Nachtbus nach Split

Glosse30. November 2016, 16:00
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Dank der erfolgreichen Intoxikation schlafe ich fünf Stunden wie ein Baby. Als der Autobus um 3.45 Uhr in Split ankommt, bin ich noch immer hoch auf der Welle

Ein Gerichtstermin zwingt mich zu einer Reise nach Dalmatien. Ich bin Zeuge in einem unendlich dummen Erbstreit zwischen zwei Brüdern. Aber ich habe Gelegenheit, Tante Vanja zu besuchen, vom Krieg der Kühlvitrinen in Sutivan zu erfahren und einen amüsanten Mailwechsel mit dem Autobusunternehmen zu führen.

Cleo, ihre Freundin und Schnaps

Ich buche bei einer dieser neuen Dotcom-Fernbusfirmen. In Zagreb muss ich zwei Stunden auf den Anschluss nach Split warten. Cleo und ihre Freundin holen mich von Busbahnhof ab und bringen mich in eine nahe gelegene Wohnung. Von der Terrasse aus sieht man halb Zagreb. Es ist kalt, wir trinken Schnaps. Einen der besten Šljivovica, die es in Kroatien gibt. Den Namen habe ich mir schnell aus dem Gedächtnis gesoffen. Ich weiß nur noch, dass er dunkelrot ist und vor meinem Magen monatelang in einem Fass schläft, damit Aroma und Farbe heranreifen.

Dazu gibt es alle zehn Minuten einen frischen Joint. Die Mischung ist genau richtig für eine Nachtreise in einem Autobus. Beim Abschied drückt mir Cleo eine Faustvoll Gras in die Hand. Und den Rest vom Schnaps in einer kleinen Plastikflasche. So sieht Freundschaft aus.

Wenn Split erwacht

Dank der erfolgreichen Intoxikation schlafe ich fünf Stunden wie ein Baby. Besser noch: Als der Autobus um 3.45 Uhr in Split ankommt, bin ich noch immer hoch auf der Welle.

Auf der Anzeigetafel im Fährhafen steht, dass die erste Fähre nach Brač um 9 Uhr ablegt. Ich muss noch fünf Stunden totschlagen, obwohl mich nur sieben Seemeilen von Sutivan trennen. Diese Distanz könnte ich zu Fuß schneller bewältigen, wenn ich Jesus wäre. Also füge ich mich in die Ödnis des Wartens und wanke zum Fährhafen. Dort sitzt ein junger Mann, der ebenfalls nach Brač will. Und ebenfalls betrunken ist. Ich biete ihm Schnaps und einen Joint an.

Letzte Nacht streckt der junge Mann seinen besten Freund mit einer Fußwatsche nieder und macht Schluss mit seiner Freundin. Jetzt will er sich bei seiner Oma, tief im Inneren der Insel, verkriechen. Als am Bahnhof das erste Bistro öffnet, trinken wir gemeinsam Kaffee. Anschließend wanken wir durch die Altstadt, um nicht einzuschlafen. Wir reden von guten Filmen und bösen Freundinnen. Ich pisse in den Hafen. Als wir an der Bronzestatue von Grgur Ninski vorbeikommen, berühre ich seine große Zehe am linken Fuß. Das ist in Split eine Tradition, die jeder befolgt, wenn er an Grgur vorbeikommt. Deswegen glänzt die Zehe wie Gold, während der Rest der Statue schmutziggrün ist.

Die ersten Autobusse fahren, Zöllner und Polizisten besetzen ihre Häuschen am internationalen Pier des Fährhafens. Der Himmel über Split ist ein Meer aus zerrissenen grau-weißen Wolken, dazwischen Inseln aus Azur. Der Südwind ist warm, er bringt 20 °C und macht hohe Wellen. Die Fähre nach Brač legt ab.

Der Eid des Hypokrit

Am nächsten Tag bin ich bei Tante Vanja. Sie serviert mir ihren Nussschnaps. Er ist etwas zu bitter, aber ich lobe ihn trotzdem. Dann weint Tante Vanja und erzählt mir von einem Arzt in Split.

Dieser Arzt ist Krebsspezialist und die letzte Hoffnung ihres sterbenden Ehemanns, šjor Tomo. Und šjor Tomo hält viel von diesem Arzt. Schließlich kennt er ihn aus besseren Tagen. Damals bringt Tomo dem Arzt Prstaci, Pršut und Olivenöl mit, man ist bei Wein und Pelinkovac gesellig und lacht viel. Doch an diesem Tag will der Arzt etwas anderes von Tante Vanja, damit er den armen šjor Tomo auch nur untersucht. Er sagt "Žibi, žibi!" und reibt Daumen und Zeigefinger.

Tante Vanja versteht die Geste, aber sie stellt sich dumm und fragt, wie viel Liter Olivenöl sie ihrem Mann zum Untersuchungstermin mitgeben soll. Der "Arzt" sagt nur: "Papiere, Papiere, gute Frau!" Und spielt wieder mir Daumen und Zeigefinger die kleinste Violine der Welt. Am Tag der Untersuchung packt Tante Vanja fünf Liter Olivenöl in eine Tasche. Darin ist auch ein Kuvert mit einer beträchtlichen Summe, das sie öffnet und noch ihre gesamten Ersparnisse heimlich dazugibt.

