Pharma-Zahlungen: Ärzte sollen weiter schweigen dürfen

30. November 2016, 16:53
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82 Prozent der Zahlungen von Pharmaunternehmen an Ärzte und medizinisches Personal sind anonymisiert. Gesundheitsministerium und Ärztekammer sehen keinen Handlungsbedarf

105 Millionen Euro haben Pharmaunternehmen im Vorjahr an Ärzte, weiteres medizinisches Personal und Spitäler sowie medizinische Organisationen überwiesen. Nur ein Bruchteil dieser Zahlungen ist aber namentlich zurückzuverfolgen, sodass mögliche Interessenkonflikte offenkundig werden. Das geht wie berichtet aus einer Analyse der Offenlegungen durch eine Kooperation von STANDARD, ORF und der Rechercheplattform Correctiv hervor. Beispielsweise sind 82 Prozent der Zahlungen, die allein an Ärzte und weitere Angehörige gegangen sind (22,9 Millionen Euro), anonymisiert.

Müssen die derzeit geltenden Regeln deshalb überarbeitet werden?

Gesundheitsministerium und Ärztekammer sagen Nein. Aktuell müssen alle Empfänger einer namentlichen Nennung ausdrücklich zustimmen. Das soll weiterhin so bleiben. So will es das Datenschutzgesetz.

Gesundheitsministerium: Krankenkassen kontrollieren genau

Gerhard Aigner, als Sektionschef im Gesundheitsministerium zuständig für Recht und Verbraucherschutz, führt die hohe Geheimhaltungsrate auf eine generell große Zurückhaltung bei der Offenlegung von Einkommen in Österreich zurück. Das Gesundheitssystem sei zwar ein besonders sensibler Bereich, wo man genau hinschauen müsse. Für den medizinischen Fortschritt sei die Zusammenarbeit von Ärzten und Pharmaindustrie aber nötig. Außerdem würden die Krankenkassen genau kontrollieren, was Vertragsärzte verschreiben, sagt Aigner.

Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass Zahlungen der Pharmaindustrie die Entscheidungen von Ärzten unbewusst beeinflussen können. Etwa dass teurere Präparate verschrieben werden, obwohl günstigere Generika verfügbar wären.

Ärztekammer: Quote wird steigen

An eine Gesetzesreform oder ein eigenes Antikorruptionsgesetz für Ärzte denkt man im Ministerium deshalb nicht. Dieser Haltung stimmt auch der Präsident der Ärztekammer, Artur Wechselberger, zu. Der Verhaltenskodex der Kammer, der von Ärzten und Ärztinnen eingehalten werden muss, reiche aus. "Da steht ganz klar drinnen, dass man im Umgang mit der pharmazeutischen Industrie genau darauf achten muss, dass das Entgelt in Relation zur Leistung steht."

Dass 82 Prozent der Geldflüsse an Ärzte und weitere Angehörige der Fachkreise anonymisiert sind, sieht der Ärztekammer-Präsident nicht als großes Problem. Er rechnet damit, dass der Anteil der Offenlegung in den nächsten Jahren steigen wird: "Wir als Ärztekammer empfehlen diese Offenlegung. Transparenz ist die beste Möglichkeit, allen Unkenrufen und Verdächtigungen vorzubeugen", so Wechselberger.

Patientenanwalt: "Jahrzehntelange Kultur der Intransparenz"

Dem würde Gerald Bachinger, Patientenanwalt für Niederösterreich, zwar zustimmen, die aktuelle Offenlegungsrate sei aber ein "Armutszeugnis" und Datenschutz als Rechtfertigung ein "vorgeschobenes Argument". Er führt das Pharmaunternehmen Glaxo Smith Kline als positives Beispiel an. Wer mit dem Unternehmen zusammenarbeiten möchte, muss einer namentlichen Offenlegung zustimmen.

"In Wirklichkeit ist es ein Problem des Wollens. Wir haben in Österreich eine jahrzehntelange Kultur der Intransparenz. Kurzfristig ist das nicht einfach abzustellen", sagt Bachinger. Sollte sich die Offenlegungsrate nicht innerhalb der nächsten zwei Jahre verbessern, würden die Patientenanwälte mehr Druck auf den Gesetzgeber machen. (gart, 30.11.2016)

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Ärzte und Apotheker, Zahnärzte, Dentisten, Hebammen, Angehörige des Krankenpflegepersonals, der medizinisch-technischen Dienste und Sanitätsdienste sowie sonstiger Sanitätseinrichtungen.

Über das Projekt: Euros für Ärzte

Ende Juni haben die Mitglieder des Verbands pharmazeutischer Unternehmen erstmals ihre Zahlungen an Ärzte und weitere Angehörige der Fachkreise sowie Krankenhäuser veröffentlicht. Ein gemeinsamer Verhaltenskodex regelt die Art der Publikation. Dieses Regelwerk hat Lücken. Es sieht keine patientenfreundliche Auflistung der Geldflüsse vor. Wer wissen möchte, ob sein Arzt einen Interessenkonflikt hat, müsste die Websites der 115 Unternehmen einzeln nach dem jeweiligen Namen durchforsten. Erschwerend kommt hinzu, dass der jeweilige Ort der Veröffentlichung nicht einheitlich geregelt ist, die Daten fehlerbehaftet sind und viele Dokumente nicht computerlesbar sind. Deshalb mussten viele Veröffentlichungen händisch abgetippt werden. Diese Recherche ist eine Zusammenarbeit von STANDARD, ORF und der deutschen Rechercheplattform Correctiv. Das Ergebnis: eine Datenbank, in der Sie nach Ihren behandelnden Ärzten und Spitälern suchen können.

Mitarbeit: Nora Laufer (STANDARD), Elke Ziegler, Bernt Koschuh, Jakob Weichenberger (alle ORF), Markus Grill, Stefan Wehrmeyer (beide Correctiv).

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