Chios: Inselflüchtlinge im Laufrad der Asylbürokratie

Reportage2. Dezember 2016, 10:59
167 Postings

Frust und Gewalt machen sich auf den griechischen Ägäisinseln breit, wo 11.000 Flüchtlinge seit Monaten in Asylverfahren warten

Es sollte ein schneller Mechanismus sein, ein Mittel für die Europäer, um das Flüchtlingsproblem loszuwerden. Doch für die Aboudans ist es ein absurdes Laufrad. "Die Interviews sind sinnlos", sagt Madjib Aboudan, der Vater. Mitte Dezember hat er das dritte. Dieses Mal muss die Familie dafür nach Athen reisen. Das Ergebnis kennt der 46-jährige Syrer bereits: "Sie werden uns sagen, dass wir nicht zu unserem Sohn nach Deutschland können." Dann heißt es zurück zum Start für den Unternehmer aus Aleppo und seine Familie. Dann gilt nach sieben Monaten Bürokratie doch das Regelwerk des Flüchtlingsabkommens, das die EU mit der Türkei geschlossen hat.

Die Aboudans waren von Tag eins an dabei, vom Morgen des 20. März, als das Flüchtlingsabkommen in Kraft trat. Da landeten sie mit ihrem Schlauchboot auf Chios. "Es war Pech", sagt Madjib, der Vater. Von dem Abkommen hatten sie nicht gehört. Sie waren beschäftigt mit der Flucht aus Syrien und der Suche nach einem Schlepper in der Türkei, der sie in ein Boot nach Griechenland setzt. Alles ein schlechter Film. Die Aboudans sind keine Familie, die sich vorstellen konnte, einmal in überfüllten Lagern zu leben oder von der türkischen Küstenwache festgenommen zu werden. Der erste Versuch der nächtlichen Überfahrt scheiterte nämlich.

Fallweise Abschiebungen

Das zweite Jahr der großen Flüchtlingskrise in Europa geht als lähmendes Drama zu Ende. Rund 11.000 Migranten sitzen auf den Inseln der Ostägäis vor der türkischen Küste fest. Die Zahl der neu Ankommenden – weniger als 100 am Tag bei normalem Wetter – wird ausgeglichen durch die Abreise anerkannter Asylbewerber und durch die fallweisen Abschiebungen in die Türkei. 27 waren es diese Woche: zehn Syrer, die ihre Asylanträge zurückzogen; fünf Migranten, die in letzter Instanz abgelehnt worden waren; zwölf weitere, die aus angeblich freien Stücken zurück in die Türkei gingen.

Immer wieder entlädt sich die Frustration über die scheinbar endlos langsamen Asylverfahren in Gewalt. Nahezu täglich wird in den Lagern gestritten und gekämpft zwischen Afghanen, Syrern, Irakern. Aber auch unter den griechischen Inselbewohnern greift der Unmut über die Flüchtlinge um sich, die nicht mehr weggehen – ausgebeutet von den Faschisten der Partei Goldene Morgenröte. Auf Lesbos sind dieser Tage Gräber ertrunkener Flüchtlinge geschändet worden. Auf Chios hat ein rechtsgerichteter Mob das improvisierte Flüchtlingslager in der Altstadt angegriffen und Zelte niedergebrannt.

Halb offene Anstalt

Die Flüchtlingskrise habe die Gemeinschaft auf der Insel vergiftet, sagt Manoulis Vournous, der Bürgermeister von Chios, ein schlanker 44-jähriger Mann, der von Beruf Architekt ist. Der Hotspot auf Chios, das Internierungslager, ist längst zu einer halb offenen Anstalt geworden, wo die Flüchtlinge ein- und ausgehen können. Die Einheimischen auf Chios aber, so erklärt der Bürgermeister, haben nun das Gefühl, ihre Insel sei zu einem großen Gefängnis umgewandelt worden.

Eine neue Etappe der Flüchtlingskrise hat begonnen. "Man kann mit einem solchen Notstand vielleicht eine Woche leben, aber es sind nun fast zwei Jahre, und wir sehen kein Ende, keinen Weg, wie diese Krise gelöst würde", sagt Vournous. Die Drohung des türkischen Präsidenten, die drei Millionen Flüchtlinge in seinem Land auf den Weg nach Europa zu schicken, lässt die Zukunft auf Chios nur noch düsterer erscheinen.

Die Aboudans wurden nach der ersten Revolte im Hotspot auf Chios zusammen mit den anderen syrischen Flüchtlingen nach Leros gebracht, eine kleinere Nachbarinsel. Einen Monat lang blieben sie dort interniert, in einem umfunktionierten ehemaligen Asyl für psychisch Kranke. Dann wendeten sich die Dinge.

Zurück nach Chios

Vater, Mutter, die beiden Töchter, zehn und 16 Jahre alt, zogen in ein Haus. Die Familie erhielt im September – ein halbes Jahr nach der Ankunft in Griechenland – eine befristete Aufenthaltsgenehmigung für die Zeit des Asylverfahrens. Die Aboudans fuhren nach Chios zurück. Ein Flüchtlingshelfer hatte ihnen Platz in seinem Haus angeboten. Die Eltern fanden Arbeit bei zwei NGOs; zumindest die jüngere Tochter besucht einen Unterricht, den freiwillige Helfer organisieren. Für Luna, die ältere, gibt es nichts. Madjib, der in Aleppo eine Fabrik für Gardinen besaß, grämt sich sehr. "Wir sind wegen unserer Kinder geflohen. Wir wollten ihnen ein besseres Leben geben."

Der Großteil der Hilfe auf Chios wie auf den anderen Inseln wird nach wie vor von NGOs gestemmt. Action from Switzerland zum Beispiel betreibt ein Haus für Flüchtlingsfrauen. Die Deportationen in die Türkei werden beginnen, sagt Gabrielle Tan voraus, die dieses Frauenzentrum managt. Das linksregierte Griechenland mit seiner humanistischen Position werde dem Druck am Ende nicht widerstehen können.

Menschenrechtsausschuss ausgeschlossen

Aber dann wiederum war es die Regierung von Alexis Tsipras, die erst kürzlich die Berufungskomitees in den Asylverfahren geändert und die Vertreter des Nationalen Menschenrechtsausschusses (EEDA) ausgeschlossen hatte. Die Berufungskomitees, so stellte sich heraus, hatten in zweiter Instanz häufig entschieden, dass die Türkei kein sicherer Drittstaat sei. Das aber ist die Arbeitsgrundlage, auf der die EU ihren Deal mit Ankara baute: Rücknahme der Flüchtlinge von den Inseln gegen Geld und Visaliberalisierung.

Auch die Aboudans, die eigentlich im Rahmen einer Familienzusammenführung nach Deutschland wollten – sie ist nicht möglich, weil der Sohn nicht mehr minderjährig ist – müssen nun in einem neuen Asylverfahren erklären, warum die Türkei für sie kein sicherer Staat sei. "Es ist unmöglich für mich, das zu beweisen", sagt der Vater. (Markus Bernath aus Chios, 2.12.2016)

  • Rechtsgerichtete warfen im November nachts Brandsätze auf Flüchtlingszelte in Chios.
    foto: afp / pantelis fykaris

    Rechtsgerichtete warfen im November nachts Brandsätze auf Flüchtlingszelte in Chios.

  • Luna und Madjib Aboudan landeten am ersten Tag des Flüchtlingspakts auf der Insel.
    foto: markus bernath

    Luna und Madjib Aboudan landeten am ersten Tag des Flüchtlingspakts auf der Insel.

Share if you care.