Das Wohnzimmer als Galerie

15. Dezember 2016, 08:00
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Die Künstlerin Judith P. Fischer wohnt in einer Mietwohnung in Wien-Alsergrund

Die Künstlerin Judith P. Fischer wohnt mit Mann, Sohn und 147 eigenen Kunstwerken in einer Mietwohnung in Wien-Alsergrund. Die Exponate inspirieren sie – unter anderem dazu, die Wohnung alle paar Wochen umzustellen

"Dieses Zimmer hier ist ein Musikraum, ein Schauraum, ein Lebensraum. Manche würden auch Wohnzimmer dazu sagen. In erster Linie dient der Raum meinen eigenen Bedürfnissen, und zwar vor allem dem Bedürfnis nach Genuss, Reflexion und Entspannung. Aber natürlich sind die Kunstwerke, die hier zu sehen sind, auch für die anderen da – für Familie, Freunde und Bekannte, für Menschen, die an meinem Schaffen interessiert sind und die einfach nur mal einen Blick auf meine neuen Werke werfen möchten. Man könnte also auch sagen: Sobald Außenstehende zu Besuch sind, mutiert das Wohnzimmer zu einer kleinen Privatgalerie mitten im neunten Bezirk.

foto: florian albert
Wohnzimmer, Musikzimmer und Galerie, all das bedeutet Judith P. Fischer dieser Raum.

Ich mag Kunst, nicht nur die eigene, sondern grundsätzlich. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Kunstschaffenden umgebe ich mich sehr gerne mit meinen eigenen Werken. Ich habe Zeichnungen, Reliefs, Fotografien, plastische Objekte, Skulpturen aller Art, Modelle und Installationen. Aus Papier, Gummi, Silikon, Kautschuk, Schaumstoff, aber auch aus Stahl, Bronze, Aluminium, Glas und Beton. Auf ein bestimmtes Material möchte ich mich nicht festlegen. Jeder Baustoff hat seine eigene Faszination. Das Verbindende liegt vielleicht am ehesten im Linearen. Ich bin fasziniert von der Welt der Linien. Ich denke, das kommt vom Zeichnen.

Ich habe mich schon auf die Frage vorbereitet, wie viele Kunstwerke ich in meiner Wohnung habe, und habe daher nachgezählt. Und ich war selbst erstaunt! Bei den aufgehängten und gestellten Kunstwerken handelt es sich um 147 Objekte. Und die kleinen Miniaturen und Installationen in den Regalen sind da noch nicht einmal mitgezählt! Doch die Zahl ändert sich ständig. Ich bin permanent am Umstellen, Neuarrangieren, Möbelverrücken und Wohnung-auf-den-Kopf-Stellen. Manchmal passiert es, dass mein Mann und mein Sohn aus der Arbeit und Schule heimkommen und dann sagen: "Ah ja! Na eh nicht schlecht ..."

fotos: florian albert

Was ich überhaupt nicht mag, sind Räume, die nur einer einzigen Sache und Funktion gewidmet sind. Damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Die meisten Zimmer in dieser Wohnung sind alles und nichts zugleich. Es gibt eine Klappcouch, eine Kiste fürs Bettzeug, Tische, die man beiseiteschieben kann und so weiter. Die Japaner machen das ja auch – und noch dazu auf viel kleinerer Fläche und in viel niedrigeren Räumen!

Und so verändert sich die Wohnung fast jeden Tag. Heute ist sie so und morgen vielleicht schon wieder ganz anders. Ich hab diesen Spieltrieb immer schon gehabt. Diese lustvolle Komponente am Wohnen inspiriert und beflügelt mich. Apropos Flügel: Mein derzeitiger Lieblingsplatz befindet sich am Klavier, zumal ich seit gut einem Jahr wieder recht intensiv musiziere. Am liebsten spiele ich Bach. Strenge Struktur, intensives Üben, höchste Konzentration – das hat etwas Ausgleichendes.

foto: florian albert

Ich habe früher schon in diesem Haus gewohnt – während des Studiums noch im dritten Stock, später einmal in einer kleinen Wohnung im Mezzanin, und vor zwölf Jahren ist dann diese Wohnung im zweiten Stock frei geworden. 113 Quadratmeter zur Miete, toller Grundriss, wunderbar sonnig. Was will man mehr?!

Als wir die Wohnung übernommen haben, war sie in einem ziemlich abgewohnten Zustand. Sie wurde komplett renoviert. Was die Möbel betrifft, fürchte ich, sagen zu müssen, dass ich ziemlich ikeageprägt bin. Ich denke, man sieht den Ikea-Stempel der Wohnung nicht auf den ersten Blick. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass hier alles weiß und zartgrau ist. Das verträgt sich einfach besser mit der Kunst als jede andere Farbe. Und wie gesagt: Das Wichtigste ist, dass die Möbel klein, leicht und mobil sind.

fotos: florian albert
Judith P. Fischer mag es, wenn Räume multifunktional sind und sich stetig verändern.

Mein schlimmster Albtraum wäre eine Wohnung mit Einbaumöbeln bis zur Decke. Und mein zweitschlimmster Albtraum wäre eine Wohnung ohne Kunst. Das könnte ich mir gar nicht vorstellen. Dann würde ich in ein schwarzes Loch fallen. Wovon ich allerdings träume, das ist ein Balkon mit Leseplatz im Freien. Das wäre ein schönes Projekt für die Zukunft." (Wojciech Czaja, RONDO Open Haus, 15.12.2016)

Judith P. Fischer, geboren 1963 in Linz, studierte Gesang, Bildhauerei und Kunstgeschichte in Wien. Ihre Kunst zeichnet sich durch eine haptische, mitunter sinnliche Anmutung und kontrastierende Materialien aus. Zuletzt war ihre Ausstellung "hoch.STAPELEI" in der Galerie Straihammer und Seidenschwann in Wien zu sehen. Zu ihren jüngsten Kunstarbeiten im öffentlichen Raum zählen eine Stahlskulptur für das Wirtschaftszentrum N in St. Pölten sowie ein Gedenkraum in der Pfarre Schönau. Ihre Werke finden sich u. a. im Niederösterreichischen Landesmuseum, in der Sammlung der Stadt Linz sowie in der Bibliothèque nationale in Paris. Sie kuratiert regelmäßig Ausstellungen und verfasst Texte über Kunst und Kunsttheorie.

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Judith P. Fischer

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