Lustloser Carlsen verlässt sich auf Tiebreak

Analyse mit Video28. November 2016, 21:06
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Ein unerwartetes Kurzremis zwischen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin vertagt die Vergabe des Weltmeistertitels in New York auf Mittwoch – Finale mit verkürzter Bedenkzeit

New York – Magnus Carlsen versteht es immer wieder zu überraschen. An diesem Montag zum Beispiel das zahlende Publikum im Manhattener Fulton Market Building, das praktisch sofort wieder nach Hause gehen kann, nachdem es die 75 US-Dollar Eintritt pro Nase für die vermeintlich entscheidende, zwölfte Wettkampfpartie bezahlt hat.

Arbeitsverweigerung

Denn wie Carlsen in der anschließenden Pressekonferenz erklärt, hat er schon vor der Partie beschlossen, dass dieser Tag für ihn – obwohl mit den weißen Steinen spielend – nicht der richtige Zeitpunkt sei, auf eine Entscheidung zu drängen. Stattdessen spult der Weltmeister eine staubtrockene, symmetrische Remisvariante herunter, die nach nur dreißig Zügen und einer knappen halben Stunde Spielzeit in einem absolut ausgeglichenen Läuferendspiel endet.

Carlsens Gegenüber, Sergej Karjakin, dürfte von der heutigen Arbeitsverweigerung Carlsens ähnlich überrascht sein wie die Zuschauer. Einzuwenden hat er gegen das Remis mit den schwarzen Steinen freilich nichts. Tatsächlich baut Karjakin in dieser zwölften Partie ein weiteres Mal eine sogenannte Berliner Mauer auf. Der Russe dürfte allerdings mit sehr viel hartnäckigeren Versuchen von Seiten Carlsens gerechnet haben, diese einzureißen.

In Partie drei hatte der Weltmeister seinen Kontrahenten in derselben Variante noch mit einem betont langsamen Turmmanöver überrascht und seine Gewinnbemühungen erst nach knapp sieben Stunden Spielzeit eingestellt. An diesem Montag hat Carlsen hingegen überhaupt keine Lust auf eine lange Partie. Entlang der geöffneten e-Linie holzt er eigenhändig alles nieder, was man für ein Spiel auf Gewinn bräuchte.

Taktik der Stärke?

Schon nach zwanzig Zügen steht der Remisschluss außer Frage, die Kontrahenten schleppen die Partie nur deshalb über die Dreißig-Züge-Grenze, weil das Reglement ihnen frühere Remisschlüsse – ausgenommen durch dreimalige Stellungswiederholung – bei Strafe verbietet.

Da die Partie selbst kaum die Betrachtung lohnt, verlagert sich das Interesse in der anschließenden Pressekonferenz auf die Frage nach Carlsens Motivation für sein friedfertiges Verhalten. Ist der Weltmeister so erschöpft, so ausgelaugt, dass er Angst hatte, Karjakin wie in Partie acht noch einmal in einen Konter zu laufen? Oder ist der Norweger umgekehrt so überzeugt von seiner Überlegenheit in den nun bevorstehenden Schnellschachpartien, dass er seine Gewinnchancen in einem Tiebreak höher bewertet als in seiner letzten Weißpartie?

Carlsen selbst bevorzugt offenbar letztere Interpretation. Von einem Journalisten nach seiner Einschätzung für das bevorstehende schachliche Elferschießen befragt, antwortet der Weltmeister, dass nun aus seiner Sicht erst einmal die Verlängerung bevorstehe. Und dass das für Spieler wie Fans doch eine ausgesprochen spannende Sache sei.

Spannendes Tiebreak

In diesem letzten Punkt kann man Carlsen kaum widersprechen. Am kommenden Mittwoch sollen zunächst vier Schnellschachpartien mit je fünfundzwanzig Minuten Bedenkzeit über den Weltmeistertitel entscheiden. In der ersten Partie führt Carlsen die schwarzen Steine, die Farben werden nach jeder Partie gewechselt.

Steht es danach immer noch unentschieden, werden bis zu fünf Minimatches mit je zwei Fünf-Minuten-Partien mit Farbwechsel gespielt. Enden auch diese sämtlichst ausgeglichen, folgt der "Sudden Death": In diesem Fall würde eine allerletzte Blitzpartie gespielt, bei der Weiß über eine Minute mehr Bedenkzeit verfügt, Schwarz aber dafür ein Remis genügt, um den WM-Titel zu erobern beziehungsweise zu verteidigen.

