Wie Sender und Wahlkampfteams TV-Diskussionen zum Duell inszenieren

Reportage1. Dezember 2016, 10:54
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Für die Politspektakel im und rund ums Fernsehstudio treiben Kandidaten und Fernsehsender großen Aufwand. Für wen es sich auszahlt, ist unklar

Die Fans jubeln. Norbert Hofer steigt aus dem Wagen, den Gehstock aus dunklem Holz fest in der Hand, weinrote Krawatte, dunkelblauer Anzug. Er trägt einen Anstecker des elitären St.-Georgs-Orden am Revers und eine Apple Watch am Handgelenk. Flankiert von Mitarbeitern bahnt sich der Präsidentschaftskandidat den Weg durch seine Fans.

Die Frontlinien zwischen den Anhängern Hofers und Van der Bellens vor dem Puls-4-Studio sind klar gezogen. Van der Bellens Fans stehen links, jene Hofers rechts. Drei Meter neutraler Boden trennen das mit FPÖ-Fahnen geschmückte Zelt der Hofer-Unterstützer vom Luftballonaufgebot der Van-der-Bellen-Fans. Jeweils ein paar Dutzend Leute warten hier auf ihre Helden. Eine Gruppe Polizisten beobachtet die Szene.

Schon vor Stunden hätten Hofers Helfer hier aufgebaut, sagen Puls-4-Mitarbeiter im Foyer, wo sie das Aufgebot durch eine breite Glasfront beobachten. Auf Hofers Seite stehen drei junge Männer in engen Jeans, die Haare an den Seiten des Kopfes rasiert, die restlichen zum korrekten Seitenscheitel gezogen. Von Van der Bellens Seite tönt Samba-Musik und später "Last Christmas".

foto: apa/herbert pfarrhofer

Dann übertönt die FPÖ-Hymne "Immer wieder Österreich" die Musik der Van-der-Bellen-Anhänger. Zwei Kameramänner umkreisen Hofer. Kleine Scheinwerfer auf den Geräten strahlen ihm ins Gesicht. Hofer lächelt.

Meistdiskutierte Präsidentschaftswahl

Es ist 19 Uhr, längst dunkel, aber nicht richtig kalt. In eineinhalb Stunden soll das "Duell" zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten beginnen, das Puls 4 ausgerufen hat. Ein Scheinwerfer beleuchtet den Vorplatz des Studios in Wien-Landstraße. Die Inszenierung ist vom Sender gewünscht, Kamerateams fangen die Stimmung ein. Je größer das Spektakel, desto mehr schauen zu. Die Wahlkampfteams wehren sich nicht dagegen, ihre Kandidaten medienwirksam durch eine jubelnde Menge zu treiben.

Es ist die fünfte TV-Debatte zwischen Van der Bellen und Hofer, eine Woche später treffen sie bei ATV aufeinander. Nach der ORF-Diskussion am Donnerstagabend werden Van der Bellen und Hofer siebenmal in einem Fernsehstudio miteinander diskutiert haben, so oft wie keine ihrer Vorgänger.

Rentables Spektakel

Für die Sender zahlt sich das Spektakel aus. 358.000 Personen sahen im Schnitt beim Puls-4-"Duell" zu, 285.000 waren es bei ATV. Traumquoten für die kleinen Sender. Den letzten "Tatort" im ORF sahen 559.000. ATV mietet für die Diskussion, mangels eines eigenen großen Studios eine Veranstaltungshalle an. Puls 4 zieht eine eigene Kulisse hoch, inklusive eines mit Glaswänden abgetrennten Analysetischs, damit man das Studiopublikum im Hintergrund wuseln sieht, während Experten über die Kandidaten sprechen.

Hofer hat es ins Puls-4-Foyer geschafft. Er will in Richtung Maske gehen, doch einer der Kameramänner sieht die geschlossene Tür zu spät und bleibt abrupt stehen, Hofer muss abbremsen. Für einen Sekundenbruchteil huscht Ärger über sein Gesicht, er presst die Lippen zusammen und schaut den Kameramann finster an. Dann lächelt Hofer wieder.

20 Uhr. Van der Bellen steht in der Maske – vor ihm eine Visagistin, die sein schwarzes Sakko mit einem Fusselroller abstreift, hinter ihm ein Techniker, der ein hautfarbenes Mikrofon an der bärtigen Wange des Kandidaten befestigt und das Kabel unter dem Sakko bis zum Funksender am Gürtel fädelt. Vor der halbgeschlossenen Tür steht, breitbeinig und mit verschränkten Armen, ein Personenschützer. Ein Mitarbeiter bringt dem Kandidaten Kaffee.

