Jill Stein: Medienaffine Kämpferin gegen "Protofaschisten"

Kopf des Tages28. November 2016, 18:02
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Grünen-Kandidatin Jill Stein ärgert Trump mit der Neuauszählung

Sie galt immer mehr als Aktivistin denn als Politikerin. Das war schon so, als Jill Stein vor bald 20 Jahren Kohlekraftwerke in Massachusetts schließen lassen wollte. Und auch jetzt weiß die US-Präsidentschaftskandidatin von 2012 und 2016, dass sie mit ihrer Initiative zur Neuauszählung der Stimmen in Wisconsin, Pennsylvania und Michigan, auf die Donald Trump so gereizt reagiert, wohl kaum mehr erreichen wird als mediale Aufmerksamkeit.

"Wir versuchen nicht, Donald Trump zu stürzen", versichert die 66-jährige Grünen-Politikerin, die als Tochter russisch-jüdischer Einwanderer in Chicago zur Welt kam und nach dem Harvard-Studium zweieinhalb Jahrzehnte als Ärztin praktizierte, bevor sie sich der Politik zuwandte. "Was wir wollen, ist ein Wahlsystem, dem man vertrauen kann."

Ob der Sieger nun weiterhin Donald Trump oder doch Hillary Clinton heißt: Stein geht es nach eigenen Worten vor allem darum, das "sehr korrupte Zweiparteiensystem" der USA zu zerschlagen, das 2016 einen "Protofaschisten und eine Korruptionskönigin" ins Rennen geschickt habe.

Politisch aktiv ist Stein, die mit einem Arzt verheiratet ist und zwei erwachsene Söhne hat, seit den 1990er-Jahren. Auch damals ging es um das Wahlrecht: Eine Initiative für mehr Transparenz scheiterte, und das sei ihr "Weckruf" gewesen. "Es reichte nicht mehr, bloß Aktivistin zu sein."

Erfolg im politischen Apparat zu haben, das erwies sich für die talentierte Sängerin und Gitarristin, die in den 1990er-Jahren mit ihrer Band Somebody's Sister vier Alben produzierte, als schwierig: Mehrmals scheiterte sie bei Gouverneurswahlen in ihrer Wahlheimat Massachusetts, auch bei Kongresswahlen. Nur auf Kommunalebene in Lexington bekam sie ein Mandat.

Politisch fährt Stein ein Minderheitenprogramm, das ihr zuletzt ein Prozent der Stimmen brachte: Krankenversicherung für alle, Vollbeschäftigung, Mindestlohn, liberales Einwanderungsgesetz und Abtreibungsrecht, strengere Waffengesetze, Nein zu Atomkraft und Fracking.

Viel Kritik musste Stein einstecken, als sie 2015 an einem Galadinner des von Moskau finanzierten TV-Senders Russia Today teilnahm und an einem Tisch mit Russlands Präsident Wladimir Putin und Michael Flynn, Trumps künftigem Nationalen Sicherheitsberater, saß. Das brachte ihr den Ruf ein, eine Marionette Putins zu sein – ein Vorwurf, den auch Trump, der nächste US-Präsident, gelegentlich zu hören bekommt. (Gianluca Wallisch 28.11.2016)

  • Stein will das "sehr korrupte Zweiparteiensystem" der USA zerschlagen.
    foto: apa/afp/getty images/win mcnamee

    Stein will das "sehr korrupte Zweiparteiensystem" der USA zerschlagen.

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