November: Der Schicksalsmonat für Ex-Jugoslawien

29. November 2016, 10:14
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Einige Schlüsselereignisse in der Geschichte Ex-Jugoslawiens und seiner Nachfolgestaaten fallen in den elften Kalendermonat

"April, April, der weiß nicht, was er will": Dieses Frühlingslied kann man in Ex-Jugoslawien ruhig auf den November umdichten. Kaum ein anderer Monat war von den Anfängen des gemeinsamen jugoslawischen Staates 1918 bis zu seinem blutigen Ende in den 1990er-Jahren so schicksalsträchtig wie dieser.

Nachdem am 28. Oktober 1918 der österreichisch-ungarische Kaiser Karl das 14-Punkte-Programm des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson akzeptiert hatte, konnten sich jene südslawischen Territorien, die davor Teil Österreich-Ungarns gewesen waren, in den sogenannten Staat der Slowenen, Kroaten und Serben (kurz SHS-Staat) vereinigen. Der SHS-Staat, der die heutigen Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina sowie Teile der Wojwodina umfasste, strebte nach einer raschen Vereinigung mit den damals unabhängigen Königreichen Serbien und Montenegro.

Am 9. November 1918 wurde in der Genfer Konvention die Vereinigung des Königreichs Serbien mit dem SHS-Staat beschlossen. Nachdem der montenegrinische König Nikola ins Ausland geflüchtet war, beschloss die Versammlung von Podgorica, ein fünftägiges Ad-hoc-Parlament, am 26. November 1918 die bedingungslose Vereinigung Montenegros mit Serbien unter der Herrschaft der serbischen königlichen Familie Karađorđević. Einen Tag zuvor, am 25. November 1918, kamen die ehemals ungarischen Provinzen Baranya, Batschka und Banat unter die Herrschaft des Königreichs Serbien – ein Datum, das der aktuelle serbische Präsident Tomislav Nikolić als einen neuen Staatsfeiertag in Serbien etablieren möchte.

Am 1. Dezember 1918 vereinigten sich schließlich der SHS-Staat und das Königreich Serbien ins Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Dieser erste jugoslawische Staat wurde 1929 in Königreich Jugoslawien umbenannt.

Avnoj und Zavnobih

Das Erste Jugoslawien der Zwischenkriegszeitdas durch starke Antagonismen zwischen dem großserbischen Zentralismus der Dynastie Karađeorđević und kroatischen Autonomiebestrebungen geprägt war, verschwand in den ersten Apriltagen 1941 unter dem Angriff Hitler-Deutschlands von der Weltkarte. Der nächste Anlauf zur Gründung eines neuen jugoslawischen Staates wurde ebenfalls in einem November unternommen. Am 29. November 1943 versammelten sich im bosnischen Jajce – auf dem größten von den Ustascha und der Wehrmacht durch Tito-Partisanen befreiten Territorium – antifaschistische Delegierte zur zweiten Avnoj-Konferenz.

Der Avnoj (Antifaschistischer Rat der nationalen Befreiung Jugoslawiens) war ein Führungsgremium der Befreiungsakteure im Zweiten Weltkrieg auf dem Territorium des ehemaligen Königreichs Jugoslawien. Seine Beschlüsse vom November 1943 legten den Grundstein eines zukünftigen jugoslawischen Staates. Der 29. November wurde im sozialistischen Jugoslawien als der Tag der Republik gefeiert.

jugoslavenski kanal
Die populäre jugoslawische Band Zabranjeno pušenje hat dem 29. November, dem Tag der Republik, 1987 einen Song gewidmet. Der bissige und sarkastische Text lässt das baldige Ende Jugoslawiens erahnen.

Nur vier Tage davor, am 25. November 1943, versammelten sich antifaschistische Delegierte aus Bosnien-Herzegowina im benachbarten Städtchen Mrkonjić Grad und legten beim Antifaschistischen Landesrat der nationalen Befreiung Bosnien-Herzegowinas (kurz Zavnobih) die zukünftige politische Ordnung Bosnien-Herzegowinas als Teilrepublik Jugoslawiens fest, indem Muslime (spätere Bosniaken), Kroaten und Serben als gleichberechtigte Völker und Bosnien-Herzegowina als ihr Heimatland definiert wurden. Der Zavnobih-Tag wurde nach der Unabhängigkeitserklärung Bosnien-Herzegowinas als dessen Staatsfeiertag proklamiert.

Diesen Tag lehnen jedoch nach dem Krieg weitgehend die bosnischen Serben ab – mit der Begründung, der Zavnobih-Tag definierte Bosnien-Herzegowina ausschließlich als Teil des mittlerweile nicht existierenden Jugoslawien. Für Bosniaken und bosnische Kroaten ist der 25. November 1943 ein Tag, an dem die bosnisch-herzegowinische Staatlichkeit bestätigt wurde. So ist es seit Jahren in Bosnien-Herzegowina üblich, dass an diesem Tag nur zwei der drei Mitglieder des Staatspräsidiums eine Audienz für das diplomatische Korps organisieren. Für das dritte, serbische Mitglied ist der 25. November ein normaler Arbeitstag, so ist es auch im serbisch dominierten Landesteil Republika Srpska.

Bosniens Zukunft

Der äußerst komplexe und weitgehend nicht funktionierende Staatsapparat von Bosnien-Herzegowina fußt auf dem Friedensvertrag in Dayton von 1995. Und dieser wurde auch im November unterzeichnet. Nach rund drei Wochen Verhandlungen im US-amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Wright-Patterson nahe der Stadt Dayton im US-Bundesstaat Ohio wurde das Abkommen zwischen den Präsidenten von Serbien, Slobodan Milošević, Kroatien, Franjo Tuđman, und Bosnien-Herzegowina, Alija Izetbegović, paraphiert.

Das Abkommen und eine darin enthaltene Verfassung regelten die Nachkriegsordnung Bosnien-Herzegowinas als dezentraler Staat mit zwei Entitäten und drei konstitutiven Völkern: Ein Zustand, der sich auch mehr als zwanzig Jahre nach Kriegsende auf die Funktionsfähigkeit dieses zukünftigen EU-Kandidatenlandes desaströs auswirkt. (Nedad Memić, 29.11.2016)

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