"Crash-Rhetorik" und "authentisch sein"

"Man liest etwas nach, man überlegt sich etwas, trinkt einen Kaffee, ganz ruhig", hat Van der Bellen einem Puls-4-Reporter wenige Minuten vorher vor dem Studio gesagt, als dieser ihn nach der Vorbereitung auf die Sendung befragte. Sein Kontrahent Hofer betonte seine Gelassenheit noch stärker: "Ich war mit meinem Elektroroller fahren, gut eine Stunde im Südburgenland, habe mir einen guten Film angesehen, und jetzt bin ich da", sagt Hofer. Sein Plan fürs Duell? "Einfach authentisch sein", sagt Hofer und lächelt.

Dass er genau diesem Grundsatz nicht folge, wird Hofer seit Monaten vorgeworfen, vor allem vom politischen Mitbewerb. Mit "Crash-Rhetorik" soll der FPÖ-Kandidat demnach arbeiten, das Gespräch gezielt zerstören, um unangenehme Themen zu vermeiden. "Man muss so sein, wie man ist", sagt Hofer an diesem Abend – und lächelt.

20.25 Uhr, gleich beginnt die Sendung. Hofer und Van der Bellen haben auf cremefarbenen Drehstühlen Platz genommen, zwischen den beiden steht ein Glastisch, der den Blick auf den Bundesadler am Boden freigibt. Hofers Fans im Publikum haben handtellergroße Anstecker mit dem Antlitz ihres Kandidaten an ihre Hemden und Blusen gesteckt. Eine Van-der-Bellen-Unterstützerin hat einen der Heliumballons ins Studio mitgebracht.

Zweifelhafter Effekt

30.863 Stimmen trennten die beiden Kandidaten bei der später aufgehobenen Stichwahl im Mai. Der Einfluss von TV-Diskussionen auf Wahlergebnisse ist umstritten – nicht erst seit Donald Trump die Präsidentschaftswahl in den USA gewonnen hat, obwohl Hillary Clinton nach Ansicht der meisten Experten in den Fernsehduellen die bessere Figur gemacht hatte.

Medienforscher gehen davon aus, dass Fernsehauftritte die Meinungen zu den Kandidaten kaum verändern können, sondern höchstens vorhandene Einstellungen verstärken. Kein unwesentlicher Faktor in einem Wahlkampf, in dem es vor allem um die Mobilisierung des eigenen Lagers und der Unentschlossenen geht.

foto: apa/afp / joe klamar

Eine Woche später, vor dem ATV-"Duell" am vergangenen Sonntag, haben die Kandidatenteams vor der Halle wieder ihre Truppen platziert. Van der Bellens Fans klatschen und jubeln, der Kandidat steigt aus einem Mercedes-Kleinbus und schreitet durch die Menge mit ihren Heliumballons. Die Unterstützer skandieren "V-d-B, mehr denn je!". Den Sprechchor haben sie vorhin noch geübt.

Kamerateams und Fotografen kreisen um Van der Bellen wie Satelliten. Nach einer Minute ist der Spuk vorbei, der Kandidat ist bereits im Fernsehstudio, die Kameras sind weg, und die meisten Fans sitzen im Lokal nebenan. Die letzten zerstechen die Luftballons.

foto: apa/afp / joe klamar

Hofer ist schon länger hier. Im Vorraum des Studios breitet er die Arme auf den Lehnen eines abgewetzten Ledersofas aus und zieht an seiner E-Zigarette. Wenig später nehmen die Kandidaten an einem schlichten schwarzen Tisch im spartanisch eingerichteten Studio Platz. Smalltalk, Hofer und der Moderator reden über den Film Independence Day 2, furchtbar schlecht, finden beide. Dann blättern alle drei konzentriert in ihren Unterlagen. Hofers Pressesprecher stützt sich, hinter dem Kandidaten stehend, lässig auf den Gehstock seines Chefs.

Ein beleibter Mann im schwarzen Anzug und mit Headset auf dem Kopf schickt "alle, die nicht unmittelbar mit der Sendung zu tun haben", aus dem Raum. Die Sprecher und engsten Mitarbeiter der Kandidaten nehmen im Nebenraum Platz und blicken auf die Bildschirme an der Wand. Kameras an. Die Sendung läuft. (Sebastian Fellner, 1.12.2016)

  • Smalltalk und Vorbereitung, bevor das Rotlicht angeht. Ein halbes Jahr nach der ersten Stichwahl sind die beiden Kandidaten die Situation gewöhnt.
    foto: apa/afp/joe klamar

    Smalltalk und Vorbereitung, bevor das Rotlicht angeht. Ein halbes Jahr nach der ersten Stichwahl sind die beiden Kandidaten die Situation gewöhnt.

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