Pharma-Honorare: So verdienen Ärzte mit intransparenten Geldspritzen

Analyse mit Video30. November 2016, 11:40
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105 Millionen Euro sind im Vorjahr von der Pharmaindustrie an Ärzte und Spitäler geflossen. Wer profitiert hat, bleibt trotz einer Transparenzinitiative im Dunkeln. Eine neue Datenbank zeigt: Nur 18 Prozent der Zahlungen sind nachvollziehbar

Dr. Thomas Berger ist ein anerkannter Neurologe. Er arbeitet als stellvertretender Leiter der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie, leitet einen Studiengang und ist Multiple-Sklerose-Beauftragter der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie. Kurzum: ein Experte auf seinem Gebiet. Das bringt mit sich, dass er Vorträge für seine Fachkollegen hält. Berger führt die Liste jener Ärzte an, die Zahlungen der Pharmabranche erhalten und einer namentlichen Nennung zugestimmt haben. Im Jahr 2015 hat der Neurologe etwas mehr als 70.000 Euro erhalten. Der größte Teil kommt von Biogen, einem führenden Unternehmen für die Behandlung von multipler Sklerose.

Interessenkonflikt befürchtet

"Ein Drittel dieser Summe kommt bei mir an. Der Rest geht an Mitarbeiter meiner Arbeitsgruppe und Studienteilnehmer", sagt der Neurologe. Sieht er selbst Interessenkonflikte? "Nein. Ich kann von mir behaupten, dass ich meine Entscheidungen losgelöst von allen Einflüssen treffen kann. Meine Stelle an der Universität macht mich unabhängig. Für andere kann ich das nicht beurteilen." Kritiker meinen, dass von der Pharmaindustrie bezahlte Experten die Art und Weise, wie ein Krankheitsbild gesehen wird, maßgeblich beeinflussen. Dies schlage sich in den Leit- und Richtlinien dafür nieder, wie eine Krankheit diagnostiziert und therapiert wird.

Am Beispiel multipler Sklerose würde das heißen, dass die Kriterien für eine Diagnose "weicher" würden. "So können Patienten mit der Autoimmunkrankheit diagnostiziert werden, die diese Diagnose vor zehn Jahren noch nicht erhalten hätten", sagt Fahmy Aboulenein. Er ist selbst Neurologe und beschreibt in seinem Buch "Die Pharma-Falle", wie Pharmafirmen die Grauzonen des Gesundheitssystems ausnutzen. Er schätzt die Einnahmen aus Präparaten für Pharmaunternehmen für jeden neuen MS-Patienten auf bis zu 5.000 Euro pro Monat.

Nur einer von fünf Euros zurückzuverfolgen

Ob Berger tatsächlich Spitzenempfänger von Pharmazahlungen ist, bleibt unbekannt. Nur wer der Veröffentlichung seines Namens zugestimmt hat, wird bei der Offenlegung der Zahlungen der Pharmabranche nicht anonymisiert. Die wenigsten seiner Kollegen haben es dem Neurologen gleichgetan. Nur bei 18 Prozent des Gesamtbetrages der Zahlungen an Ärzte und weitere Angehörige der Fachkreise ist der Empfänger bekannt. Das österreichische Datenschutzrecht sieht vor, dass die individuelle Offenlegung nur mit der Zustimmung des Empfängers passieren darf. Theoretisch könnte ein Pharmaunternehmen die Zustimmung auch einfordern und bei Verweigerung keine Zahlung durchführen. Die Offenlegungsrate der Zahlungen ist in Österreich niedriger als in Deutschland.

"Für die Branche ist das ein Kulturwandel. In den nächsten Jahren wird die Quote steigen." So kommentiert Jan Oliver Huber die Ergebnisse. Er ist Generalsekretär der Pharmig, des Interessenverbands der pharmazeutischen Unternehmen. Skeptischer ist Franz Piribauer. Der Leiter der Arbeitsgruppe Gesundheit bei Transparency International Österreich glaubt: "Der aktuelle Verhaltenskodex bestraft die Mutigen und hält die anderen im Dunkeln. Ohne eine gesetzliche Pflicht wird sich daran auf Jahre nur langsam etwas ändern."

Einer der Ärzte, die sich gegen eine Offenlegung ausgesprochen haben, ist der Wiener Krebsspezialist Christoph Zielinski, Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin am AKH Wien. Um eine Stellungnahme gebeten, schreibt er, dass er seine Verbindungen ohnehin regelmäßig offenlege. Eine konkrete Summe bleibt er allerdings schuldig. Ebenfalls nicht offengelegt hat der anerkannte Brustkrebsspezialist Michael Gnant. Gegenüber einer Offenlegungspflicht für den einzelnen Arzt zeigt er sich skeptisch:

"Es gibt auch eine gewisse Neidgesellschaft, und ich denke, dass wir insgesamt im Umgang mit persönlichem Einkommen nicht eine Transparenz haben wie zum Beispiel in den skandinavischen Ländern oder in den Niederlanden. Und daher muss man hier mit Behutsamkeit die Argumente für und wider abwägen."

