Betrugsprozess: Der Trick mit dem falschen Falschgeld

2. Dezember 2016, 07:00
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Ein 46-Jähriger soll betagte Menschen um ihr Geld erleichtert haben. Seine Aussage treibt seinen Verteidiger zur Verzweiflung

Wien – Manche Betrüger könnte man durchaus als Gentlemen unter den Straftätern sehen. Im Englischen werden sie unter anderem sogar Con Artists genannt – braucht man doch Talent, um sich Vertrauen zu erschleichen und Gier oder Eitelkeit der Menschen auszunutzen. Andere Täter sind dagegen einfach nur niederträchtig. Wenn das Opfer hilfsbereit ist und deshalb ausgenommen wird. Oder, wie im Fall von Joszef K., alte Menschen betrogen werden.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 46-Jährigen vor, 19 Personen Geld abgenommen und es bei weiteren 31 versucht zu haben. Wegen gewerbsmäßigen schweren Betrugs kann ihn das Schöffengericht unter Vorsitz von Stefan Romstorfer dafür zu einer Haftstrafe zwischen sechs Monaten und fünf Jahren verurteilen.

Verteidiger Peter Philipp kündigt im Eröffnungsplädoyer an, dass sein Mandant sich teilschuldig bekennen werde. In sechs bis acht Fällen habe er das Geld übernommen. "Er ist aber nur ein Läufer, die Beute hat er seinem Chef übergeben", betont Philipp. Der im Laufe der Aussage seines Klienten zusehends verfällt.

Reiner Freundschaftsdienst

Denn der Vorbestrafte erzählt dem Gericht Wunderliches. Ein flüchtiger Bekannter habe ihn immer wieder gebeten, zu einer Adresse zu fahren, dort ein Kuvert entgegenzunehmen und es ihm zu bringen. "Wenn man einen Umschlag abholt, ist ja nichts Böses dabei", stellt Romstorfer fest. "Ehrlich gesagt, ich wusste nicht, dass die alten Leute betrogen werden", behauptet der Angeklagte.

Die Sache ist eine Variante des "Neffentricks", aber durchaus originell und handwerklich gut umgesetzt. Wohl im Telefonbuch suchte man nach Vornamen, die eher altertümlich klingen. Ein Täter rief dann bei den Opfern an und gab sich als Bankangestellter aus. Es sei Falschgeld im Umlauf, man müsse prüfen, ob auch das Bargeld der Opfer betroffen sei, erklärte der. Einige Zeugenaussagen legen allerdings nahe, dass es auch einen Insider bei einer Ban geben muss.

Maschine zur Prüfung

Um die Prozedur zu beschleunigen, werde "Herr Stefan", ein Mitarbeiter, vorbeikommen, der im Auto eine Maschine habe, mit der das rasch erledigt wird. Dann kam noch die Forderung, das Bargeld in ein Kuvert zu stecken.

War das erledigt, klingelte es auch schon an der Tür. Der Komplize nahm – so er erfolgreich war – den Umschlag in die Hand und verschwand damit.

Der Angeklagte bleibt zunächst dabei – er habe nur als Freundschaftsdienst Umschläge abgeholt und keine Ahnung gehabt, dass es um etwas Illegales gehe. Selbst sein Verteidiger kann sich da nicht mehr beherrschen. "Sie können uns ja nicht erklären, dass Sie sich dabei nichts gedacht haben! Sonst hätte ja gleich der andere hingehen können! Unglaublich. Und ein Geständnis werden Sie brauchen!"

K. sagt dann doch: "Dass die Sache nicht ganz in Ordnung ist, habe ich geahnt." Er habe auch gewusst, dass in den Umschlägen Geld sei. "Es ist so, wie es mein Rechtsanwalt sagt", lässt der Ungar übersetzen. "Dann hätten Sie vielleicht gleich den Rechtsanwalt ...", sagt der Vorsitzende und deutet auf den Anklagestuhl.

Mängel bei der Polizei

In wie vielen Fällen der Angeklagte aber tatsächlich der Täter ist, ist schwer zu sagen. Manche Zeuginnen beschreiben einen komplett anderen Abholer. Außerdem geben an, der Besucher habe zwar mit Akzent, aber in gutem Deutsch gesprochen. K. dürfte das eher nicht gewesen sein, er reagiert nämlich auch nicht, wenn ihn der Vorgesetzte anspricht, sondern erst auf die Übersetzung. Einig sind sich alle, dass der Anrufer eindeutig ein Österreicher gewesen sei.

Die Einvernahme der Opfer sorgt dann gelegentlich für Heiterkeit. Eine Dame ist beispielsweise 90 Jahre alt und sagt, die Sache sei ihr schon seltsam vorgekommen. "In meiner Einfalt habe ich dass dann aber gemacht." Sie habe dem "Bankangestellten" sogar telefonisch beschrieben, wie man zu ihrer Wohnung kommt, da sich "Herr Stefan" offenbar verlaufen hatte.

Keine Versicherung gegen Dummheit

"Waren Sie gegen den Verlust des Geldes versichert?", fragt Romstorfer. "Eine Versicherung gegen Dummheit gibt es ja nicht", antwortet die geistig rege Seniorin. "Das Geld habe ich verschmerzt, aber der Ärger bleibt." Sie sei sich allerdings nur zu 70 Prozent sicher, dass der Angeklagte der Täter ist.

Noch verwirrender gerät der Auftritt einer rüstigen 93-Jährigen. Die sagt praktisch beim Betreten des Saales, als sie den Angeklagten sieht: "Das ist nicht der Herr." Romstorfer zeigt ihr dann das Polizeifoto. "Das ist er", sagt die Pensionistin – und zeigt auf das Bild des Angeklagten.

Schlussendlich verurteilt der Senat K. für die sieben Fakten, die er zugegeben hat. Von der ursprünglichen Schadenssumme von knapp 200.000 Euro bleiben somit nur mehr gut 25.000 übrig. Die rechtskräftige Strafe: zwei Jahre Haft. Auch Romstorfer glaubt, dass es mehrere Banden geben müsse, die mit dieser Masche operieren. "Die Polizei hat halt einfach alle zusammengefasst, vielleicht um die Statistik zu verbessern. Aber man kann ihm wirklich nicht alles umhängen." (Michael Möseneder, 2.12.2016)

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