Peru: In den Anden dem Göttlichen näher kommen

7. Dezember 2016, 16:02
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In den unwegsamen Hochgebirgszonen der peruanischen Anden spürt man die Allmacht der Natur. Kein Wunder, dass die Bergriesen für die indigene Bevölkerung eine große spirituelle Bedeutung haben – das Koka-Kauen gehört dazu

Das Urubamba-Tal in den peruanischen Hochanden: Cusco und Machu Picchu, die touristischen Highlights aller Peru-Reisen, sind nur wenige Autostunden weit weg und wirken doch Lichtjahre entfernt. Oberhalb der Schotterpiste beginnt die Welt der eisigen Fünf- und Sechstausender – Bergriesen, die den Himmel zu berühren scheinen. Dort wollen wir hinauf.

Auf dem Weg nach oben bläst uns ein scharfer Wind entgegen. Rechts und links erheben sich Felshänge wie die Seiten einer Wanne. Eine kahle Bergwelt, nur mit kleinen, weiß blühenden Huaraco-Kakteen übersät. Lamas und Alpakas mit dickem Fell weiden zwischen den Felsen.

Alter Ritus

Ein paar Hundert Meter hinter uns, auf dem Grund des Hochtals, liegt die Siedlung Chillca: zwei Dutzend Häuser aus Lehmziegeln und Strohdächern, ein bisschen windschief alles. Kleine, eingezäunte Erdapfeläcker, Hunde, die bellen, ein paar Kinder spielen, rufen herüber. Wir sind früh am Morgen aufgebrochen. Einige Männer mit ihren Lamas begleiten uns.

Vorher stimmen die Frauen des Dorfes ein traditionelles Lied an. Noch immer ist der monotone Gesang des Coca Quintu in vielen Andendörfern zu hören. Ein alter Ritus, der die Tradition des Koka-Kauens mit der religiösen Verehrung der Natur verbindet: "Du nimmst dir drei hübsche Blätter aus deinem Koka-Beutel und hältst sie wie ein Kleeblatt zusammen. Das nennt sich Quintu. Du bläst über die Blätter, zuerst für den wichtigsten Apu, den Ausangate." Apu bedeutet gottgleich, und der Ausangate mit seinen 6.380 Metern ist der mächtigste Berg weit und breit, "und dann fange ich an, die Kokablätter zu essen", erzählt unser Bergführer Diego Nishiyama. Dabei ist der drahtige, schwarzhaarige Endzwanziger aus Cusco weder den Drogen verfallen noch dem Geisterglauben.

Quellen reinen Wassers

Hier oben, in Höhen, in denen die Lungen doppelt so viel arbeiten müssen, um den nötigen Sauerstoff zum Überleben aus der Luft zu saugen, wird uns die eigene Schwäche bei jedem Schritt bewusst. Die Ehrfurcht vor der Allmacht der Natur kommt ganz von allein. Apu – gottgleich, heilig – ist hier alles, was Pachamama, Mutter Erde, geschaffen hat: alle Lebewesen, Pflanzen, Tiere, vor allem aber den Ausangate. Mit seinen 6.380 Metern scheint er den Himmel zu berühren. "Die Berge haben für uns eine große spirituelle Bedeutung, vor allem die Gletscher, da sie die Quelle reinen Wassers sind. Ohne Wasser haben wir nichts, keine Pflanzen, keine Tiere, kein Leben." Hinzu komme, dass die Kokablätter eine große spirituelle Bedeutung für die Bevölkerung hätten, erklärt der Bergführer.

Kokablätter vertrieben mit ihrem hohen Anteil an Kalzium, Eisen und Koffein nicht nur Hunger und Müdigkeit in den Höhen der Anden, sie seien auch Teil eines heiligen, uralten Herrschaftsritus: "Während der Inka-Zeit gab es nur eines, was die Herrscher und das Volk gemeinsam hatten: das Koka-Kauen. Nur dabei durfte sich auch der einfache Indio seinen gottgleichen Söhnen der Sonne nahe fühlen". Dieses Ritual ist bis heute erhalten geblieben. Daran glauben die Menschen in den peruanischen Anden noch immer.

Psychosoziale Bedeutung

Wer dem Himmel so nahe kommt, für den verschieben sich die Perspektiven. Nicht mehr der Mensch ist Herr seiner Umwelt, die Natur bestimmt hier im Andenhochland das Leben. Das schaffe Respekt, erklärt Diego und spuckt ausgekaute Kokablätter nicht einfach aus. Er gibt sie der Pachamama zurück und legt sie nach Gebrauch "respektvoll", wie er sagt, unter einen Stein.

Leider sei das Koka durch Drogenhandel und Kokain verteufelt worden, sagt Nishiyama. "Dabei muss man bedenken, dass zur Herstellung von Kokain etwa zwanzig verschiedene Chemikalien nötig sind. Und die sind das eigentlich Schädliche. Für uns hingegen hat Koka auch eine psychosoziale Bedeutung. Die Völker der Anden glauben, dass es dich mit dem Herzen sprechen und zuhören lässt."

Bitterer Geschmack

Rechtlich gesehen ist Koka, Synonym für die Blätter des Kokastrauchs, in Peru und anderen Ländern der Region keine Droge. Es darf an Andenhängen zwischen 800 und 2.000 Metern Meereshöhe angebaut werden. Die Blätter werden bis zu sechsmal im Jahr per Hand geerntet und der Tradition entsprechend verwendet: Gekaut und als Beigabe im Tee entfalten die Blätter ihren typischen bitteren Geschmack. Koka wird in der Kultur der Andenvölker auch als Medizin verwendet. Seine Wirkung kann dämpfend bis schmerzstillend sein. Allerdings wird der Koka-Anbau staatlich überwacht, um die Herstellung von Kokain zu unterbinden.

