Globalisierung ist ein moralischer Imperativ

Kommentar der anderen2. Dezember 2016, 11:04
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Neuerdings ist die Globalisierung und deren Konsequenzen verantwortlich für alles, was global nicht rund läuft. Manche würden sie am liebsten wieder zurückdrehen. Allein: Schrebergartenmentalität wird gegen die weltweiten Populisten nicht helfen

Langsam beginnen die seit dem Wahlerfolg Donald Trumps sprunghaft angestiegenen Kommentare zur Globalisierung zu langweilen, weil sie immer nach demselben Muster gestrickt sind: Die von den multinationalen Konzernen aus Profitinteresse vorangetriebene und von einer abgehobenen politischen Elite folgsam umgesetzte Globalisierung hat eine steigende Zahl von Globalisierungsverlierern in der Unterschicht erzeugt und zunehmend in der Mittelschicht Verunsicherung und Zukunftsängste hervorgerufen. Gefördert durch die Wirkmächtigkeit der Social Media probt diese Menschengruppe den Aufstand, indem sie sich vom "Establishment" ab- und populistischen Gruppierungen am rechten oder linken Rand des politischen Spektrums zuwendet. Natürlich hat diese Erzählung einen wahren Kern, leider ist es nur die halbe Wahrheit.

Das Establishment reagiert auf die populistische Herausforderung feig und schizophren. Feig, weil es aus Angst vor einem Shitstorm zunehmend die Argumente der Globalisierungsgegner übernimmt, statt zu ihrer bisherigen Politik zu stehen und Aufklärungsarbeit zu leisten; schizophren, weil sie gleichzeitig in Brüssel die Vollendung des Binnenmarktes und die Weiterentwicklung des Welthandels betreibt, zu Hause aber die Folgen dieser Politik kritisiert (siehe Ceta-Eiertanz oder den Krampf mit aus der EU nach Österreich entsendeten Beschäftigten).

Treiber Wettbewerb

Warum ist Globalisierung so wichtig für Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung? Der Abbau von Schranken für grenzüberschreitenden Handel mit Waren und Dienstleistungen und für Auslandsinvestitionen auf EU- oder weltweiter Ebene intensiviert den Wettbewerb. Und Wettbewerb ist der stärkste Treiber für technischen Fortschritt und Innovationen, die sich in höherer Produktivität und damit in Wohlstandszuwachs niederschlagen.

Wenn die Voest sich zu einem der erfolgreichsten Stahl- und Hochtechnologiekonzerne weltweit entwickelt hat, so nur, weil sie für den Weltmarkt produzieren kann (Exportquote über 80 Prozent) und sich laufend durch die Qualität ihrer Produkte gegen internationale Konkurrenten durchsetzen muss. Sie konnte dadurch auch eine Größe erreichen, die ihr eine kompetitive Kostenposition ermöglicht, sei es über niedrige Fixkosten je produzierter Einheit, sei es über kostengünstige Zulieferungen aus einer eigenen Fabrik in den USA.

Die Behauptung, dass Globalisierung nur den Interessen großer Konzerne diene, wird auch durch ständige Wiederholung nicht richtiger. Internationale Handels- und Investitionsverträge kommen ganz besonders mittleren Unternehmen zugute, wie den zahlreichen österreichischen "hidden champions", die in einer kleinen Nische Weltmarktführer sind. Diese verfügen vielfach nicht über das Know-how und die Ressourcen, um sich im Gestrüpp bürokratischer Hindernisse, unterschiedlicher Normen und rechtlicher Beschränkungen den Marktzugang zu erkämpfen und profitieren daher überproportional von den diesbezüglichen in internationalen Abkommen vorgesehenen Erleichterungen, Harmonisierungen und gegenseitigen Anerkennungen. Darüber hinaus schaffen und sichern große Konzerne Arbeitsplätze in mittelständischen Zulieferbetrieben. Ob Volkswagen Zugang zum amerikanischen und chinesischen Markt hat, kann zu einer Existenzfrage für deutsche oder österreichische Zulieferbetriebe werden.

