Der Apfel und kein Stamm

Kommentar28. November 2016, 17:58
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Fendrich, Van der Bellen und ein Scharmützel unter schwarzen Freunden

Alexander Van der Bellen hat sich einen Trachtenjanker zugelegt. Er plakatiert die "Heimat", appelliert an patriotische Gefühle, besucht ein Volksfest nach dem anderen. In seiner Bildsprache wird eine zum Teil kitschige und anrührende Ästhetik bemüht, wie man sie bei einem Grünen bisher nicht kannte. Jetzt auch noch Reinhard Fendrich, der "Turbo im Finale der Kampagne": Der Sänger stellt sein Lied "I am from Austria", das man bisher eher bei freiheitlichen Wahlkampfveranstaltungen zu hören bekam, der Wahlbewegung von Van der Bellen zur Verfügung.

Es schmeckt ein wenig nach Anbiederung, wie ungebremst sich Van der Bellen dem bürgerlichen Lager als ihr Kandidat anträgt. Zu den Grünen, deren Parteichef er immerhin elf Jahre lang war, versucht Van der Bellen als vermeintlich unabhängiger Kandidat eine Distanz zu schaffen, die an Selbstverleugnung grenzt. Dass er in seiner Jugend auch KPÖ gewählt hat, wie die FPÖ nicht müde wird zu betonen, tut Van der Bellen als lässliche Jugendsünde ab. Er sei vielmehr der Kandidat der Mitte, was angesichts des Gegenkandidaten Norbert Hofer, der aus dem weit rechten, wenn nicht rechtsextremen Lager kommt, nicht völlig absurd erscheint.

Van der Bellen weiß, dass er die Wahl nur gewinnen kann, wenn er zumindest Teile des konservativen Lagers für sich gewinnt. Die Klientel von Grünen, SPÖ oder Neos hat er ohnedies auf seiner Seite. Jetzt geht es um die ÖVP-Wähler, von denen viele aufgrund der intensiv gepflegten Gegnerschaft den Grünen skeptisch gegenüberstehen und sich schwertun, Van der Bellen ihre Stimme zu geben. Aber der unternimmt alles, um ideologisch in die Breite zu gehen. Da kann auch Fendrichs Heimweh-Hymne nicht schaden: I bin dei Apfel, du mei Stamm.

In der ÖVP hat dieses Buhlen um bürgerliche Stimmen zu einem kleinen Beben geführt: Parteichef Reinhold Mitterlehner, der keine Wahlempfehlung abgeben wollte, aber durchblicken ließ, Van der Bellen zu wählen, hat Klubchef Reinhold Lopatka Illoyalität vorgeworfen, als sich dieser als Fan von Hofer geoutet hatte.

Es hätte aus Mitterlehners Sicht viele Anlässe gegeben, Lopatka loszuwerden. Die Loyalität zum Parteichef gehört nicht zu Lopatkas Maxime, nach der er sein politisches Handeln ausrichtet. Der Klubchef hat nie lang gefragt, was Mitterlehner braucht oder will, sondern immer eigene Ziele verfolgt. Doch Lopatkas Bekenntnis zu Hofer war ein denkbar ungeeigneter Anlass, den Klubchef zusammenzustutzen. Wenn sich viele Proponenten der ÖVP (Bürgermeister, ehemalige Parteichefs und Landeshauptleute, der Fraktionschef im EU-Parlament) pro Van der Bellen deklarieren und es keine offizielle Linie gibt, dann muss es dem anderen ÖVP-Lager, das es zweifellos auch gibt, ebenfalls gestattet sein, seine Präferenz zu deponieren.

Mit der missglückten Aussprache zwischen Mitterlehner und Lopatka – beide bleiben bei ihrer Meinung – hat der Vizekanzler nur einmal mehr seinen bescheidenen Wirkungskreis in der Partei unter Beweis gestellt. Van der Bellen wird dieses schwarze Scharmützel nicht genutzt oder geschadet haben. Gut möglich aber, dass sich Lopatka die neue Hymne angeeignet und nach dem Treffen mit Mitterlehner die ersten Zeilen von Fendrichs Lied gesummt hat: "Dei hohe Zeit ist lang vorüber, und auch die Höll' hast hinter dir, vom Ruhm und Glanz ist wenig über, sag mir, wer zieht noch den Hut vor dir." (Michael Völker, 28.11.2016)

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