten Mal Weltmeister im Schach. Am Finaltag in New York ließ der Norweger dem Russen Sergej Karjakin keine Chance. Carlsen hatte am Ende doppelten Grund zum Feiern

New York – Mitten in seiner feuchtfröhlichen Sieges- und Geburtstagsfeier knurrte Magnus Carlsen plötzlich der Magen. "Ich habe seit Stunden nichts gegessen. Darauf freue ich mich jetzt am allermeisten", sagte der alte und neue Schachweltmeister bei den Feierlichkeiten in einem New Yorker Edelrestaurant. In einem packenden Tiebreak hatte Carlsen das fast dreiwöchige Duell mit dem Russen Sergej Karjakin am Mittwoch für sich entschieden – und damit zum dritten Mal den Titel gewonnen.

"Ich bin superglücklich und erleichtert darüber, wie das heute gelaufen ist", sagte Carlsen. "Zum Schluss hat es mir auch Spaß gemacht zu spielen, und das ist ein wichtiger Punkt für die Leistung." In den vergangenen Tagen war ihm der Spaß an seinem Sport nicht immer anzusehen. Und nachdem Karjakin die achte Partie für sich entschieden hatte, war der Champion arg in Bedrängnis. In Spiel Nummer zehn schaffte er aber den Ausgleich. Alle anderen zehn Partien waren unentschieden ausgegangen.

Am Tag der Entscheidung, seinem 26. Geburtstag, zeigte sich Carlsen in Bestform. Das Stechen entschied er verdient mit 3:1 für sich. Sein Matt-Finale mit einem brillanten Damenopfer in der vierten und letzten Partie des Tages dürfte in die Geschichts- und Lehrbücher des Schachsports eingehen.

Bereits nach dem letztlich wohl vorentscheidenden Sieg im dritten Duell hatte Carlsen beim Gang in den Ruheraum mit grimmigem Blick beide Fäuste geballt. Im sonst so reservierten Schachsport kommt dies beinahe einem ekstatischen Gefühlsausbruch gleich. Der Druck, der auf dem Titelverteidiger lastete, war spürbar. Noch ein Spiel zuvor hatte er sich, wie so oft in diesen Tagen, trotz vermeintlicher Siegstellung auf dem Brett mit einer Punkteteilung begnügen müssen.

Improvisationskünstler

Den spektakulären Showdown im Tiebreak hatte Carlsen dabei selbst provoziert. Als es nach elf teilweise schwer umkämpften Duellen mit dem zähen Verteidigungsspezialisten Karjakin noch immer unentschieden stand, lenkte er das letzte reguläre Match am Montag bewusst ins Remis. Warum, das wurde am Finaltag erkennbar. Im Schnellschach mit verkürzter Bedenkzeit spielte der "Mozart des Schach" seine überlegenen Improvisationsfähigkeiten voll aus.

In Carlsens norwegischer Heimat wurde die erneute Krönung des einstigen Wunderkindes euphorisch gefeiert. Bei der Fernsehliveübertragung knallten im Moment des Sieges in der Expertenrunde die Korken, das "Dagbladet" bejubelte sein Finish im letzten Match als "historisch und einzigartig", und für Nettavisen ist der norwegische Schachpopstar "jetzt größer" als die Schachlegenden Bobby Fischer und Garri Kasparow.

Carlsens Triumph, so schrieb die Boulevardzeitung Verdens Gang, sei in einem Sportjahr voller Enttäuschungen Balsam für die geschundene Seele der Nation. Nach der schlechtesten Olympiabilanz seit mehr als 30 Jahren, der verpassten EM-Qualifikation des Fußballteams und den Dopingskandalen der Langlaufhelden Therese Johaug und Martin Johnsrud Sundy solle das Land stolz sein, dass der "beste von weltweit 600 Millionen Schachspielern ein Norweger ist".

Carlsen hat in New York seine Klasse aufblitzen lassen. Aber auch Herausforderer Karjakin hat sein großes Können unter Beweis gestellt. Das Duell der beiden 26-Jährigen könnte den Schachsport in den nächsten Jahren prägen. Aber vorerst darf Carlsen feiern. Und essen. (sid, red, 1.12.2016)

  • Magnus Carlsen durfte zum dritten Mal den WM-Pokal stemmen.
    foto: apa/afp/eduardo munoz alvarez

    Magnus Carlsen durfte zum dritten Mal den WM-Pokal stemmen.

  • Sergej Karjakin erhielt viel Respekt und einen Trostpreis.
    foto: reuters/mark kauzlarich

    Sergej Karjakin erhielt viel Respekt und einen Trostpreis.

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