Auch Orlando García Quispe, Dorfvorsteher in Chillca, dankt zuerst dem Berg vor seiner Haustür dafür, dass es seinen Menschen hier heute besser gehe als noch vor wenigen Jahren. Damals, so erinnert er sich, waren die Bewohner der Siedlung verzweifelt. Die Erdäpfelernten wurden immer kleiner, ihre Fleischlieferanten, die Alpakas, magerer. Alkoholismus breitete sich wie eine Krankheit aus.

Wohlstand und Gesundheit

Aber das sei vorbei, seit die Touristen aus fernen Ländern kommen. Früher zogen sie an Chillca vorbei, übernachteten in Zelten, winkten den Bewohnern zwar freundlich zu, gaben aber kein Geld aus. Viele der Einwohner begannen zu trinken. "Aber dann bauten wir die vier Berghütten mithilfe des Staates. Seitdem wohnen die Wanderer hier, und die Stimmung bei uns ist viel besser", erklärt der Dorfvorsteher. Der Alkoholmissbrauch sei fast völlig verschwunden, ein neues Schulhaus wurde gebaut.

Der Optimismus ist zu spüren, auch in den traditionellen Gesängen, die die Frauen aus Chillca zur Harfe anstimmen. In den gleichförmigen Melodien wird der Alltag hier oben im Schutz der mächtigen Andenriesen besungen.

Jedes Jahr am Himmelfahrtstag pilgern zehntausend Bewohner aus der dünn besiedelten Region ins Sinakara-Tal, um bei einer Kapelle am Fuß des Ausangate das Qoyllurit'i, das "Schneestern-Fest", zu begehen. Obwohl die Pilgertour eine christliche Zeremonie ist, findet man viele indigene Elemente: Die Anbetung der Berggötter ist hier genauso gegenwärtig wie der katholische Jesusglaube; traditionelles und christliches Brauchtum vermischen sich. Vom Berg, dem Apu, und seinen eisigen Gefährten erbitten die Pilger eine gute Erdäpfelernte, dass er Unglück von der indigenen Bevölkerung fernhalte und für Wohlstand und Gesundheit sorge.

Weiße Pyramide

Auf 4.814 Metern über dem Meer liegt Machuraccay Tambo, die höchste Lodge der Erde. Noch einmal eine Rast. Und noch einmal spricht der Chef der Lamatreiber seine Gebete für einen guten, unfallfreien Aufstieg. Er opfert Dinge des Alltags in einem irdenen Gefäß, wie Diego Nishiyama erklärt: "Da hinein geben wir alle möglichen Dinge: Essen, Reis, Makkaroni, Bohnen, Süßigkeiten, Beispiele dafür, was uns Mutter Erde gibt und was wir ihr jetzt zurückgeben."

Dann wird der Inhalt des Paco angezündet und verbrennt mit dünner Rauchfahne. Die Lamatreiber in ihren bunten Trachten und perlenbestickten Mützen stechen farbige Bänder durch die Ohren der beiden Leitlamas. Über uns thront erhaben und unbeweglich wie eine weiße Pyramide der Ausangate. Wieder ist der Morgen kalt und klar. Dann setzt sich der Treck in Bewegung. Wir steigen weiter bergauf. Den Apu Ausangate stets im Blick, nähern wir uns in dem Göttlichen in Zeitlupe, Schritt für Schritt, Meter für Meter – und kommen ihm, dem Entrückten, doch kaum näher.

Auf 5.160 Metern haben wir den höchsten Pass erklommen. Als wir ihn mittags erreichen, erschöpft, aber glücklich, stimmt unser Bergführer aus Chillca seine Rohrflöte an. Getragen wie ein Kirchenlied schweben die Töne über die Anden. Willkommen an der Grenze zwischen Himmel und Erde. (Michael Marek, Sven Weniger, RONDO, 7.12.2016)

Anreise & Unterkunft

karte: der standard

Anreise: Mit Air France zum Beispiel kommt man mit einem Zwischenstopp nach Lima und von dort weiter mit Latam nach Cusco.

Unterkunft: Zum Beispiel in den Andean Lodges, die sich als Ausgangspunkt für Wanderungen in den peruanischen Anden anbieten.

  • Hier oben, wo die Lungen doppelt so viel arbeiten müssen, um den Körper mit Sauerstoff zu versorgen, wird einem schnell die eigene Schwäche bewusst.
    foto: michael marek

    Hier oben, wo die Lungen doppelt so viel arbeiten müssen, um den Körper mit Sauerstoff zu versorgen, wird einem schnell die eigene Schwäche bewusst.

  • Als wäre ein Regenbogen auf die Erde gefallen: Verantwortlich für die Farbenpracht ist die geologische Zusammensetzung des Gesteins, dessen Mineralien das Licht der Sonne reflektieren.
    foto: michael marek

    Als wäre ein Regenbogen auf die Erde gefallen: Verantwortlich für die Farbenpracht ist die geologische Zusammensetzung des Gesteins, dessen Mineralien das Licht der Sonne reflektieren.

  • Die Lamatreiber stechen den Leittieren bunte Bänder durch die Ohren. Über ihnen thront der Bergriese.
    foto: michael marek

    Die Lamatreiber stechen den Leittieren bunte Bänder durch die Ohren. Über ihnen thront der Bergriese.

  • Ein Lama vor dem Ausangate
    foto: getty images/istockphoto/misoknitl

    Ein Lama vor dem Ausangate

  • Mit seinen 6.380 Metern scheint der Ausangate den Himmel zu berühren.
    foto: getty images/istockphoto/misoknitl

    Mit seinen 6.380 Metern scheint der Ausangate den Himmel zu berühren.

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