Warum uns Interessenkonflikte der Ärzte kümmern sollten

30. November 2016, 11:31
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Die Auswirkungen der Zahlungen der Pharmaindustrie an Ärzte sind umstritten, wurden aber mehrfach in Studien nachgewiesen

Frage: Welchen Einfluss können Zahlungen der Pharmabranche auf Ärzte haben?

Antwort: Theoretisch könnte sich jeder Interessenkonflikt auf die Arbeit eines Mediziners auswirken – auch unbewusst. Sicher ist es nicht, aber die Gefahr einer Einflussnahme ist zumindest gegeben. Mehrere Untersuchungen haben nachgewiesen, dass Zahlungen beispielsweise Auswirkungen auf Entscheidungen bei der Verschreibung von Medikamenten haben können.

Frage: Welche Auswirkungen sind in der Praxis zu sehen?

Antwort: Ärzte, die mehr Pharmareferenten empfangen, verschreiben mehr Medikamente. Das ergab eine Untersuchung der Uni-Klinik Mainz im Jahr 2014. Außerdem sei es zu beobachten, dass Ärzte, die von Pharmafirmen gesponsorte Fortbildungsveranstaltungen besuchen, im Durchschnitt höherpreisige Präparate verordnen.

Frage: Wie schätzen die Mediziner die Situation selbst ein?

Antwort: Es gibt keine wissenschaftlichen Untersuchungen dazu, inwieweit Zahlungen der Pharmabranche die Arbeit österreichischer Ärzte beeinflussen. In den USA hat eine Studie nach den Auswirkungen einer Empfehlung des Pharmareferenten für ein bestimmtes Medikament gefragt. Dabei haben 61 Prozent angegeben, dass sie sich "gar nicht" beeinflussen lassen würden. Bei der Frage, ob sich ihre Kollegen davon beeinflussen lassen würden, ist das Verhältnis umgekehrt. 84 Prozent der befragten Mediziner glauben, dass sich die anderen "gelegentlich bis häufig" beeinflussen lassen würden.

Frage: Wie lautet die Regelung dazu in anderen Ländern?

Antwort: In den Vereinigten Staaten schreibt der Physician Payments Sunshine Act vor, dass sämtliche Zahlungen an Ärzte einer Behörde zu melden sind. Die Offenlegung umfasst die Namen der Mediziner sowie Grund und Höhe der Zahlungen. Die Informationen sind in einer öffentlich zugänglichen Datenbank gesammelt aufbereitet.

Frage: Ist eine ähnliche gesetzliche Verpflichtung in Österreich in Sicht?

Antwort: Nein. Im Gesundheitsministerium sieht man keinen Bedarf, die Rechtslage zu ändern.

Frage: Wer aller hat offengelegt? Welche Arten von Zahlungen sind enthalten?

Antwort: Offengelegt wurden Zahlungen an Angehörige der Fachkreise: Ärzte und Apotheker, Zahnärzte, Dentisten, Hebammen, Angehörige des Krankenpflegepersonals, der medizinisch-technischen Dienste und Sanitätsdienste sowie sonstiger Sanitätseinrichtungen. Sie haben Geld für Fortbildungen, Vorträge und Beratungen sowie Dienstleistungen erhalten. Inkludiert sind auch Tagungs- und Teilnahmegebühren bei Kongressen sowie Reise- und Nächtigungskosten. Medizinische Institutionen wie Spitäler haben zudem Geld für Sponsoring, Spenden und Stiftungen bekommen. (gart, 30.11.2016)

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Über das Projekt: Euros für Ärzte
Ende Juni haben die Mitglieder des Verbandes pharmazeutischer Unternehmen erstmals ihre Zahlungen an Ärzte und weitere Angehörige der Fachkreise sowie Krankenhäuser veröffentlicht. Ein gemeinsamer Verhaltenskodex regelt die Art der Publikation. Dieses Regelwerk hat Lücken. Es sieht keine patientenfreundliche Auflistung der Geldflüsse vor. Wer wissen möchte, ob sein Arzt womöglich einen Interessenkonflikt hat, müsste die Websites der 115 Unternehmen einzeln nach dem jeweiligen Namen durchforsten. Erschwerend kommt hinzu, dass der jeweilige Ort der Veröffentlichung nicht einheitlich geregelt ist, die Daten fehlerbehaftet sind und viele Dokumente nicht computerlesbar sind. Deshalb mussten viele Veröffentlichungen händisch abgetippt werden. Diese Recherche ist eine Zusammenarbeit des STANDARD, ORF und der deutsche Rechercheplattform Correctiv. Das Ergebnis: eine Datenbank, in der Sie nach Ihren behandelnden Ärzten und Spitälern suchen können.

Mitarbeit: Nora Laufer (STANDARD), Elke Ziegler, Bernt Koschuh, Jakob Weichenberger (alle ORF), Markus Grill, Stefan Wehrmeyer (beide Correctiv).

Fragen & Hinweise: Die veröffentlichten Daten sind mit größter Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Fehler, wie etwa Ziffernstürze, können wir nicht mit vollständiger Sicherheit ausschließen. Falls Sie Ungereimtheiten sehen, werden wir einen Hinweis einer Einzelfallprüfung unterziehen. Melden Sie sich in diesem Fall bitte via eurosfueraerzte@derstandard.at

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