Es ist richtig, dass Globalisierung den Strukturwandel beschleunigt und damit Arbeitsplätze zerstört, aber auch laufend neue schafft, vielfach mit anderen Qualifikationsanforderungen. Dennoch ist es ein folgenschwerer Irrglaube, dass der Strukturwandel durch Abschottungsmaßnahmen ohne schweren Wohlstandsverlust hintangehalten werden kann. Das kann man am Schicksal der ehemals kommunistischen Staatswirtschaften studieren, aber auch an den katastrophalen Folgen des Protektionismus in den dreißiger Jahren.

Positive Wirkungen

Vielfach wird bewusst oder unbewusst verschwiegen, welche positiven Auswirkungen die Globalisierung gerade auf ärmere Einkommensschichten in Form von billigeren Produkten hat. Die österreichische Textil- und Unterhaltungselektronikindustrie samt den mit ihr verbundenen Arbeitsplätzen ist weitgehend verschwunden. Hätte man sie durch Schutzmaßnahmen am Leben erhalten, würden Bekleidung und audiovisuelles Equipment bei schlechterer Qualität ein Vielfaches der heutigen Preise kosten und für Teile der Bevölkerung nicht leistbar sein. Ohne Globalisierung und international tätige Unternehmen hätten wir keine Smartphones, keine LCD-Bildschirme, keine Fotovoltaik, nur wenige wirksame Medikamente, keine modernen medizintechnischen Geräte, keine Hightech-Autos.

Mit der Globalisierung ist auch ein für die wirtschaftliche Entwicklung gerade ärmerer Länder unverzichtbarer Transfer an wirtschaftlichem und technischem Know-how verbunden. Und last but not least, ohne Globalisierung könnten wir die Weltbevölkerung von etwa 7,5 Milliarden Menschen nicht ernähren und mehr als eine Milliarde Menschen nicht aus tiefer Armut befreien. So gesehen stellt Globalisierung sogar einen moralischen Imperativ dar.

Die entscheidende Schlussfolgerung lautet: Von Globalisierung, also grenzüberschreitenden Handels- und Investitionsaktivitäten, profitieren alle beteiligten Länder, wenngleich nicht im gleichen Ausmaß. Dennoch ist offensichtlich, dass Globalisierung auch negative Aspekte und Effekte hat. Manche sind unvermeidlich, wie die voranschreitende Urbanisierung und Umweltbelastungen, die meisten hängen aber von der politischen Ausgestaltung der Rahmenbedingungen ab.

Ein besonders negatives Beispiel liefert hier die an und für sich wünschenswerte, aber falsch konzipierte Globalisierung der Finanzmärkte. Auch die zu Recht beklagte Steuervermeidung multinationaler Unternehmen ist nicht die Folge der Globalisierung per se, sondern primär Konsequenz eines Politikversagens, das nun mühsam repariert werden muss.

Ein Ende der Globalisierung wäre fatal und Ausgangspunkt für Wirtschaftskriege und in der Folge möglicherweise für bewaffnete Konflikte. Die Globalisierung ist die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der Periode seit dem 2. Weltkrieg bzw. seit dem Ende des Kommunismus, und sie bleibt – richtig gestaltet – auch zukünftig die notwendige Voraussetzung für Wohlstand in Frieden. Daran kann auch die schlimme Erfahrung der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise nichts ändern. Stehen wir daher zur Globalisierung und lassen wir sie nicht zum Spielball populistischer Gruppierungen werden, die wirtschaftlichen Protektionismus fordern und mit saturierter Schrebergartenmentalität dröge "My country first"-Parolen absondern und dabei eine "hidden political agenda" verfolgen: Demokratie und Marktwirtschaft durch nationalistisch unterfütterte autoritäre Strukturen zu ersetzen. (Erhard Fürst, 1.12.2016)

Erhard Fürst (Jg. 1942) ist Jurist und Ökonom. Er war Forscher am IHS und Chefökonom der IV.

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