EU-Kommission fordert rasche Einigung in Lufthansa-Tarifstreit

30. November 2016, 10:59
28 Postings

Kommissarin Bulc bittet um "konstruktives" Verhalten – Buchungsrückgänge und Angst im Lufthansa-Konzern

Frankfurt – Erneut müssen wegen des Pilotenstreiks etliche Flugzeuge der Lufthansa am Mittwoch am Boden bleiben. 890 Flüge auf der Kurz- und Langstrecke fallen aus, betroffen sind von dem Ausstand der Fluggesellschaft zufolge rund 98.000 Fluggäste. Insgesamt sind laut Lufthansa an den sechs Streiktagen mehr als 525.000 Passagiere von 4461 Flugausfällen betroffen.

Der Streik wirkt sich auch am Mittwoch in Österreich aus. 30 Lufthansa-Flüge nach Österreich fallen aus. Betroffen sind von Wien aus 14 Flüge von und nach Frankfurt sowie acht Flüge von und nach München. Von Graz aus fallen acht Flüge von und nach München aus. Am Donnerstag dürften fast alle Flüge planmäßig bedient werden.

EU-Kommission ruft zu rascher Einigung

Angesichts des anhaltenden Streiks bei der Lufthansa hat die EU-Kommission zu einer raschen Einigung aufgerufen und vor negativen Folgen für die europäische Wirtschaft gewarnt. "Das Recht zu streiken ist ein Grundrecht der Arbeitnehmer in der Europäischen Union. Daran gibt es keinen Zweifel", sagte EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc der Zeitung "Die Welt" vom Mittwoch.

"Das kann so nicht weitergehen"

Sie appellierte aber zugleich an alle Beteiligten, sich dabei "konstruktiv zu verhalten" und einen Lösungsweg zu finden. Bulc warnte vor hohen Kosten für die Wirtschaft. "Die Akteure im Luftfahrtsektor sind so eng miteinander verwoben, dass das Verhalten einzelner nationaler Interessengruppen erhebliche Kosten für alle Beteiligten in Europa verursachen kann. Das kann so nicht weitergehen, wir müssen da gemeinsam an einer Lösung arbeiten."

Die Lufthansa-Piloten haben am Mittwoch ihren Streik fortgesetzt. Nach Konzernangaben fallen 890 Flüge auf Kurz- und Langstrecken aus. Betroffen seien rund 98.000 Fluggäste. Hinter dem Streik steht die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit, die die Lufthansa bereits vergangene Woche von Mittwoch bis Samstag sowie am Dienstag größtenteils lahmgelegt hat. Insgesamt sind laut Lufthansa an den sechs Streiktagen mehr als 525.000 Passagiere von 4.461 Flugausfällen betroffen.

Buchungsrückgänge

Den Pilotenstreik bekommt die Lufthansa mittlerweile auch anhand ihrer Buchungen merklich zu spüren. Das berichtete die "Bild"-Zeitung vom Mittwoch unter Berufung auf Unternehmenskreise und das Umfeld der Vereinigung Cockpit. Demnach gibt es Rückmeldungen aus dem Lufthansa-Management, wonach die Buchungsrückgänge "deutlich spürbar sind". Zugleich sei die Kapazitätsauslastung auf den trotz des Streiks durchgeführten Langstreckenflügen erheblich gesunken. Die Auslastung liege zum Teil bei weniger als zehn Prozent.

Die Kosten des Pilotenstreiks für die Lufthansa lägen mittlerweile bei rund 15 Millionen Euro pro Tag. Der vergangene Woche begonnene Ausstand habe damit schon Kosten von rund 75 Millionen Euro verursacht.

Angst im Konzern

Von Teilen der Lufthansa-Belegschaft wird die angespannte Lage als zunehmende Bedrohung für das Unternehmen wahrgenommen. "Was immer die Piloten herausholen, muss am Ende des Tages an anderen Stellen im Unternehmen gegenfinanziert werden", sagte das Mitglied des Lufthansa-Betriebsrats Frankfurt Boden, Ruediger Fell, der Deutschen Presse-Agentur.

Zusammen mit weiteren Betriebsratskollegen habe er daher für diesen Mittwoch eine Demonstration gegen die Ziele der streikenden Vereinigung Cockpit organisiert. Zeitgleich wollen auch die Piloten für ihre Ziele demonstrieren.

"Es herrscht große Angst um die Unternehmenszukunft am Boden, bei der Technik und der Cargo", sagte das Betriebsratsmitglied, das sich der nicht-gewerkschaftlichen "Vereinigung Boden" zugehörig fühlt. Die Piloten nähmen mit ihren fortgesetzten Streiks die Lufthansa-Mitarbeiter ebenso in Geiselhaft wie die Passagiere. Bei der AUA-Mutter Lufthansa gebe es eine schweigende Mehrheit, die von den Streiks die Nase voll habe.

Ausdrücklich bestätigte Fell, dass die Vertreter der Gewerkschaft Verdi nicht für die Demonstration gestimmt haben. Offenbar gebe es eine "gewisse Beißhemmung" der Gewerkschaften untereinander. Der Betriebsrat Boden vertritt die Interessen von rund 6.000 Beschäftigten. In ihm arbeiten neben Verdi etliche kleinere Gruppen. Verdi und die Kabinengewerkschaft Ufo hatten sich klar von dem Aufruf distanziert.

Ihm und seinen Mitstreitern liege es aber fern, über die VC und die Piloten ein "Scherbengericht" abzuhalten, sagte Fell. "Aber die Piloten müssen uns und unsere Sorgen endlich wahrnehmen. Was sie als Erhöhung fordern, haben viele Kollegen an der Station Frankfurt als volles Gehalt." Die Piloten sollten in die Schlichtung einwilligen und darauf verzichten, ihre Interessen ohne Rücksicht auf Verluste durchzusetzen.

Tarifstreit seit April 2014

Der Tarifstreit zieht sich seit April 2014 hin. Die Gewerkschaft fordert für 5.400 Lufthansa-Piloten 3,7 Prozent mehr Geld im Jahr – einschließlich Nachzahlungen für vier Jahre. Die Lufthansa bietet 0,7 Prozent über eine Laufzeit von gut sechs Jahren. Darüber hinaus geht es um die Alters- und Vorruhestandsversorgung der Flugzeugführer und den Ausbau des konzerneigenen Billigfliegers Eurowings. (APA, Reuters, 30.11.2016)

Share if you care.