Elferschießen

Spätestens nach den vier Schnellpartien wäre der Terminus Elferschießen durchaus angebracht. Carlsen scheint allerdings recht sicher zu sein, dass er das Match noch vor der Blitz-Phase siegreich beenden kann. Ob sich die Gambling-Attitüde des Weltmeisters auszahlt, wird sich am Mittwoch weisen. Einstweilen steht fest, dass Carlsens Taktieren ihm an diesem Tag keine neuen Fans eingebracht hat, eher schon ist das Gegenteil der Fall.

Denn auch wenn niemand halsbrecherisches Risiko vom Weltmeister erwartet hatte: Die gesamte Schachwelt rechnete für die zwölfte Partie mit einem entschiedenen Gewinnversuch des Mannes, der bis zu diesem Match dafür berüchtigt war, selbst mit den schwarzen Steinen nur selten ohne Kampf in ein Remis einzuwilligen.

Sympathien

Dieser Nimbus ist vorübergehend dahin, Herausforderer Sergej Karjakin dürfte vor dem Tiebreak einige weitere Anhänger gewonnen haben. Über die gesamte Dauer des Matches hatte der Russe mit seiner freundlichen, humorvollen Art die Sympathien des Publikums zunehmend auf seiner Seite. Carlsen wirkte vergleichsweise lustlos und präsentierte sich nach Partie acht sogar als schlechter Verlierer, als er nach seiner Niederlage wortlos verschwand.

Und auch Veranstalter Agon möchte sich beim Publikum vor dem Showdown am Mittwoch nicht unbeliebt machen. Ilya Merenzon, Chef der Ausrichterfirma, kündigte nach der kurzen zwölften Partie an, dass alle gekauften Tickets ihre Gültigkeit für das kommende Tiebreak behalten.

Auch wenn er heute keine Lust hatte: Die Zuschauer werden den Weltmeister am Mittwoch doch noch um seinen Titel kämpfen sehen.

Es steht 6:6. Am Mittwoch entscheidet ein Tiebreak über den WM-Titel. Sergej Karjakin führt in der ersten Tiebreak-Partie die weißen Steine. (Anatol Vitouch aus New York, 28.11.2016)

Notation der zwölften Partie:

Weiß: Magnus Carlsen (Norwegen)
Schwarz: Sergej Karjakin (Russland)

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.O-O Sxe4 5.Te1 Sd6 6.Sxe5 Le7 7.Lf1 Sxe5 8.Txe5 O-O 9.d4 Lf6 10.Te1 Te8 11.Lf4 Txe1 12.Dxe1 Se8 13.c3 d5 14.Ld3 g6 15.Sa3 c6 16.Sc2 Sg7 17.Dd2 Lf5 18.Lxf5 Sxf5 19.Se3 Sxe3 20.Dxe3 De7 21.Dxe7 Lxe7 22.Te1 Lf8 23.Kf1 f6 24.g4 Kf7 25.h3 Te8 26.Txe8 Kxe8 27.Ke2 Kd7 28.Kd3 Ke6 29.a4 a6 30.f3 Le7 Remis

Es steht 6:6

Weiterer Spielplan:

30.11.2016: Tiebreaks

Modus:

Gespielt werden vier Partien Schnellschach. Jeder Spieler erhält 25 Minuten Bedenkzeit und 10 Sekunden pro Zug. Sollte es nach den Schnellpartien 2:2 stehen folgen Blitzpartien bis zur Entscheidung. Zuerst maximal fünf Mini-Matches zu zwei Partien. Gibt es auch dann noch keine Entscheidung folgt eine Armageddon Partie in der Schwarz weniger Bedenkzeit erhält als Weiß, ihm aber ein Remis reicht.

  • österreichischer schachbund

    Der österreichische Supergroßmeister Markus Ragger analysiert.

  • Die zwölfte Partie zwischen Magnus Carlsen ...
    foto: apa/afp/betancur

    Die zwölfte Partie zwischen Magnus Carlsen ...

  • ... Sergej Karjakin brachte keine Entscheidung.
    foto: apa/afp/betancur

    ... Sergej Karjakin brachte keine Entscheidung.

  • Eine komplizierte Stellung.
    grafik: jinchess.com

    Eine komplizierte Stellung.

  • Nach 30…Le7: Keine komplizierte Stellung, sondern ein totes Remis. Was zwischen den beiden Diagrammen liegt, lohnt kaum die Betrachtung.
    grafik: jinchess.com

    Nach 30…Le7: Keine komplizierte Stellung, sondern ein totes Remis. Was zwischen den beiden Diagrammen liegt, lohnt kaum die Betrachtung.

  • Die Partie im Schnelldurchlauf.

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