Šjor Tomo stirbt wenige Monate später. Tante Vanja weint, ich kann Tränen der Wut nicht zurückhalten. Und hoffe, dass es für solche Ärzte eine spezielle Hölle gibt, in der sie nur Geld zu essen bekommen, das sie mit siedendem Olivenöl schlucken müssen.

Arschloch!

Der Krieg der Eisvitrinen

Speiseeis verkauft sich im Sommer bestens. Doch dazu braucht man einen Standplatz, den die Gemeinde genehmigt. Oder nicht. Dem Bumbar (Hummel), der zwei Konditoreien und eine Eisvitrine in Sutivan betreibt, verweigert die Gemeinde diese Genehmigung für seine zweite Vitrine.

Dafür bekommt Ivo Kalašnjikov die Genehmigung. Und stellt seine Eisvitrine auf den vorgesehenen Standplatz. Genau unter dem großen Reklameschild für Bumbars Konditoreien. Und so beginnt der Eisvitrinenkrieg von Sutivan. Weil der Bumbar nun meint, die Kunden würden glauben, es sei sein Eis, das die Leute da lecken, das aber in Wahrheit Kalašnjikovs Eis ist, sieht der Bumbar darin eine Wettbewerbsverzerrung. Weil ja er das bessere Eis macht als Ivo.

Also schreitet der Bumbar zur Tat. Er deckt sein eigenes Reklameschild mit einem schwarzen Sack zu. Der über Nacht wieder verschwindet, ohne dass jemand etwas sieht oder hört. Bald verbringen Kalašnjikov und Bumbar ihre Nächte auf Lauer. Bumbar, um zu sehen, wer seinen schwarzen Sack klaut (obwohl er genau weiß, wer), und Ivo, um den Missetäter zu erwischen, der ihm nachts das Stromkabel kappt (obwohl er genau weiß, wer).

Doch die Kriegsvorbereitungen beginnen schon zwei Sommer früher. Dem Bumbar ist die zweite Kühlvitrine so wichtig, weil er seine Konditorei am Marktplatz räumen muss. So wird eine zweite Vitrine zur ökonomischen Notwendigkeit. Seine Konditorei muss Bumbar schließen, weil er einen Streit mit dem gutmütigsten aller Stivanjani anfängt, der als einziger Mensch in Sutivan keinen Streit mit irgendjemandem hat. Das ist Joja. Genannt Schlaftablette.

Schlaftablette hat ein Appartement mit Balkon, und der Luftabzug aus Bumbars Konditorei bläst seinen Gästen mitten ins Gesicht. Also bittet Schlaftablette den Bumbar, diesen Luftabzug um ein paar Meter zu verlegen, damit seine Gäste nicht davonlaufen. Doch Bumbar ist der Bitte nicht nur unzugänglich. Er gibt seinem Koch die Anweisung, Zwiebeln anbrennen zu lassen, sobald Schlaftablettes Gäste auf dem Balkon sitzen. Einen Sommer lang erträgt der gutmütige Joja diese Schikane.

Doch dann platzt selbst der Schlaftablette der Kragen. Also gießt er Motoröl in den Tank seines Autos und touriert die Maschine dann im Stand vor Bumbars Gastgarten, bis auch der letzte Gast davonläuft. Um diesem Spuk ein Ende zu bereiten, verlängert Dinko die Machete Bumbars Pachtvertrag nicht mehr ...

Ich mache hier Schluss mit dem Krieg der Eisvitrinen und füge die Bemerkung an: glücklich alle Leute, die solche Sorgen haben.

Gericht und Pissen im Bus

Der Gerichtstermin, zu dem ich angereist bin, wird vertagt. Weil einer der Brüder ohne Rechtsanwalt und ohne Zeugen vor Gericht erscheint. Das ist gut für mich, weil meine Reise mich nun nichts kostet. Der böse Bruder des guten Bruders muss alles zahlen, und bald kann ich wieder kostenlos nach Brač fahren.

Der Haken liegt darin, dass in den Autobussen des Subunternehmers der Dotcom-Busfirma das Klo auf der Hin- und Rückreise zugesperrt ist. Als Blasenkranker habe ich damit ein Problem. Das ich der Dotcom-Busfirma auch mitteile. Die Antwort ist verblüffend: Man versichert mir, dass neben anderen Annehmlichkeiten die Reisebusse auch über ein Klo verfügen.

Ich schreibe nochmals und buchstabiere sorgfältig das Wort "zugesperrt". Die Antwort: Man habe den Subunternehmer auf die defekten Klos hingewiesen, und der Defekt am Klo werde behoben.

Ich geb's auf. Und rauche einen Joint. (Bogumil Balkansky 30.11.2016)

  • Anschließend wanken wir durch die Altstadt, um nicht einzuschlafen. Wir reden von guten Filmen und bösen Freundinnen.
    foto: bogumil balkansky

    Anschließend wanken wir durch die Altstadt, um nicht einzuschlafen. Wir reden von guten Filmen und bösen Freundinnen.

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