Wer Castro kopiert, braucht einen reichen Onkel oder viel Öl

1. Dezember 2016, 07:00
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Politisch hat Castro noch immer große Stahlkraft. Ökonomisch folgt ihm in Südamerika nur Venezuela. Die Folgen sind fatal

Wien – Der Tod von Fidel Castro vergangenen Freitag erschütterte nicht nur viele Menschen in Südamerika, sondern auch Politiker quer durch alle Länder der Region. Für Lula, den früheren Präsidenten Brasiliens, war er der "größte aller Lateinamerikaner". Die chilenische Präsidentin, Michelle Bachelet, sah in Castro "einen Kämpfer für die Würde der Menschen und soziale Gerechtigkeit".

Als politisches Symbol ist Castro am Kontinent von enormer Bedeutung. Er hat gegen eine Militärdiktatur geputscht und sich jahrzehntelang gegen die USA gestellt. Dafür bleibt er ein Idol, sein Umgang mit der Opposition und die Unterdrückung der Presse wird da gerne unter den Teppich gekehrt.

Ökonomischer Fußabdruck

Wirtschaftlich haben die Länder Südamerikas mit einer Ausnahme aber trotz der freundlichen Worte wenig mit Kuba am Hut. DER STANDARD nimmt den Tod des kubanischen Ex-Diktators zum Anlass, um die Region und Castros ökonomischen Fußbadruck näher unter die Lupe zu nehmen.

Zuallererst bietet sich ein Blick nach Venezuela an, dem Land, das Castro nicht nur freundliche Worte zukommen lässt, sondern seine Politik ansatzweise kopierte. Das Resultat ist eine ökonomische Katastrophe. Weil der Staat die Wirtschaft bis ins letzte Detail kontrolliert, fehlt es an allen Ecken und Enden. Wie es um die Produktivität der Firmen wirklich steht, zeigte erst der Einbruch der Ölpreise.

Das, was die venezolanischen Firmen nicht selber herstellten, konnte man wegen der hohen Einnahmen durch das Öl lange einfach im Ausland einkaufen. Das geht jetzt nicht mehr. Heute hat das Land eine der höchsten Mordraten weltweit, Beobachter warnen vor einem Bürgerkrieg.

Das spürt auch der Bruder von Fidel, Raúl Castro, der seit einigen Jahren über Kuba herrscht. "Venezuela hat die Insel lange mit Öl und Geld versorgt", sagt der Kuba-Experte Bert Hoffmann vom Hamburger Giga-Institut. "Das können sie sich jetzt nicht mehr leisten." Kuba steckt nun in einer schweren Wirtschaftskrise, sagt er.

Die Insel macht diese Erfahrung nicht zum ersten Mal. Die Sowjetunion pumpte über viele Jahre Geld nach Kuba und kaufte dem Land seine Produkte ab. Als die UdSSR kollabierte, rutschte auch Kuba in eine tiefe Krise.

Der Abstieg Venezuelas

Wer Castro also nicht symbolisch feiert, sondern eine ähnliche Politik verfolgt, braucht entweder einen reichen Sponsor oder Öl, das sich teuer verkaufen lässt. Venezuela war vor 25 Jahren das mit Abstand reichste Land der Region. Davon ist es heute weit entfernt.

Wie geht es aber den anderen Ländern Südamerikas? Sie lassen sich nur schwer über einen Kamm scheren. Betrachtet man den Kontinent aber als Einheit, dann entwickelt sich derzeit keine Region der Welt wirtschaftlich schlechter als Südamerika. Neben Venezuela stecken derzeit laut Internationalem Währungsfonds auch Argentinien, Brasilien und Ecuador in einer Rezession, Uruguay dürfte ihr nur ganz knapp entgehen.

Die Länder Südamerikas sind extrem vom Export von Rohstoffen abhängig, sagt Barbara Fritz vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. Als die Preise für Öl, Kupfer und Soja noch hoch waren, ging das lange gut. Jetzt, wo die Preise für viele Rohstoffe wegen der schwachen Weltwirtschaft massiv gesunken sind, stehen sie mit leeren Händen da. Was ihre Einbindung in den Weltmarkt betrifft, sind sie quasi die Antithese zu Castros Politik der Abschottung.

"Die Länder sind in die internationale Arbeitsteilung der Vergangenheit zurückgefallen", sagt die Ökonomin. Man müsse sich wieder mehr auf sich selbst konzentrieren, nicht völlig auf den Welthandel. "Die Politiker haben versagt." Man könnte sie so interpretieren: Die Antithese zu Castro ist nicht der Weisheit letzter Schluss.

Vorbildliche Sozialpolitik

In sozialer Hinsicht ist Kuba ohnehin Vorbild, Castros Verdienste im Bildungs- und Gesundheitsbereich sind unbestritten. In Südamerika gebe es hier eine "spezielle Art linker Politik", so Fritz. Viele Länder kombinieren die liberale Marktwirtschaft mit linker Sozialpolitik. Die Armut habe sich deshalb halbiert, die extrem hohe Ungleichheit sei etwas gesunken.

Wie nachhaltig diese Entwicklung ist, werde sich zeigen, sagt Fritz. Denn das Geld für Sozialprogramme muss erst erwirtschaftet werden. Und bis auf die kleinen Länder Chile und Uruguay hat in den vergangenen 25 Jahren wirtschaftlich kein Land nennenswert zum Westen aufgeholt. (Andreas Sator, 1.12.2016)

  • In einer kubanischen Schule wird Fidel Castro mit Kreidezeichnungen gewürdigt. Auch viele Politiker Südamerikas ließen in hochleben. Wirtschaftlich können sie dem Kuba-Modell aber wenig abgewinnen.
    foto: reuters/ ivan alvarado

    In einer kubanischen Schule wird Fidel Castro mit Kreidezeichnungen gewürdigt. Auch viele Politiker Südamerikas ließen in hochleben. Wirtschaftlich können sie dem Kuba-Modell aber wenig abgewinnen.

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