Peter-Handke-Doku: Keine Ruhestörung im Elfenbeinturm

2. Dezember 2016, 06:00
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"Kritisieren heißt unterscheiden", sagt Peter Handke in Corinna Belz' Doku "Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte ...". Sie zeigt den Dichter aber lieber atmosphärisch umwölkt als Aufreger, Kauz, Poeten

Wien – Langsam gewinnt das graue Feld an Farbe. Ein Gesicht zeichnet sich ab, Peter Handke taucht auf. Immer wieder Fotos: Handke als junger Mann, sich selbst mit der Kamera im Rückspiegel eines Autos festhaltend. Handke von anderen fotografiert. Handke auf Selfies, unumwunden in die Kamera blickend. Wie einer, der es drauf anlegt. Aber auch einer, der sich selbst durch den Blick auf sich erforschen will.

foto: stadtkino filmverleih
Zorn und Sanftheit im Wechsel: "Arschloch" nennt er den Stickfaden, das Nadelöhr ein "sadistisches System" – "aber ein paar Mal hab ich's geschafft im Leben", so Handke, der am 6. Dezember 74 wird.

"Leider bin ich nicht mehr so frech, wie ich gern wär", sind die ersten Worte, die der Autor in Corinna Belz' Doku Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte ... (diese Notiz hat er ihr an einem der Drehtage am Gartentor hinterlegt) spricht. "Scheu" sei er aber auch. Trotzdem hat er die Filmemacherin, die zuletzt dem deutschen Malerstar Gerhard Richter im Atelier über die Schulter schauen durfte, in sein Zuhause in Chaville bei Paris gelassen.

Es ist ein unaufgeräumtes Häuschen inmitten eines grünen Wucherns. Einen "Bewohner des Elfenbeinturms" hat der Dichter sich einst genannt. Hell, ja elfenbeinfarben sind die Zimmer. Von Einrichtung möchte man kaum sprechen, eher von Sedimenten aus Fotos, Bildern und Büchern. Überall hängt oder lehnt etwas. Irgendwo in der diesigen Ferne ist gewiss der Eiffelturm, vor dem Haus dagegen ein Auf-und-ab-geh-Weg, den Handke angelegt hat. Oder ausgetreten? Gut Ding will ja Weile haben, so wie der zwei Millionen Jahre alte Sand, den er aus Muscheln in seinen Garten streut. Oder Pilze: Er hat sie aus dem Wald mitgebracht und breitet sie auf einem Geschirrtuch aus. Als er sie mit dem Taschenmesser filetiert, macht er auf das Geräusch aufmerksam. Schön, nicht?

Handke, der Kauz

Ja, schön ist, was die Filmemacherin einfängt: Handke, wie man ihn kennt und mag. Noch nie habe er einen Computer benutzt, sagt er, "das erotisiert mich nicht". Selbiges gilt für elektrische Schreibmaschinen: "Dieses Erwartungsbrummen hat mich abgeschreckt." Handke ist eben ein Mann der Stille, die der Bleistift macht, wenn er sich über dem Papier abschürft.

kinofilme

Man könnte auch sagen: Er ist ein Kauz. Allerdings einer, der einmal wild war. Ein Popstar der Literatur, seit er, 1942 in Kärnten geboren, in noch zartem Alter den gestandenen Mitgliedern der Gruppe 47 anno 1966 bei ihrer Tagung im amerikanischen Princeton "Beschreibungsimpotenz" vorwarf. Als fünfter Beatle ginge der Schnittlauchhaarige auf den alten Aufnahmen, auf die Belz auch an anderen Stellen zurückgreift, durch. Dazu ein flaumiger Schnäuzer, eine getönte Sonnenbrille, ein selbstzufriedenes Lächeln, das die noch jungen Lippen umzuckt. "Ich wollte mich immer behaupten", sagt er heute, "sonst hätt ich bei der Gruppe 47 auch nicht meinen Stuss von mir gegeben."

Belz' Film ist kommentarlos. Sie stellt Fragen, Handke antwortet auf seine eigene grandiose Art. Klug, nicht immer allerdings gern. "Ja, was soll ich dazu sagen? Fragen Sie sich, aber nicht mich", sagt er dann. Und weil es schwierig ist, Antworten des Meisters zu erhalten, verschneidet Belz diese gern mit Auszügen aus dessen Büchern oder Verfilmungen. Wo in ihnen seine Person aufhört und die Figuren anfangen, diese Frage wird dabei getrost nicht gestellt. Später wird er ihre Auffassung vom (autobiografischen) Status seiner Arbeit korrigieren: "Es ist ja kein Beschreiben. Es ist nur ein Evozieren."

Gespräche wie ein Windspiel

Hingetupft hat die Regisseurin die wichtigen Lebensstationen. Dass Schreiben bei seiner Herkunft ein "Tabubruch" sei, bleibt etwa als Behauptung im Raum stehen. Man kann sich zwar denken, was es bedeutet, hätte es aber doch gerne gehört, damit es mehr als Atmosphäre wird. Ehefrau Sophie Semin, mit der Handke schon länger nicht mehr zusammenwohnt, verteidigt ihn hingegen in seiner Parteinahme für Serbien und Slobodan Milošević Mitte der 90er-Jahre, die ihn vielleicht den Literaturnobelpreis gekostet hat.

An des Dichters innerer Ruhe rühren tut das nicht. "Kritisieren heißt unterscheiden", sagt er an einer Stelle. Stattdessen streift die Kamera durch seine Notizbücher, hat sich für's Festhalten entschieden.

Wie produktiv es sein kann, den "Schreiber" zu konfrontieren, zeigt ein Treffen Handkes mit seiner Tochter Amina. "Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein Kind ganz still ist", sagt sie über ihr Befinden zur Zeit der Trennung der Eltern. "Aber es war auch eine schöne Stille", entgegnet der Vater aus seiner eigenen Welt. Endlich ein Konflikt nach viel poetischem Sprechen. Nur kann sich Widerspruch nicht jeder leisten.

Peter Handke und die abseitige Weise, auf die er die Welt sieht, Belz hat beiden eine Hommage geschaffen – mit einigen schönen, herrlich verschrobenen Szenen. (Michael Wurmitzer, 2.12.2016)

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