Herder schlägt mit Thalia ein neues Kapitel auf

29. November 2016, 17:47
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Der religiös geprägte Verleger Manuel Herder kauft die Buchhandelskette. Die Branche hat den Digitalisierungsschock überwunden, glaubt er

Wien – Manuel Herder hat mit erotischer Literatur kein Problem. Da, gleich um die Ecke werde der geneigte Kunde fündig, erläutert er. Sie werde auch künftig nicht aus den Regalen verbannt und durch religiöse Bücher ersetzt. Man wisse da ganz klar zu differenzieren.

Herder ist Verleger in der sechsten Generation. Unter die Autoren des deutschen Traditionsbetriebs reiht sich der Papst ebenso wie der Dalai Lama. Die Bibel, der Koran und die jüdische Thora sind Spezialgebiet seiner Familie, die neben theologischen Bestsellern mit Titeln rund um Psychologie und Erziehung groß wurde.

Seit Sommer ist Herder mit Partnern Mehrheitseigentümer der Buchhandelskette Thalia mit ihren 280 Filialen und mehr als 960 Millionen Euro Umsatz. "Das hat viele überrascht", sagt er und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Mit Thalia-Chef Michael Busch und Digitalunternehmer Leif Göritz teilt sich sein – in Relation – kleines Verlagshaus 65 Prozent des Konzerns. Die übrigen Anteile hält Familie Kreke, die Thalia einst mitbegründet hat.

Aufstieg zum Platzhirsch

20 Jahre ist es her, dass Herders Vater seine eigenen Geschäfte an Thalia abgeben musste. Nun jedoch avanciert seine Familie in Deutschland, der Schweiz und Österreich zum Platzhirschen des Buchhandels. Warum sie für diesen die Seite wechselt? In der Verlagslandschaft würden die Karten neu gemischt, alles sei im Umbruch, erläutert Herder, "Wir können von Thalia lernen, wie Händler ticken."

Warum auf einen stagnierenden Markt vertrauen, der vom US-Riesen Amazon diktiert wird, in dem die Verkaufsflächen stetig zurückgehen und die Zahl der Händler sinkt? Vor zehn Jahren sei die Zukunft des Buchhandels noch sehr ungewiss gewesen, sagt Manuel Herder im Rahmen eines Filialbesuches in Wien. "Der Buchhandel war die erste Branche, die die Folgen der Digitalisierung mit voller Wucht abbekommen hat. Er nahm die Herausforderung an. Und heute ist der Digitalisierungsschock längstens überwunden."

Thalia hat in Deutschland harte Jahre der Sanierung hinter sich. Nach überhitzter Expansion, die vielen kleinen Buchhändlern den Garaus machte, stieg der Konzern auf die Bremse. Standorte wurden geschlossen und verkleinert. Heute stehe Thalia besser da als je zuvor, versichert Herder.

Mehr Umsatz

Bilanzzahlen nennt Thalia traditionell keine. Nur so viel: Der Umsatz sei heuer um drei Prozent gestiegen. Stationär sei der Konzern in allen drei Ländern auf vergleichbarer Fläche um ein Prozent gewachsen, im Onlinehandel um elf Prozent. Bei E-Books verbuche man ein Plus von 15 Prozent. Es ist ein Geschäft, das von Amazon dominiert wird, aber in kleinerem Rahmen blieb als prognostiziert. Mit dem Graumarkt rund um illegale Downloads beschäftigt sich Thalia nach eigener Angabe nicht.

In Österreich führt Thalia mit 850 Mitarbeitern 35 Filialen – zu großen Einschnitten kam es hierzulande anders als in Deutschland nicht. 40 Prozent des Umsatzes in Österreich werden mit buchfremden Sortimenten erzielt. Der Konzern deckt ein Drittel des Buchhandels ab. Um vier Prozent sei dieser heuer von Jänner bis Oktober in stationären Geschäften gesunken, rechnet Thalia vor – während der Onlineverkauf zugleich um knapp sieben Prozent anzog.

"Eine Brüskierung"

Wirklich gut zu sprechen ist die österreichische Buchbranche auf das Unternehmen aber auch nach dem Eigentümerwechsel nicht. Für neue Irritationen sorgte jüngst ein Brief, der an ihre Handelsvertreter erging und dem STANDARD vorliegt. Diese besuchen Filialen in der Regel zweimal jährlich, um Neuerscheinungen vorzustellen. Thalia verbittet sich das künftig, wie aus dem Schreiben hervorgeht.

Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autoren, spricht von einer Brüskierung. Das Signal, das der Konzern aus seiner Sicht aussendet: "Er macht sich seinen Markt künftig lieber selber." Dass Thalia ein Bollwerk darstelle, um weitere Absatzabflüsse weg von stationären Buchgeschäften an Internethändler zu verhindern, bezweifelt er. Vielmehr sei der Konzern "viel zu anfällig dafür, Amazon zu imitieren". (Verena Kainrath, 29.11.2016)

  • Der Buchhandel stagniert, die stationäre Verkaufsfläche sinkt, die Händler werden weniger.
    foto: apa

    Der Buchhandel stagniert, die stationäre Verkaufsfläche sinkt, die Händler werden weniger.

  • Manuel Herder: "Wir lernen, wie Händler ticken."
    foto: daniel hinterramskogler

    Manuel Herder: "Wir lernen, wie Händler ticken."

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