"Ist das Kunst?": Joseph Beuys bekommt sein Fett weg

1. Dezember 2016, 08:00
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In "Walt Disneys Lustigem Taschenbuch Spezial Nr. 73" mit dem schönen, auf die Rezeption der Beuys'schen "Fettecke" verweisenden Titel "Ist das Kunst oder kann das weg?" hetzen und jagen Micky Maus und Donald Duck atemlos durch die Kunstgeschichte

Wien – Die beiden vielleicht wirkungsmächtigsten Sätze über Kunst stammen aus dem Mund von Banausen. Die Antwort auf den ersten Satz lautet: Nein, kannst du nicht. Beim zweiten muss man vorsichtiger mit dem Urteilen sein, immerhin geht es im Leben auch oft darum, nicht unbedingt die richtigen Antworten zu finden, sondern erst einmal die wichtigen Fragen zu stellen: Ist das Kunst oder kann das weg?

Spätestens seit Kunstwerke ungefähr solche Wertsteigerungen erfahren wie der sich pro Runde verdoppelnde Geldeinsatz bei Kartenspielen im Hinterzimmer, ist Kunst natürlich auch in Entenhausen ein Thema. Dagobert Duck zum Beispiel plant schon längst ein Museum: "Reden wir über Geld. Was ich zeigen möchte, ist künstlerische Avantgarde für ein zahlungskräftiges Publikum."

Zu diesem Zweck schafft sich der reiche alte Sack einen Kunstsachverständigen an, der ungefähr so viel verständlichen Klartext redet, wie es das von einem wildgewordenen Kurator mit sozialkritischem Hintergrund gefüllte Papier eines Ausstellungskatalogs gerade noch zulässt. Gemeinsam mit Donald reist das Trio zur Biennale nach Venedig, jettet nach London in die Tate Modern Gallery und ins Museo Guggenheim in Bilbao.

Ungefähr so anspielungsreich wie ein Wink mit dem Zaunpfahl geht es im neuen "Walt Disneys Lustigen Taschenbuch" mit dem schönen, bereits erwähnten Titel Ist das Kunst oder kann das weg? quer durch die Jahrtausende, die Kunstgeschichte und über 500 Seiten. Der Titel bezieht sich nicht nur auf die berühmte "Fettecke" von Joseph Beuys, sondern auch auf den gleichnamigen Titel des heuer im März erschienenen Kunstbetrachtungs-Sachbuchs von Christian Saehrendt und Steen T. Kittl, den Autoren des zehn Jahre alten Bestsellers Das kann ich auch!. Die Kapiteltitel der nun vorliegenden Entenhausener Version wie Der erste Comic der Welt, Das verhängnisvolle Porträt, Paradoxe Meisterwerke oder Duckelangelos Geheimnis erklären sich von selbst.

Kracks und Fump

Die Tendenz der Geschichten, Handlung mit ständigem Rennen, Retten, Flüchten und diversen Watschentänzen, Hypertonie und Tobsuchtsanfällen voranzutreiben, dürfte bestens bekannt sein. Dass Micky Maus ein elendiger Wichtigtuer ist, der ständig mit dem Zeigefinger in moralinsaure Luft stößt, ist bei egal welchem Thema zu beobachten.

Wenigstens wird der Anfang der Kunstproduktion in Der erste Comic der Welt in Gestalt der Höhlenmalerei im Fell statt im üblichen geschnäuzten Raiffeisen-Filialleiter- und gekampelten Zalando-Look bestritten. Neben dem unnötigen Auftauchen eines grünen, dreiäugigen Aliens mit seinem Raumschiff beschränkt sich die Geschichte rein sprachlich auf die mannigfaltigen Bedeutungen der Worte "Grug" und "Grug" – aber auch "Grug". Erholsam im Vergleich zum üblichen Sermon – wobei es auch einmal "Kracks" und "Fump" machen darf.

Am Ende kann die altkluge Maus dann aber natürlich trotzdem nicht den Rand halten und gibt uns Lesern Jahrtausende später nicht als Höhlenmaler, sondern als als Höhlenforscher zurückgekehrter Weiser aus dem Land der Binsen Saures: "Wichtig ist doch nur, dass die Kunst heute genau wie vor Tausenden von Jahren von unserer Welt erzählt, unserem Leben und Streben und Scheitern und Siegen."

Die Vermutung, dass diese Geschichten im Wesentlichen von alten Männern gelesen werden, die sich nie ganz zwischen Systemerhalt (Maus) und als individueller Amoklauf getarnter Anarchie (Ente) entscheiden können, bleibt aufrecht. Kinder kann man mit so etwas jagen. Kunst kommt heute aus dem Handy und snapchattet einem das Langzeitgedächtnis weg. Mit der Bildbearbeitungs-App Prisma kann man sich selbst in den Mittelpunkt der Kunstgeschichte fälschen. Kann Kunst also weg? Am Schluss eine klare Antwort: Grug! (Christian Schachinger, 1.12.2016)

  • "Grug" oder "nicht grug?", das ist hier die Frage. Micky Maus entdeckt die Kunst in Gestalt der Höhlenmalerei.
    foto: egmont ehapa media

    "Grug" oder "nicht grug?", das ist hier die Frage. Micky Maus entdeckt die Kunst in Gestalt der Höhlenmalerei.

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