Forscher widmeten sich "fliegenden Blättern" der Reformationszeit

28. November 2016, 17:18
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Historische Vorläufer von Zeitungen, Fernsehen ... oder Twitter

Gotha – Ob die Taufe Christi, Porträts von Martin Luther, mumifizierte Menschen auf der Insel Gran Canaria oder das drastische Bild eines Säufers: Das Themenspektrum der Flugblätter zur Reformationszeit war schier unerschöpflich. Mit rund 700 Exemplaren besitzt die Stiftung Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha aus der Zeit von 1480 bis 1599 einen einmaligen Fundus solcher Einblattholzschnitte.

Vier Jahre lang forschte eine interdisziplinäre Projektgruppe über die "Fliegenden Blätter", die im Mittelalter das schnellste Informationsmedium waren. Am Montag stellten die Wissenschafter der Stiftung, der Universität Jena und der zur Universität Erfurt gehörenden Forschungsbibliothek Gotha das Ergebnis vor: den prachtvollen zweiteiligen Bestandskatalog mit einem Gewicht von 6,5 Kilogramm.

Historischer Hintergrund

Die Reformation hatte die Kirche gespalten. Befürworter und Gegner nutzten zur schnellen Verbreitung ihrer Ideen gedruckte Flugblätter bis in abgelegene Gegenden. Die "fliegenden Blätter" hatten somit im 15. und 16. Jahrhundert die Funktion wie heute Zeitungen, Fernsehen oder Twitter. Durch die Erfindung des Buchdrucks konnten sie zudem in hoher Stückzahl hergestellt werden. Da viele Menschen nicht lesen konnten, spielten Bilder eine wichtige Rolle. Sie waren reine Gebrauchsgüter – und sind heute ein einmaliger Schatz.

Die Flugblätter im Katalog geben Auskunft über das politische, religiöse und gesellschaftliche Geschehen jener Zeit. Porträts der Reformatoren Luther und Melanchthon, ihres Unterstützers Friedrich des Großmütigen und seines Gegenspielers, des katholischen Kaisers Karl V., vermittelten den Menschen einen Eindruck von deren Aussehen. Aber auch Katastrophen, Verbrechen, Missbildungen, Himmelserscheinungen, Fabeln und Gesundheitstipps wurden in teils drastischen Zeichnungen verbreitet.

Bereits in der Kunstkammer des protestantischen Herzogs Ernst des Frommen (1601-1675) gibt es Hinweise auf die Sammlung. Die Kollektion ist nach Angaben der Stiftung nicht mehr vollständig. In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden Stücke verkauft. Nach 1945 wurden große Teile der Sammlung als Entschädigung für Kriegsverluste in die Sowjetunion abtransportiert und kamen in den 1950er-Jahren zurück. Die Stiftung arbeitet an einer Verlustdokumentation. (APA, 28. 11. 2016)

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