Emotionaler Missbrauch: Wenn Eltern ihren Kindern schaden

Blog2. Dezember 2016, 07:32
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Überforderte Eltern demütigen oder beschimpfen ihre Kinder und entziehen ihnen die Liebe. Das hat enormen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes

Linas Mutter ist mal wieder genervt von ihrer Tochter, die immer viele Fragen hat und gerne viel redet. Sie schreit Lina an: "Jetzt sei doch endlich mal ruhig und verschwinde am besten in dein Zimmer, ich halte dich einfach nicht mehr aus!"

Olli hat bei der Ansage wieder viele Fehler gemacht und plagt sich auch bei der Hausübung. Seine Eltern sind schon ziemlich verzweifelt und frustriert. Olli hat schon öfters zu hören bekommen, dass er wohl einfach zu dumm zum Schreiben sei.

Als Nico nach einem Streit mit seinem älteren Bruder weinend zu seinem Vater geht, hat dieser kein Verständnis für die Not seines Sohnes und schickt ihn mit den Worten "Jetzt stell dich nicht so an, du bist ja kein Baby mehr!" einfach wieder weg.

Emotionaler Missbrauch hat viele Facetten

Emotionaler Missbrauch hat viele Gesichter, die auf den ersten Blick oft gar nicht bemerkt werden. Jede Art von Demütigung und Abwertung, von Verspotten bis Mobbing, Anschreien und Beschimpfen, Überforderung beziehungsweise übermäßiger nicht erfüllbarer Leistungsdruck, Liebesentzug, Vernachlässigung, ignorieren und nicht wahrnehmen des Anderen, den Kindern Verantwortung aufbürden, die sie nicht erfüllen können, sie in Machtspiele zwischen ihre meist getrennten Elternteile hineinziehen, sie in Loyalitätskonflikte bringen und ihnen die Schuld für alles Mögliche geben, sind nur einige der Formen emotionalen Missbrauchs.

All das hat ebenso wie physische Verletzungen Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter. Es hinterlässt tiefe Spuren in der Seele des Kindes. Und Manches davon findet man im Alltag vieler Familien und in fast jeder Beziehung wieder.

Überforderung der Eltern

Jeder Mensch kennt Situationen, in denen er überfordert und vor allem extrem belastet ist. Wenn die Belastung durch Familie, Arbeit und Haushalt zu groß wird, das Geld knapp ist, Arbeitslosigkeit droht, es Spannungen oder Erkrankungen innerhalb des Familiensystems gibt, dann ist der Leidensdruck hoch, die Belastungsgrenze deutlich niedriger und somit der Geduldsfaden viel kürzer. Dann kann es sein, dass man sich in diesen Situationen ganz ausgeliefert und ohnmächtig fühlt. Dann versucht man sich durch die Abwertung des Anderen wieder besser zu fühlen. Niemand ist sich bewusst, was sie oder er damit bei den eigenen Kindern, aber auch bei Erwachsenen, anrichtet.

Auf den Ton kommt es an

Klar ist, dass im Laufe der Erziehung immer wieder einmal Ungerechtigkeiten passieren. Ausschlaggebend ist aber, in welcher Art und Weise und Häufigkeit ein Kind dem ausgesetzt ist. Wichtig ist dann auch, dass das Kind sich in seiner Familie trotzdem angenommen und sicher aufgehoben fühlt, dass es jemanden hat, der es in solchen Situationen auffängt, der sich fürsorglich um es kümmert, verständnisvoll ist und ihm Liebe und Stabilität bietet.

Entwicklungsbeeinträchtigung

Je früher der emotionale Stress für ein Kind einsetzt, umso schädlicher ist er für die Entwicklung des Gehirns und führt somit auch zu körperlichen und emotionalen Problemen, die sich oft bis ins Erwachsenenalter hinein auswirken. Die Auswirkungen sind vielfältig, denn jeder reagiert anders auf solch einen lieblosen Umgang.

Kinder brauchen für ihre Entwicklung eine Umgebung, in der sie sich wohlfühlen können, in der sie Sicherheit und Struktur erleben, in der sie gefördert und angemessen gefordert werden. Kurz gesagt, sie brauchen ein positives Umfeld, um psychisch gesund und stabil erwachsen werden zu können.

Großer Einfluss

Auch wenn ein Kind als anstrengend erlebt wird, wenn es nervt, weil es dauernd Aufmerksamkeit sucht, ist der Erwachsene gefordert seine inneren Impulse zu überprüfen und erst dann zu handeln. Kinder reagieren sehr stark und schnell auf ihre Umgebung und auf ihre Bezugspersonen: Sind die Erwachsenen gestresst und unruhig, haben Angst oder Wut im Bauch oder sind enttäuscht, dann reagiert ihr Kind verstört und unruhig, es quengelt oder redet ununterbrochen, ist ebenfalls sehr unruhig, sucht Nähe oder ist aggressiv. Sind die Eltern entspannt und haben Zeit, dann sind auch die Kinder entspannt und ruhiger und können sich oft besser alleine beschäftigen.

Jeder kann in einer Belastungssituation einmal unangemessen reagieren. Das ist authentisch und verständlich. Aber die eigenen Sorgen an den Kindern auszulassen ist nicht förderlich und macht die Situation für alle Betroffenen nur schlimmer. Es entwickelt sich eventuell ein Teufelskreis, den keiner haben möchte. Auch wenn es manchmal schwer fällt, ist es notwendig sich beim Kind für eine inadäquate Handlung oder Äußerung zu entschuldigen. Oftmals ist es nur eine Frage des Tonfalls, der Wortwahl, der Mimik und Gestik, wie man dem Kind vermittelt, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Ihre Erfahrungen?

Kennen Sie Situationen, wie die im Text beschriebenen, und wie reagieren Sie dann? Posten Sie Ihre Erfahrungen, Fragen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 2.12.2016)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

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