"Die alte Energiewelt zu konservieren ist ein Fehler"

Interview1. Dezember 2016, 08:00
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Langfristig ist die Entwicklung von Öl, Kohle, Gas zu erneuerbaren Energien vorgezeichnet, sagt Energieökonomin Claudia Kemfert

STANDARD: Die Organisation erdölexportierender Länder, einst gefürchtet wegen ihrer Durchschlagskraft, steckt in einer Krise. Gut oder schlecht für die Welt?

Kemfert: Die Machtverhältnisse haben sich verschoben, die Opec hat kaum noch Einfluss und ist zerstritten. Aufgrund der klimapolitischen Entscheidungen wissen alle, dass die Wichtigkeit von Öl abnimmt. Öl wird mehr und mehr zur Ramschware, welche zu Schleuderpreisen angeboten wird.

STANDARD: Wäre es besser, die Opec hätte mehr Einfluss als jetzt?

Kemfert: Die Kraft ist verpufft. Der Ölmarkt ist durch ein Überangebot gekennzeichnet, auf den ersten Blick zugunsten der Verbraucher. Öl ist für die Verbraucher aber nicht gut. Die Krisen nehmen zu, die geopolitischen Konflikte sind heute zwar anders gelagert, aber nicht minder gefährlich. Man sollte sich vom Öl verabschieden, um unabhängiger zu werden von all den Risiken.

STANDARD: Was ist von der aktuellen Entscheidung zu halten, die Produktion auf 32,5 Millionen Barrel pro Tag zu senken?

Kemfert: Das ist zumindest eine Gesichtswahrung. Sonst wäre klar, dass man der Opec gar kein Gewicht mehr beimessen muss. Es ist auch stark zu bezweifeln, dass das Einfrieren der Opec-Produktion die Preise nachhaltig in die Höhe treiben wird. Vor allem Amerika, aber vielleicht auch Russland werden die Lücke füllen.

STANDARD: Ist es vorstellbar, dass an die Stelle der Opec ein Verband von Exportstaaten erneuerbarer Energien tritt?

Kemfert: Die Erneuerbaren werden zweifellos wichtiger und sie werden auch das Weltgeschehen eher bestimmen. Der Vorteil bei den erneuerbaren Energien ist aber, dass sie dezentral sind – und vor allem friedensstiftend. Die Konflikte, die wir durch Öl kennen, nehmen durch die erneuerbaren Energien eher ab. Aus diesem Grund braucht es keine Vereinigung, man hat dezentrale Lösungen, die für ein mehr an Demokratie und Wohlstand in einer Region sorgen werden.

STANDARD: Bei der Umsetzung der Energiewende knarrt es gewaltig. Welche Fehler wurden gemacht?

Kemfert: Die erneuerbaren Energien sind eine Erfolgsgeschichte, die Kosten sind massiv gesunken. Jetzt geht es darum, das System komplett umzubauen. Es geht um Systemintegration, Flexibilität, Speicherung. Dafür sind Investitionen nötig, die jetzt aber durch Konflikte, die Lobbyisten der alten Energiewelt anzuzetteln versuchen, aufgehalten werden. Es ist ein Fehler zu versuchen, die Vergangenheit zu konservieren.

STANDARD: Elektroautos werden als Lösung für das vom Verkehr verursachte Klimaproblem gepriesen. Ist das nicht übertrieben?

Kemfert: Elektroautos sind, sofern mit sauberem Strom geladen, unschlagbar. Sie sollten aber Benzin- und Dieselfahrzeuge ersetzen. Somit muss man Vorteile konventioneller Autos abbauen und die Elektromobilität finanziell attraktiver machen. Man braucht insgesamt eine nachhaltige Mobilitätsstrategie, Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs inklusive. Nur Elektroautos als Feigenblatt sind zu wenig.

STANDARD: Was würden Sie Ölfirmen eingedenk der Entwicklungen am Energiemarkt raten?

Kemfert: Alle im Bereich fossiler Energien sollten die Zeichen der Zeit erkennen und in die neuen Energiemärkte investieren. Da ist so viel an neuer Technologie nötig – Wasserstoff oder Methan, die durch erneuerbare Energie hergestellt werden. Solarenergie, die in Ländern wie Saudi-Arabien beste Voraussetzungen vorfinden würde. Langfristig geht es Richtung Dekarbonisierung. Zu glauben, die Vergangenheit könne möglichst lange konserviert werden, ist ein Irrglaube. Das kann letztlich in die Insolvenz führen, wie man jetzt bei vielen Kohleunternehmen sieht. (Günther Strobl, 1.12.2016)

Claudia Kemfert (47) leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance ebendort. Kemfert war auf Einladung des Umweltministeriums in Wien.

  • Erneuerbare Energien stiften Frieden, sagt die Ökonomin Claudia Kemfert.
    foto: hendrich

    Erneuerbare Energien stiften Frieden, sagt die Ökonomin Claudia Kemfert.

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