Die Argumente für eine Offenlegung haben bei Robert Pirker überwogen. Er folgt im Ranking der transparenten Topverdiener auf Thomas Berger. Der Lungenkrebsspezialist hat 63.000 Euro erhalten und sagt, dass das Geld "großteils für Weiterbildungsveranstaltungen für Kollegen und medizinischen Nachwuchs" verwendet werde. Ein Interview möchte er nicht geben. Drittgereihter ist Bernd Lamprecht mit 48.000 Euro. Der Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde des Linzer Universitätsklinikums war zu keiner Stellungnahme bereit.

Größter Posten intransparent

Am intransparentesten sind die Zahlungen dort, wo das meiste Geld überwiesen wurde: bei Forschungsprojekten und Anwendungsbeobachtungen. Mediziner beobachten bei Letzteren, wie gut Patienten ein bestimmtes Medikament vertragen und erhalten im Gegenzug Geld von Pharmakonzernen. Wissenschaftlich sind diese Studien umstritten. Manche halten sie für Scheinstudien, manche für sinnvoll, um Nebenwirkungen eines Medikaments zu eruieren. Für Pharmaunternehmen ist der Posten zu Forschung und Entwicklung insgesamt der größte.

Brustkrebsforschung von Pfizer

Ein Sonderfall ist Pfizer. Das Unternehmen hat im Jahr 2016 insgesamt die meisten Zahlungen an Ärzte und Spitäler geleistet. Pfizer hat eine klinische Studie für ein Brustkrebspräparat in Auftrag gegeben, die in 24 Staaten unter Federführung der österreichischen Krebsforschungsgruppe ABCSG durchgeführt wird. Die sogenannte Pallas-Studie ist auf 15 Jahre ausgelegt und wird an 4.000 Patienten durchgeführt. Zahlungen für Forschung werden grundsätzlich nur anonym veröffentlicht.

55 Millionen Euro für Forschung & Entwicklung

Insgesamt haben Pharmig-Mitglieder 55 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung an Ärzte oder Spitäler gezahlt. Der genaue Anteil von Anwendungsbeobachtungen im Vergleich zu den Ausgaben für Forschung insgesamt ist unklar. Eine vollständige Transparenz lehnen Pharmaunternehmen ab, weil dadurch Geschäftsinteressen gefährdet sein könnten. Anders als für die Zahlungen für Vorträge, Beratungen, Kongressbesuche und Nächtigungskosten werden diese Daten nur in aggregierter Form veröffentlicht.

"Keine Zahlung, keine Gewissenskonflikte"

Für den Neurologen Thomas Berger steht fest, dass er seine Einkünfte weiterhin vollständig veröffentlichen wird: "Ich habe nichts zu verbergen." Das geht Kritikern wie Fahmy Aboulenein nicht weit genug: "Wer überhaupt nichts annimmt, braucht sich über das Nichts-zu-Verbergen-Haben auch keine Gedanken machen." (Gerald Gartner, Markus Hametner, 30.11.2016)


Hat Ihr Arzt Zahlungen der Pharmaindustrie erhalten? In dieser Datenbank finden Sie die Namen von über 3.500 Ärzten und weiteren Angehörigen der Fachkreise sowie Spitäler:

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Über das Projekt: Euros für Ärzte.
Ende Juni haben die Mitglieder des Verbandes pharmazeutischer Unternehmen erstmals ihre Zahlungen an Ärzte und weitere Angehörige der Fachkreise sowie Krankenhäuser veröffentlicht. Ein gemeinsamer Verhaltenskodex regelt die Art der Publikation. Dieses Regelwerk hat Lücken. Es sieht keine patientenfreundliche Auflistung der Geldflüsse vor. Wer wissen möchte, ob sein Arzt womöglich einen Interessenkonflikt hat, müsste die Websites der 115 Unternehmen einzeln nach dem jeweiligen Namen durchforsten. Erschwerend kommt hinzu, dass der jeweilige Ort der Veröffentlichung nicht einheitlich geregelt ist, die Daten fehlerbehaftet sind und viele Dokumente nicht computerlesbar sind. Deshalb mussten viele Veröffentlichungen händisch abgetippt werden. Diese Recherche ist eine Zusammenarbeit des STANDARD, ORF und der deutsche Rechercheplattform Correctiv. Das Ergebnis: eine Datenbank, in der Sie nach Ihren behandelnden Ärzten und Spitälern suchen können.

Mitarbeit: Nora Laufer (STANDARD), Elke Ziegler, Bernt Koschuh, Jakob Weichenberger (alle ORF), Markus Grill, Stefan Wehrmeyer (beide Correctiv).

derstandard.at
Worum es bei "Euros für Ärzte" geht: Gerald Gartner und Markus Hametner erklären im Gespräch mit Petra Stuiber das Rechercheprojekt.

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