Russland: Syrische Armee hat Hälfte Ostaleppos erobert

30. November 2016, 14:56
1009 Postings

Fall des von Rebellen und Extremisten kontrollierten Stadtteils könnte zu einem Wendepunkt im Syrien-Krieg werden

Moskau – Im Ostteil der syrischen Großstadt Aleppo zeichnet sich eine Entscheidungsschlacht ab. Nach russischen Angaben hat die syrische Armee fast die Hälfte des über Jahre von Rebellen und Extremisten beherrschten Gebiets zurückerobert. Mehr als 80.000 Zivilisten, die in den vergangenen Jahren von den Extremisten als menschliche Schutzschilde benutzt worden seien, hätten nun Zugang zu Lebensmitteln, Wasser und medizinischer Versorgung, die von Russland bereitgestellt würden, erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau.

Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier forderte im Gespräch mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow eine sofortige humanitäre Feuerpause. Die Kämpfe hielten nach Angaben der Rebellen auch am Dienstag unvermindert an. Mindestens zehn Menschen seien bei Luftangriffen getötet worden, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. In der Nacht zuvor seien es 18 gewesen.

Zivilisten fliehen vor Kämpfen

Für die Zivilbevölkerung bedeutet die Schlacht immenses Leid. Wo es möglich ist, versuchen die Menschen, den Kämpfen zu entfliehen. Nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz sind allein in den vergangenen 48 Stunden rund 20.000 Menschen aus Aleppo geflüchtet, einige in von Kurden kontrollierte Viertel, der Großteil allerdings in jene Gegenden, die sich unter der Kontrolle der syrischen Regierung befinden.

Im Westen wurden Sorgen laut, dass die syrische Offensive zu großen Verlusten unter der Zivilbevölkerung führen könnte. Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums nannte solche Einschätzungen "alarmistisch". Er sei schockiert über die Blindheit des Westens bei der Bewertung der realen Situation im Kampfgebiet.

Steinmeier warnt

Deutschlands Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier warnte die Regierungen Syriens und Russlands vor der Annahme, mit der Einnahme Aleppos einen entscheidenden Sieg zu erringen. "Dieser Konflikt wird nicht zu Ende gehen – unabhängig davon was gegenwärtig in Ost-Aleppo militärisch passiert", erklärte er. Er verwies darauf, dass viele regionale Akteure "in diesen Konflikt investiert" hätten, weshalb nicht mit einer Aufgabe dieser Gruppen zu rechnen sie.

In dem 2011 ausgebrochenen Bürgerkrieg verfolgen die Türkei, der Iran, Saudi-Arabien, die USA und Westeuropa sowie Russland unterschiedliche Interessen und unterstützen verschiedene Gruppen.

Nach einem Treffen Steinmeiers mit Lawrow im weißrussischen Minsk verlautete aus Delegationsreisen, es habe eine deutliche Aufforderung an die russische Seite gegeben, humanitären Zugang nach Aleppo zuzulassen. Den Flüchtenden müsse geholfen werden, wo nötig auch mit klaren Ansagen an Syriens Machthaber Bashar al-Assad. Es habe zudem Einigkeit bestanden, dass auch die militärische Lage in Aleppo kein Grund sei, vom Weg zu einer politischen Lösung abzurücken. Die Konfliktparteien müssten an den Genfer Verhandlungstisch zurückzukehren und Gespräche über eine Übergangsregierung wiederaufnehmen.

Frankreich fordert Dringlichkeitssitzung

Frankreichs Außenminister Jean-Marc Ayrault forderte eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates. "Mehr als jemals zuvor müssen wir dringend Maßnahmen ergreifen, um die Feindseligkeiten zu beenden und humanitäre Hilfe ungehindert durchzulassen", erklärte Ayrault.

Die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" hält 45 Tonnen Medikamente und medizinisches Material bereit. Die Hilfsgüter könnten mit einem Konvoi innerhalb von 24 Stunden nach Ost-Aleppo gebracht werden, teilte die Organisation mit. Doch trotz anhaltender Bemühungen um die Erlaubnis für einen Transport sei es bislang nicht möglich, Zugang in den Osten Aleppos zu bekommen, wo es "praktisch keine Gesundheitsversorgung mehr" gebe. Höchstens 32 Ärzte seien noch vor Ort. Viele Krankenwagen seien beschädigt und die Straßen wegen des Schutts zerbombter Gebäude unpassierbar. (APA, dpa, 30.11.2016)

  • Von Aufständischen zurückgelassenen improvisiertes Artilleriegeschütz.
    foto: reuters/sana

    Von Aufständischen zurückgelassenen improvisiertes Artilleriegeschütz.

  • Zivilisten besteigen im Stadtteil Jabal Badro (Ostaleppo) von der Regierung bereitgestellte Busse.
    foto: apa/afp/george ourfalian

    Zivilisten besteigen im Stadtteil Jabal Badro (Ostaleppo) von der Regierung bereitgestellte Busse.

Share if you care.