Flugzeugabsturz in Kolumbien: Ärzte kämpfen um Spielerleben

30. November 2016, 14:55
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71 Tote, vier der sechs Überlebenden in Lebensgefahr – Solidarität in Südamerikas Fußball

Medellin/Chapecó – Nach dem Tod fast der gesamten Fußballmannschaft des brasilianischen Erstligisten AF Chapecoense bei dem Flugzeugabsturz nahe Medellín kämpfen vier der sechs Geretteten weiter um ihr Leben.

Nach der Amputation des rechten Beins droht Ersatztormann Jackson Follmann auch der Verlust des linken Beins. Bei Teamkollege Neto, der ein Schädel-Hirn-Trauma und mehrere offene Brüche erlitt, wollen die Ärzte 48 Stunden abwarten, bevor sie Entwarnung geben. Dasselbe gilt für Alan Ruschel, der bereits an der Wirbelsäule operiert wurde.

Während der ebenfalls gerettete Journalist Rafael Henzel nach mehreren Rippenbrüchen mit durchbohrter Lunge weiter unter Beobachtung steht, kamen zwei Besatzungsmitglieder – eine Stewardess und ein Flugzeugtechniker – der bolivianischen Chartermaschine mit leichteren Verletzungen davon und gaben bereits Interviews.

Opferzahl korrigiert

Die Behörden waren zunächst von 75 Toten und sechs Überlebenden ausgegangen. Später stellte sich laut dem kolumbianischen Katastrophenschutz heraus, dass vier Personen, die auf der Passagierliste standen, gar nicht an Bord waren. So haben die Behörden die Opferzahl auf 71 korrigiert. Darunter waren neben 19 Spielern auch der gesamte Betreuerstab und 20 brasilianische Sportreporter.

Die Leichen sollen am Donnerstag nach Brasilien überführt werden, wo in Chapecó in der Arena Condá eine Trauerfeier geplant ist.

Flugschreiber vor Auswertung

Das Flugzeug war in São Paulo gestartet und zu einem Zwischenstopp in Santa Cruz in Bolivien gelandet. Anschließend flog es weiter Richtung Rionegro bei Medellín. Der Absturzort liegt rund 50 Kilometer von Medellín entfernt in den Bergen von Cerro Gordo.

Dort hatten die Piloten der British Aerospace 146 um 22.34 Uhr Ortszeit (4.34 Uhr MEZ) einen Notfall gemeldet. Laut einem Sprecher der Luftfahrtbehörde gab es Hinweise auf Fehler in der Bordelektronik. Die Luftfahrtbehörde hatte auch Treibstoffmangel als eine mögliche Ursache angegeben.

Die überlebende Stewardess berichtete laut dem Gouverneur des kolumbianischen Departements Antioquia, Luis Perez, von technischen Problemen kurz vor dem Unglück: "Das wenige, was sie sagen konnte, war, dass die Lichter 40, 50 Sekunden vor dem Absturz zu flackern begannen und ausgingen", sagte Perez, der im Spital mit der Flugbegleiterin gesprochen hatte, dem Radiosender Caracaol.

Um die genaue Absturzursache zu ermitteln, sollen nun die bereits geborgenen Flugschreiber ausgewertet werden. Brasilianische Forensiker und Ermittler sind ebenso wie britische Fachleute in Kolumbien angekommen, um ihre Kollegen vor Ort bei den Untersuchungen zu unterstützen.

Solidarität bei südamerikanischen Vereinen

Der brasilianische Überraschungsfinalist AF Chapecoense war auf dem Weg zum Hinspiel des Finales der Copa Sudamericana gegen den kolumbianischen Vertreter Atlético Nacional. Die nun abgesagten Endspiele sollten zum Höhepunkt in der Vereinsgeschichte werden. Der Cup ist nach der Copa Libertadores der zweitwichtigste südamerikanische Vereinsbewerb und gilt als Pendant zur Europa League. Atlético Nacional sprach sich dafür aus, Chapecoense ehrenhalber zum Sieger auszurufen.

Solidarität zeigten auch Brasiliens Profiklubs. In einer gemeinsamen Stellungnahme erklärten sich zunächst 13 Vereine bereit, für die kommende Saison kostenlos Spieler abzustellen. Zudem wird ein Antrag beim Verband CBF gestellt, dass Chapecoense in den kommenden drei Saisonen nicht in die zweite Liga absteigen kann. Mit dieser "minimalsten Geste der Solidarität" wollen die Rivalen helfen, "die Institution und den Teil des brasilianischen Fußballs, der heute verloren gegangen ist, wiederaufzubauen".

Der argentinische Verband AFA verkündete auf seiner Website, dass die ihm angehörenden Vereine ebenfalls Spieler abstellen wollen. Dasselbe erklärte der Club Libertad aus Paraguays Hauptstadt Asunción.

Staatstrauer und Beileidsbekundungen

"Wir möchten nächstes Jahr weitermachen", sagte auch der Vizepräsident des Vereins, Ivan Tozzo, zuversichtlich. "Wir werden den Club neu aufbauen müssen, neue Spieler verpflichten und viel Geduld haben müssen. , sagte Tozzo gegenüber der brasilianischen Website Globoesporte.

In Chapecó kamen am Mittwoch Beileidskundgebungen von Messi bis Pele an, auch Papst Franziskus drückte bei der Generalaudienz vor Tausenden Pilgern in Rom seine Nähe zu den Angehörigen der Opfer aus. Im Halbfinale der Copa Sudamericana hatte AF Chapecoense Papst Franziskus' aus Argentinien stammenden Lieblingsverein San Lorenzo de Almagro besiegt.

Trauerzeichen in Barcelona

In Spanien wird die 14. Runde am Wochenende, darunter auch der "Clasico" FC Barcelona – Real Madrid, durch eine Schweigeminute für die Opfer unterbrochen werden. Auch bei TV-Übertragungen werde es national und international ein Trauerzeichen geben.

Der Bogen des Londoner Wembley-Stadions, die Christus-Statue in Rio oder auch der Präsidenten-Palast in der Hauptstadt Brasilia leuchteten in den grünen Farben des Vereins. Während für ganz Brasilien eine dreitägige Staatstrauer gilt, rief der Bürgermeister Chapecós eine 30-tägige Trauerphase aus.

Tausende Fans hatten sich bereits am Dienstag in einer Abendmesse versammelt und die Straßen der der 200.000-Einwohnerstadt gefüllt. Danach strömten sie zu einer spontanen Trauerfeier in das Stadion ihres Vereins, die Arena Condá. "Wir sind die Champions!", schrieen sie in Trauer, als Clubvertreter und Verwandte der Verstorbenen einander im Kreis im Mittelfeld die Hände reichten. "Wir sind von einem Traum in einen Alptraum übergegangen", meinte Metallarbeiter Fernando de Oliveira, der seine Arbeit verlassen hatte, um seine weinende Frau und seine zwei Kinder zum Zeichen der Unterstützung ins Stadion zu bringen. (APA, AFP, red, 30.11.2016)

  • Ein Mitglied der Bergungseinheiten am Absturzort.
    foto: reuters/jaime saldarriaga

    Ein Mitglied der Bergungseinheiten am Absturzort.

  • In Chapecó gingen Fans auf die Straßen.
    foto: reuters/paulo whitaker

    In Chapecó gingen Fans auf die Straßen.

  • Leandro Bastos aus Chapecoenses U15-Team in der Kabine der Arena Condá.
    foto: reuters/paulo whitaker

    Leandro Bastos aus Chapecoenses U15-Team in der Kabine der Arena Condá.

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