Industrie 4.0 zwischen Realität und Mysterium

1. Dezember 2016, 11:58
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Umwälzungen in Arbeitswelt und Privatleben stehen vor der Tür

Die sogenannte Industrie 4.0 ist schon Realität – aber doch weithin noch ein Mysterium. "Viele Firmen wissen nicht recht, was genau die digitale Zukunft der Industrie für sie bedeutet", sagte TU-Professor und Fraunhofer-Österreich-Chef Wilfried Sihn am Donnerstag. Jedenfalls müssten unbedingt auch mittelständische Firmen die Bedeutung erkennen. Die Digitalisierung sei nicht nur Sache der "Großen".

Clouds

Sihn zufolge werden die Umwälzungen, die bevorstehen und nicht nur die Arbeitswelt sondern auch das Privatleben betreffen werden, viele Jobs kosten. Und zwar bevor, wie bei jedem Technologiesprung, neue Arbeitsplätze entstehen. Beispielsweise könnten IT-Abteilungen schrumpfen, da verstärkt Clouds verwendet werden, für deren Benutzung bezahlt werde, ohne eine Software zu kaufen.

Bald Geschichte sind laut dem Fachmann beispielsweise auch Supermarkt-Kassiererinnen – zumindest in einer Anzahl wie derzeit noch. So könnten Einkäufe künftig über eine unsichtbare digitale Schranke erfasst und dann smart bezahlt werden. "Harte Zeiten für Ladendiebe", sagte der Professor. Eine Verkäuferin könnte für Sonderfälle wie Menschen ohne Konten und sonstige Services übrig bleiben. "Aber sieben Verkäuferinnen an sieben Kassen, das wird bald Geschichte sein."

Kein Königsweg

Auf Unternehmen bezogen sagte der Fachmann, dass es "keinen Königsweg gibt". Es gebe keinen Status, der erreicht werden kann. Laufend komme es zu Weiterentwicklungen in IKT, Robotik, Sensorik, Regelungstechnik und vielem mehr. "Das Problem ist, Industrie 4.0 ist nicht eine Lösung, es ist ein Blumenstrauß mit Millionen von Möglichkeiten", so Sihn, der grundsätzlich festhielt, dass "Daten das Öl der Zukunft sind". Daten zu sammeln und intelligent auszuwerten, das sei ein Geschäftsmodell der Zukunft.

Damit KMU stärker auf den Geschmack kommen, sind aus Sicht von Sihn Demonstrationszentren notwendig. In Wien-Aspern ist eine Schaufabrik 4.0 in Arbeit, sie soll ab kommendem Frühjahr jeweils Donnerstags besichtigbar werden. Am besten wären österreichweit aber fünf bis acht solcher "Pilotfabriken", wo man dann beispielsweise intelligenten Werkstücken dabei zuschauen kann, wie sie sich selbst abstimmen.

Die Förderprogamme in Österreich lobte Sihn grundsätzlich, er hatte aber auch einen "kleine Vorwurf" parat: Es gehe mehr darum sich zu konzentrieren, Österreich sei aber eher ein Land des Gießkannenprinzips.

Michael Sander aus der Geschäftsführung des Unternehmens pro-Alpha Software, das Firmen bei der Digitalisierung begleitet, warb bei der Pressekonferenz mit den vielen Vorteilen, die Firmen mit der Digitalisierung erwachsen könnten. Auch lobte er das Förderumfeld, und empfahl KMU, sich bei der Wirtschaftskammer darüber zu erkundigen. "Der Mittelstand darf die Industrie 4.0 nicht verschlafen", lautete sein Appell. (APA, 1.12. 2016)

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