Paket für die Nachbarn annehmen

    5. Dezember 2016, 07:06
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    Problemlose Gefälligkeit oder aller Probleme Anfang

    foto: getty images / istock / monkeybusinessimages

    Pro
    von Katharina Mittelstaedt

    Seinen Schlaf-wach-Rhythmus kenne ich so gut wie meinen. Einen grünen Daumen haben wir beide nicht. Manchmal duschen wir gleichzeitig. Aber ein bisserl ein fader Kerl ist er. Nie laute Musik, keine hitzigen Diskussionen mit Besuch, am Abend läuft zumeist der Fernseher. Er raucht. Sein Name? Keine Ahnung. Mein Nachbar und ich führen eine intime Beziehung und sind doch Unbekannte.

    Das kann auch gerne so bleiben. Ich weiß über ihn eh schon viel mehr, als ich wollte. Wie ich ihn einschätze, wünscht er sich ebenfalls bloß eine Zweckverbindung. Und doch: Kleine Gefälligkeiten wären drin. Vielleicht braucht er mal Mehl oder ich Butter.

    Von meinen früheren Nachbarn habe ich noch einen kaputten Dosenöffner, den er haben kann. Katzenfüttern wäre mir zu viel, aber seine verwelkten Balkonblumen würde ich gießen bei Bedarf.

    Wir könnten klein beginnen. Gegenseitig füreinander Pakete annehmen. Das ist unverbindlich. Anläuten, Übergabe, Wiederschauen. Das kann man problemlos tun für Nachbarn. Das ist nett. Tür Nummer 17, ich wäre bereit.

    Kontra
    von Steffen Arora

    Als Landei muss ich vorausschicken, dass sich diese Frage im dörflichen Kontext nicht stellt. Mein Postler und der gehetzte Typ vom Paketdienst wissen, wo im Garten sie meine Pakete verstauen sollen, wenn keiner öffnet.

    In der Stadt hingegen ist Paketannahme für Nachbarn das Äquivalent zur Frage am Flughafen von Bangkok: "Könnten Sie diesen Koffer für meine Tante mit nach Deutschland nehmen?"

    Diese Lektion lernte ich im London der 1990er. Als mich der coole Typ von gegenüber – Südafrikaner, Surfer und Fotograf – bat, Pakete anzunehmen, sollte er mal nicht da sein.

    Zugegeben, ich hätte spätestens dann skeptisch werden sollen, als er meinte, manche dieser Pakete seien an einen John Doe adressiert. Dabei hieß er doch Dirk. Als Unschuld vom Lande wurde ich erst misstrauisch, als das erste Packerl für John Doe ankam. Aus Kolumbien.

    Nun gut, es muss nicht gleich Inkriminierendes sein. Aber wer will schon wissen, dass sich die pensionierten Nachbarn ab und zu was beim Erotikversand gönnen? Zudem bin ich der Meinung, wer online bestellt, ist ja eh daheim. (RONDO, 2.12.2016)

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